Die Menschen werden heute oft mit Trauer allein gelassen. Foto: imago/AllOver
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Wie wir mit dem Tod umgehen Totenstille: Die Angst, das Falsche zu sagen
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Da sein und dranbleiben

Betroffene brauchen immer wieder jemanden, der zuhört. Illustration: Katharina Metschl für den Tagesspiegel
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Die Zurückhaltung gegenüber Trauernden hat aber wohl noch einen anderen Grund. „Jeder macht heute sein eigenes Ding, alle sind vollgepackt mit Terminen“, meint Walschburger. Das Leben scheint sich permanent zu beschleunigen. Laut einer aktuellen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes sagen 41 Prozent der Arbeitnehmer, dass ihnen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung häufig die Energie fehle, sich am Feierabend der Familie oder Freunden zu widmen. Wer ist da noch bereit, sich um jemanden zu kümmern, dem es dauerhaft schlecht geht?

Wenn man sich auf die Trauer eines Freundes einlässt, wird einem unweigerlich bewusst, wie fragil auch das eigene Glück ist. Der Schriftsteller Julian Barnes schreibt in seinem Buch „Lebensstufen“, wie sein Umfeld auf den Tod seiner Frau reagiert hat: „Manchen Freunden macht das Leid ebenso viel Angst wie der Tod; sie gehen einem aus dem Weg, als fürchteten sie, sich anzustecken.“

Das könnte ein Grund dafür sein, warum es seit den 80er Jahren professionelle Trauerbegleitung in Deutschland gibt. Die Berliner Trauerbegleiterin Maria Wedel sagt, dass sich heute mehr Menschen an sie wenden als noch vor wenigen Jahren. Manche ihrer Klienten fürchteten, ihrem Umfeld zur Last zu fallen. In der Trauerbegleitung finden sie dagegen einen geschützten Raum, in dem sie ihren Schmerz, ihre Angst und Wut ausleben können. Über den Verstorbenen zu sprechen, sei besonders wichtig, meint Wedel: „Wenn die Trauernden erzählen dürfen, wie der Verstorbene war, was er am liebsten gegessen hat oder wie er gegangen ist, lächeln sie sogar.“ Wedel bildet auch Gruppen. Dort treffen ihre Klienten auf andere Betroffene und können neue soziale Kontakte aufbauen.

"Das ist wie eine Amputation"

Ihr Rat für die Angehörigen und Freunde ist ganz einfach: Da sein und dranbleiben. „Solange wir uns nicht abwenden, haben wir alles richtig gemacht.“ Auch Ulla Engelhardt schreibt: „Die Erwartung des Trauernden ist nicht, dass jemand kommt, der alles wiedergutmacht, sondern einfach nur, dass jemand kommt.“ Der Betroffene brauche immer wieder jemanden, der zuhört. Das bedeute auch, dessen Verzweiflung auszuhalten, ohne sofort trösten zu wollen: „Eine Zeit lang sind Trauernde untröstlich“ – und alle Versuche, sie von diesem Gefühl entfernen zu wollen, fühlen sich für sie falsch an.

Ariane Menge erzählt von einem Freund, der kurz nach Carstens Tod zu ihr gesagt habe: „Ich finde, ihr habt sowieso nie zusammengepasst.“ Menge sagt, das habe sie tagelang fertiggemacht. Der Freund dachte wohl, es könnte helfen. Es gibt da keine Abkürzung, egal wie man es anstellt, glaubt Menge. Bei ihr hat es drei Jahre gedauert, bis sie gespürt hat, dass sie sich wieder für etwas begeistern konnte, dass sie wieder leben wollte, und glücklich sein.

Inzwischen hat sie einen neuen Partner gefunden und ist Mutter eines Sohns. Aber ganz richtig, so sagt sie das, wird es wohl nie wieder werden. „Das ist wie eine Amputation. Die bleibt.“ Bis heute trifft sie sich jedes Jahr an Carstens Geburts- und Todestag mit seiner Mutter. Beiden tut es gut, wenn sie sich gemeinsam an ihn erinnern können. Julian Barnes fasst das so zusammen: „Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“

* Alle Namen geändert.

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