Blick auf die alte Oberstadt und den Hausberg von Zagreb, den Bärenberg. Foto: J. Duval/Visit Kroatienp

Zagreb Die große Unbekannte

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Urlauber reisen an die kroatische Küste, wo das Meer türkisfarben ist. Dabei wandelt sich die Hauptstadt mehr als jede andere Stadt im Land.

Zagreb ist die Hauptstadt Kroatiens, mit fast 800 000 Einwohnern der größte Ort des Landes und trotzdem eine touristische Unbekannte. Die Stadt am Fluss Save wurde erst im 11. Jahrhundert gegründet. Sie liegt am Rande eines Gebirgszugs und ist historisch in die Oberstadt mit der Burg und die neuere Unterstadt aufgeteilt. Agram hieß sie lange unter den Habsburgern – und die Österreicher waren es, die aus der Provinz- eine Repräsentationsstadt gemacht haben. Ockerfarbene Prachtbauten, geschwungene Jugendstilgebäude, man wähnt sich manchmal in einer vergessenen Ecke Wiens.

Alt und bewährt

Ein Rundgang beginnt dort, wo auch Zagreb schon steinalt ist: an der Kathedrale. Sie wurde 1093 errichtet und nach einem Erdbeben im 19. Jahrhundert völlig neu wiederaufgebaut, statt des früheren Campanile gibt es nun zwei scharfzackige Türme aus weißem Kalkstein. Innen wartet auf die Besucher eine überraschende Verbindung von katholischem Pomp und kapitalistischem Glamour. Die drei Kronleuchter im Mittelgang stammen aus einem Casino in Las Vegas. Als dieses renoviert wurde, kaufte ein kroatischer Geschäftsmann die Kandelaber auf, stiftete sie der Kirche und – siehe da: Sie passen perfekt hinein.

Ein Blauwal an der Fassade. Streetart in Zagrebs Zentrum. Foto: Ulf Lippitzp

Umsonst und draußen

Die Stadt erfüllte jahrhundertelang einen einzigen politischen Zweck. Sie diente als Bollwerk gegen die Osmanen. Dann war sie Teilrepublik von Jugoslawien, erst seit 1991 ist sie Kapitale einer unabhängigen Demokratie. Manche Wände sehen vielleicht deshalb so marode aus und bröckeln geschichtsträchtig vor sich hin. Dutzende Streetart-Bilder sind das bunte Heftpflaster für den grauen Stein. Oben auf der Burg schwimmt ein Blauwal über ein verlassenes Bürogebäude, auf dem ehemaligen Messegelände schmücken diverse Comicfiguren ein Mural – und an vielen Brunnen hat sich die Crew „Pimp my Pump“ verewigt.

Neu und überraschend

Die Kroaten prägen die Männermode bis heute. Von ihnen respektive ihrer Armee stammt die Krawatte. Jetzt ziehen die Frauen nach. Mihaela Markovic hat in Mailand und Nottingham Design studiert, sie verkauft in London ihre Strickmode – und ist doch nach Zagreb zurückgekehrt, um von hier aus ihre Karriere zu steuern. „Ich bin patriotisch“, gibt die 27-Jährige in ihrem Geschäft in den Oktogon-Arkaden zu. „Zagreb ist die einzige Stadt Kroatiens, die sich verändert“, sagt sie. Nur deshalb halte sie es hier aus. Ihr kleiner Laden, der schon von der „Vogue“ geadelt wurde, befindet sich in direkter Nachbarschaft zu Zagrebs teuerstem Krawattenmacher.

Tolle Bar

Im Zentrum gilt das Berlin-Mitte-Prinzip der 90er Jahre: Je schäbiger eine Fassade, desto interessanter der Hinterhof. Cafés, vegane Restaurants, schicke Bars setzen sich dem Verfall entgegen. Mihaela Markovic empfiehlt das „Swanky Monkey“ (Ilica 50), das man durch eine unauffällige Toreinfahrt erreicht. Das Gebäude im Hinterhof war früher eine Färberei, heute ist es zu einem Hostel und einer Bar auf drei Ebenen umgebaut. Unten eine Kneipe, darüber ein Sommergarten und schließlich eine Open-Air-Bar. Bunte Glühbirnen hängen im Garten, Gäste sitzen auf Liegestühlen neben Fächerpalmen und trinken kroatisches Bier. Angeblich müssen die Kellner hier ein Model-Casting durchlaufen, die einheimischen Gäste bevorzugen lieber Normcore-Kleidung: Kapuzenpullis und Jeans.

Frauen auf dem Markt vom Dolac. Foto: Vrdoljak/Visit Kroatienp

Restaurant mit junger Küche

Mihaela Markovic isst gern im „Vjestica“ in der Oberstadt (Vranyczanyeva ul. 6). In dem rustikalen Bistro gibt es typische kroatische Gerichte, zum Beispiel deftiges Pureci Zabatak, Truthahnschenkel mit Pasta. Die Nudeln werden dafür extra in der Pfanne im Bratenfett des Geflügels gewendet. Deftig. Dass der Mittagsgast nach der Völlerei nicht wegdöst, dafür sorgt die Kanone am nahen Lotrscak-Turm. Jeden Tag um 12 Uhr wird sie abgefeuert. Und sie macht wirklich wach. Als Dessert empfiehlt sich Strukli, Topfenknödel aus Zagreb. Im „La Struk“ (Skalinska ul. 5) bietet die Küche nichts anderes an: mit Blaubeeren, Apfel und Zimt oder auch mit Trüffeln. Das ist alles keine mediterrane feine Küche, sondern zeigt die Nähe zur Habsburger Kalorienherrschaft. Im hübschen Garten verzeiht man sogar die Endlosschleife der Kuschelrockmusik. Chris Rea, Phil Collins und Simply Red passen irgendwie gut zu den guilty pleasures auf dem Teller.

Markt

Die Einwohner von Zagreb treffen sich mindestens einmal pro Woche auf dem Dolac, dem „Bauch von Zagreb“, gleich unterhalb der alten Stadtmauern. Er liegt nur einige Meter von der Kathedrale entfernt, hier gibt es praktisch alles, was man in den Restaurants bereits probiert hat: Trockenpflaumen, Aprikosen, Olivenöl, Wintrauben oder Ajvar, eine ortstypische Würzpaste aus Paprika. Der Dolac zog 1926 an seinen heutigen Ort, nachdem ein alter Häuserblock dafür abgerissen wurde. Unter der Freifläche liegt eine zweite überdachte Markthalle mit Fleischständen. Würste, Schinken und Pager Käse, ein Schafskäse von der Insel Pag, hängen an den Ständen. In einer gesonderten Halle bieten die Fischer ihre Produkte von der kroatischen Küste an (außer montags). Typisch sind die Marktfrauen, Kumice genannt, die ihre garteneigenen Erzeugnisse verkaufen – und zwar nur unter den roten Schirmen mit dem typischen Linienmuster des Dolac.

Aktiv

Die Zagreber gehen regelmäßig auf ihren 1037 Meter hohen Hausberg, den Bärenberg. Direkt vom Zentrum führt ein Wanderweg bis zur Spitze, drei Stunden muss man für einen gemächlichen Aufstieg durch Birkenwälder einplanen. Im Winter fahren viele Einheimische im Bus mit ihren Skiern hoch und rasen dann talwärts nach Hause. Oder sie nehmen lieber gleich den Skilift, der zur Spitze des Sljeme führt. Wie bei fast jeder Aktivität in Zagreb wartet auch hier am Ende eine deftige Belohnung: Mehrere Berghütten servieren Mahlzeiten für ausgehungerte Spaziergänger.

Der imposante Eingang des Mirogoj-Friedhofs. Foto: Vrdoljak/Visit Kroatienp

Architektonisches Highlight

Selbst die Fremdenführer geben zu: Es gibt keine einprägsamen Gebäude in Zagreb, die man auf der ganzen Welt der Stadt sofort zuordnet. Kirchen, Burgen, jugoslawische Neubauten – sehen Besucher anderswo spektakulärer. Zagreb ist eine Mittelstadt, eine bescheidene Version von Budapest oder Prag und frei von Monumentalfantasien. Gerade deshalb ragt das Heim kroatischer bildender Künstler aus dem Habsburg-Mittelalter-Gemisch heraus. Der schneeweiße kreisrunde Bau wurde 1938 im Stil des italienischen Faschismus entworfen und ist mitnichten eine Wohnanlage, wie der Name vermuten ließe, sondern ein Ausstellungspavillon. Erdacht hat ihn der berühmteste Bildhauer des Landes, Ivan Mestrovic, der auch in Zagreb lebte. Auf einem quadratischen Platz errichtete er das Gebäude. Klare Linien, schmale Säulen, klassische Anmutung. Und multifunktional. In den 40er Jahren war für kurze Zeit eine Moschee dort untergebracht, heute wechseln sich Ausstellungen ab. Vor dem Haupteingang hat Mestrovic eine pompöse Treppe mit Brunnen hingesetzt, die Skater danken es ihm. An den halbrunden Steinbänken schrammen sie sich regelmäßig ihre Knie auf, wenn sie ihre tollkühnen Kunststücke üben.

Ausruhen

Von weitem sieht der Mirogoj-Friedhof mit seinen vielen Kuppeln wie ein Maharadschapalast im Grünen aus. Hier finden Christen, Juden und Muslime gemeinsam ihre letzte Ruhe. Ein schönes Areal mit vielen verwunschenen Arkadengängen und wackligen Holzbänken. Der Friedhof ist von der Stadt leicht mit der Straßenbahn zu erreichen.

Bestes Panorama

In den Gassen der Oberstadt verlieren Reisende leicht den Überblick. Die Stadt von oben können sie am besten auf dem Zagreb Eye verstehen, der Aussichtsplattform auf dem ältesten Wolkenkratzer der Stadt. Das 70 Meter hohe Glasgebäude wurde in den 1950er Jahren in der Nähe des Hauptplatzes gebaut. Angeblich hassen Zagreber dieses Hochhaus, weil das Dunkelblau schlecht zwischen die alten Häuser passt. Immerhin erkennt man von der 16. Etage aus, wie sich Zagreb ausgedehnt hat. Von der mittelalterlichen Trutzburg am Bärenberg bis hinüber auf die andere Seite des Flusses, wo die sozialistische Neustadt in die Tiefebene mäandert. Den Straßenbahnen zuzusehen, die sich wie Spielzeugzüge durch die Straßen schlängeln, hat etwas Hypnotisches.

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