Auf der anderen Seite. Der deutsche (links) und der sowjetische Pavillon standen einander gegenüber. Abbildung: AKG Imagesp

Weltausstellung 1937Krieg der Paläste

von Bernhard Schulz0 Kommentare

In Frankreich treffen sich die Diktaturen Hitlers und Stalins – und errichten Propaganda aus Stein.

Zwei Diktaturen sollten sich in friedlichem Wettstreit präsentieren

Ein Plakat wirbt für den deutschen Auftritt auf der Weltausstellung. Foto: bpk / Kunstbibliothek, SMB / Knup

Die Sowjetunion allerdings galt der politischen Linken als Land der Verheißung, als „Vaterland aller Werktätigen“, wie sie sich selbst darstellte. Der Terror Stalins, der gerade 1937 seinen Höhepunkt erreichte, öffnete vielen die Augen; vielen allerdings auch nicht. Insbesondere die Schriftsteller und Intellektuellen hielten an ihrem Bild einer demokratischen und sozialistischen Sowjetunion fest, die sich doch gerade erst, Ende 1936, die angeblich „freiheitlichste Verfassung der Welt“ gegeben hatte und nun, 1937, den 20. Jahrestag ihrer siegreichen Oktoberrevolution feierte.

Die Gegenüberstellung von deutschem und sowjetischem Pavillon an der prominentesten Stelle des Bereichs der ausländischen Beiträge war durchaus kein Zufall. Die mittlerweile mächtigsten Staaten Europas sollten sich, so die Hoffnung der Ausrichter, in friedlichem Wettstreit präsentieren. Die Ironie der Geschichte will es, dass die beiden massiven Pavillons die einzigen waren, die am Eröffnungstag zur Gänze fertiggestellt waren. Überall sonst hatten Streiks, die die französischen Gewerkschaften zur Durchsetzung höherer Löhne ausgerufen hatten, die Fertigstellung behindert. Die war nämlich symbolisch auf den 1. Mai angesetzt worden – in Frankreich seit 1919 Feiertag -, musste aber um vier Wochen verschoben werden, bis die Ausstellung einigermaßen fertig war.

25 Pavillons zeigten „la France profonde“, das Frankreich der Provinz

Es wäre allerdings verkehrt, die Pariser Weltausstellung auf die Selbstdarstellung der beiden Diktaturen zu reduzieren. Ein großer Bereich war dem „modernen Leben“ gewidmet: Es gab einen gläsernen „Palast der Luft“ zur Luftfahrt, dem Technikthema dieser Zeit und gleichermaßen en vogue in Diktaturen wie Demokratien. Dieser „Palais de l’air“ stand auf dem anderen Seine-Ufer, der Seite von Marsfeld und Eiffelturm. Daran schlossen sich der „Palast der Eisenbahnen“ sowie der „Pavillon des Lichts“ an, der die Elektrizität und die durch sie eröffneten Möglichkeiten feierte. Welchen Unterschied in der Verbreitung des technischen Fortschritts es zwischen Europa und Nordamerika gab, sollte zwei Jahre darauf die „echte“ Weltausstellung in New York zeigen – die aber wegen des kurz darauf ausbrechenden, zunächst auf Europa begrenzten Weltkriegs bei Weitem nicht die Aufmerksamkeit erfahren hat wie ihr Pariser Vorgänger.

Ein Großteil des Ausstellungsgeländes war den französischen Regionen gewidmet; nicht weniger als 25 Pavillons in vermeintlich „typischer“ Regionalarchitektur zeigten „la France profonde“, das „tiefgründige“, unveränderliche Frankreich der Provinz. Zum anderen gab es das „Zentrum des Handwerks“ oder „der handwerklichen Tätigkeiten“, wo sich entlang der Seine Pavillons zu Themen von Landwirtschaft bis Mode erstreckten. Auch Privatunternehmen glänzten in eigenen Pavillons. Vertreten waren unter anderem der Glasfabrikant Saint-Gobain, der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé und der niederländische Elektrogigant Philips; dazu mehrere Hersteller von Hochprozentigem wie Byrrh, Cinzano oder Pernod.

Drei Jahre später standen Hitler und Speer auf der Terrasse des Palais de Chaillotn

Was blieb von der Weltausstellung? Erstaunlich viel, jedenfalls im Vergleich zu Weltausstellungen in anderen Städten. Das Palais de Chaillot auf einer Anhöhe über der Seine beherbergt bis heute das damals eröffnete „Museum des Menschen“, das etwas weiter entfernt gelegene Palais de Tokyo das ebenfalls neue „Museum der modernen Kunst“. Überhaupt vollzog die Volksfront-Regierung mit diesen Institutionen und ihren Gebäuden den Schritt in die kulturelle Moderne; zudem vergab das Ausstellungskommissariat bedeutende Aufträge zur Ausgestaltung der Pavillons an Künstler der Moderne wie Sonia und Robert Delaunay.

Die Pavillons der beiden Diktaturen Deutschland und Sowjetunion und ihre Architekten Speer und Iofan wurden übrigens gleichermaßen mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Der zur Eröffnung gezeigte NS-Film „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl erhielt vom Festkomitee gar die Auszeichnung als „bester Dokumentarfilm“. Als ihn die Nachricht erreichte, wollte Hitler es zuerst nicht glauben. Die Propaganda hatte obsiegt.

Fast genau drei Jahre später standen Hitler und Speer am frühen Morgen auf der Terrasse des 1937 erbauten Palais de Chaillot, von wo sich der Blick auf das Marsfeld und den Eiffelturm erstreckt. Die Weltausstellung war längst abgeräumt, aber ihre Bilder gruben sich tief ins Gedächtnis der Nachwelt ein.