Kann man mit Steuern die Ernährungsgewohnheiten ändern? Foto: picture alliance / dpa
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Matthies meint Dünner durch höhere Mehrwertsteuer auf Zucker?

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Adipoditas- und Diabetes-Bekämpfer schlagen eine "gesunde Mehrwehrtsteuer" auf ungesundes Essen vor. Unser Kolumnist ist skeptisch. Eine Glosse.

Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft ist ein wenig irreführend benannt. Denn sie will ja keineswegs die Interessen der dicken Deutschen vertreten, sondern sie im Wege der Prävention verschlanken. Diese Idee eint sie mit den Diabetes-Bekämpfern, die am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz das Konzept der „gesunden Mehrwertsteuer“ vorgeschlagen haben: null Prozent auf alles, was nach aktuellem Stand als top-gesund gilt (Gemüse, Gemüse, Gemüse), sieben Prozent wie bisher auf alles, was so mittel ist wie Nudeln oder Steaks, und 19 Prozent Minimum auf alles, was zu den essbaren Volksfeinden gezählt wird, also beispielsweise Zucker und Butter.

Angesichts der verwirrenden Springprozession der Ernährungswissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten klingt das ziemlich anstrengend. Müssen wir damit rechnen, dass die ohnehin schon ziemlich verwirrenden Mehrwertsteuersätze nun auch noch wie an der Börse den jeweils aktuellen Erkenntnissen folgen? Obst zum Beispiel, höre ich, ist gegenwärtig nicht so gut beleumundet wie Gemüse, aber besser als Fleisch – wie würde das steuerlich umgesetzt? Was ist mit Vollkorn- kontra Weißbrot?

Der reiche Dicke hat Nachteile

Aber auch sonst bleiben Fragen. Eine Idee wird schemenhaft erkennbar: Die Curry-Pommes rot-weiß würde auf der Basis der gesunden Mehrwertsteuer, sagen wir, 5,40 Euro statt früher 5 kosten. Da ist es einwandfrei möglich, dass der arme Dicke sagt, oh Schreck, da esse ich lieber gedünstete Pastinaken, hole mir für heute Abend noch einen Kopfsalat und haue mir zur Verdauung kein Flens, sondern Sauerkrautsaft rein. Gut! Der reiche Dicke aber wird sagen: Mir doch egal, krieg’ ich noch Ketchup?

Resultat: Der Arme wird dünner, der Reiche dicker, und nach ein paar Jahrzehnten haben Arme und Reiche die gleiche Lebenserwartung – praktizierte soziale Gerechtigkeit. Außer natürlich, das ist alles Quatsch und folgt dem Schicksal der dänischen Fettsteuer, die vor ein paar Jahren eingeführt und kurz danach wegen erwiesener Sinnlosigkeit wieder abgeschafft wurde.

Wirklich hilfreich wäre nur die Einführung des Body-Mass-Index (BMI) in die Einkommensteuertabelle. Höher als 25? Macht zehn Prozent Zuschlag. Irgendwie muss Deutschland doch gesund zu kriegen sein!

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