Barbara Becker und Martin Tauber sind nun in Sachen Skilanglauf fast auf Augenhöhe. Foto: Heinz Holzknecht
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Winter inSeefeld In der Spur: Langlaufen mit Barbara Becker

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Sie könnten im Pool in Miami liegen – doch Barbara Becker sprach zu ihrem Freund Juan Lopez Salaberry: Auf geht’s nach Seefeld in Tirol! Über den Rhythmus der Loipe.

Unter ihr ist nichts als der Schnee von gestern, aber sie sieht aus, als gäbe es gar keinen vertrauenswürdigeren Untergrund. Natürlich, man könnte sagen, der Schnee von gestern ist die Lawine von morgen. Aber die meisten denken doch anders. Ausgerechnet diese Form von betagtem Niederschlag hat einen noch schlechteren Ruf als die Zeitung des gleichen Datums. Und wie vieles im Leben ist Schnee von gestern: Männer. Orte. Jahre.

Niemand würde ihr glauben, leugnete ausgerechnet sie das. Barbara Becker, 51 Jahre alt, steht auf zwei schmalen Langlaufskiern und schaut den Mann mit dem neongrünen Bommel auf der Mütze ironisch an. Sie nennt ihn „meinen besten und einzigen Skilehrer“. Martin Tauber ist der Souverän des Niederschlags von gestern. Das „Schnee-Ablegen“ wurde soeben beendet, die erste Seefelder Langlaufloipe ist fertig, komplett gemacht aus dem letzten Winter. Vielleicht steht Barbara Becker sogar auf demselben Schnee, auf dem sie vor einem Jahr Skilanglauf gelernt hat. Solche Gedanken, solche Kreisläufe mag sie.

Den ganzen Sommer über ist Tauber in den Wald gegangen und hat nachgeschaut, wie es seinem angetauten alten Schnee geht, 6000 Kubikmeter. Die lagen unter Holzspänen geschützt in einer riesigen Grube und „übersommerten“. Tauber sagt das mit tiefem Tiroler Ernst.

Palmen! Wie merkwürdig!

Diesen Ernst liebt sie. Nicht viele können Schnee so erklären wie er, der Herr Holle der Olympiaregion Seefeld. Keine Flocke gibt es zweimal, und eine neue ist filigraner als eine Veteranin, gar eine vom vorletzten Jahr. Solche müssen auch noch in der übersommerten Schneedecke stecken, die Barbara Becker nun als Erste befahren darf. Nur 15 Prozent Schwund, sagt Tauber und ist auf dieses Ergebnis mindestens so stolz wie auf seinen fünften Rang mit Österreichs Ski-Staffel bei den Weltmeisterschaften 2005 oder seinen zweiten Rang über 15 Kilometer klassisch beim Skilanglauf-Weltcup 2006. Die Liste ist noch lang, sehr lang.

Langlaufen in Seefeld. Die Sportart hat unter den Deutschen die meisten Neu- und Wiedereinsteiger. Foto: Olympiaregion Seefeld
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Menschen, die vor allem Schnee von gestern im Kopf haben, nennen Taubers begabte Schülerin auch die berühmteste Ex-Frau Deutschlands. So etwas überhört sie. Was für ein deplatziertes Präfix. Allein wie sie aussieht: Ihr Ex ist ein alter Mann dagegen, optisch und als Unternehmer sowieso. Mit 50 Jahren, das glauben nicht nur Betroffene, befindet sich eine Frau längst in der Nachspielzeit. Sie nicht. Wahrscheinlich war das Unterbewusstsein des neuen Mannes an ihrer Seite sehr irritiert, als er seiner Freundin unlängst zum 51. Geburtstag gratulierte. Der argentinische Geschäftsmann Juan Lopez Salaberry ist fast 18 Jahre jünger.

Als Barbara Becker im letzten Jahr nach Seefeld kam, plante sie ursprünglich nichts anderes als der Schnee von gestern: ein wenig übersommern, nichts weiter. Sie hatte vor ihrem Haus in Miami gesessen und gedacht, dass es im Leben noch etwas anderes geben müsse als blauen Himmel, 30 Grad, Palmen und Meer. Und immer nur den Kopf über Wasser, auf dem Standfahrrad im eigenen Pool zu sitzen, ist, was das Gefühl der zurückgelegten Entfernung betrifft, bald desillusionierend. Auch ertappt sie sich manchmal beim Blick in den Garten bei dem Gedanken: Palmen! Wie merkwürdig! Noch immer.

"Ich bin das Kind einer Waldorfschullehrerin"

Eine nichtmerkwürdige Pflanze dagegen ist der Hahnenfuß. Der Hahnenfuß ist Heimat. „Ich war nicht nur eine Waldorfschülerin, ich bin das Kind einer Waldorfschullehrerin“, wird sie nachher sagen, zurück von der Loipe, neben einem großen Kamin sitzend, wie ihn kein Mensch in Miami in seine Häuser baut. Die Fähigkeit zur Bestimmung des Hahnenfußes gehört in der Waldorfperspektive auf das Leben zu den Grundqualifikationen des Menschseins. Sie kannte kein einziges Fernsehprogramm, aber alle Beerenarten. Und Heimat ist nichts anderes als der Rücken der Erde, den man selbst erwandert hat. Ihre Söhne wissen, was es heißt, das Kind einer Waldorfschülerin zu sein. Halbe Tage durch ein ausgetrocknetes Flussbett zu laufen, gehörte noch zu den leichteren Übungen.

Wir fahren nach Österreich wandern, erfuhr Juan Lopez Salaberry im Sommer 2016. Unsere Fußgängerzone ist 142 Kilometer lang, behauptet das örtliche Tourismusbüro. Barbara Becker überprüfte das. Sie wohnten im ersten Haus am Platz, natürlich, denn lange gab es gar kein zweites. Seefeld, das war einmal ein Kloster auf einem Hochplateau mit einem See daneben und umstellt von hohen Bergen, gegründet genau ein Jahr vor Luthers Auskunft, dass Klöster Schnee von gestern sind, tendenziell. Inzwischen erfüllt das alte Haus Wünsche, auch kulinarische, von denen nicht einmal Barbara Becker wusste, dass sie sie hatte.

Das „Klosterbräu“ feierte 2016 gerade sein halbtausendjähriges Bestehen, als der noch nicht ganz so alte Wirt der Fußgängerin aus Miami erklärte, dass Seefeld im Sommer ganz gewiss nicht ohne Reiz sei, aber vielleicht doch nur die kleine Schwester von Seefeld im Winter. Und Barbara Becker sprach zu Juan Lopez Salaberry: Wir gehen Ski fahren in Österreich!

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