Vom Junkie-Darsteller zum Sozialarbeiter. „Früher war hier Endstation.“ Thomas Haustein am Bahnhof Zoo, dem Schauplatz der Geschichte um Christiane F. Foto: MikeWolffp
Vom Filmidol zum Drogenberater Thomas vom Bahnhof Zoo
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Er kiffte, nahm LSD - aber nie Heroin

Berlin 1981. Detlef (Thomas Haustein) und Christiane (Natja Brunckhorst) im Film von Uli Edel. Foto: imago/United Archivesp

Thomas Haustein war nie ein guter Schüler. Nach dem Film wurde er einer der ganz Schlechten. Blieb sitzen, zog sich zurück. Zog um die Häuser. Einen Fernseher gab es zu Hause nicht. Er färbte sich die Haare, mal knallrot, mal wasserstoffblond, bis welche ausfielen. Er experimentierte mit Drogen herum. Haschisch, LSD, Heroin nie. Dafür war der Film zu krass. „Ich war immer ziemlich kontrolliert, hab’ geringe Dosen genommen“, erzählt er. „Aber ein Rausch hat schon etwas Faszinierendes.“

Manche im Bekanntenkreis fingen mit Heroin an und konnten wie Christiane und Detlef nicht mehr aufhören. Jahre später sah Thomas Haustein sie als Suchtberater wieder. Er sagte sich nie: Jetzt reicht es, jetzt ist Schluss. Mit Mitte 20 verlor er einfach das Interesse.

Zur gleichen Zeit endete sein Sozialarbeitsstudium, das er angefangen hatte, um erst mal überhaupt was zu tun. So orientierungslos wie er nach der Schule war. Jetzt musste er sich überlegen, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Thomas Haustein machte ein Praktikum bei einer Suchtberatungsstelle am Kottbusser Tor. Wieder, sagt er, sei das keine durchdachte Entscheidung gewesen, sondern eine aus dem Bauch heraus. Welchen Einfluss der Film auf seinen Berufsweg hatte, kann er nicht sagen, auch wenn er wollte. Das fragt er sich selbst.

Der Film wurde in den Schulen gezeigt

Mit Mitte 20 wurde er endlich nicht mehr überall erkannt. Weder am Aussehen, noch am Namen. „Ich war ja ewig Detlef“, sagt er. „Nicht Thomas.“ Die Kollegen damals hatten keine Ahnung, was dieser Praktikant schon für einen Einfluss auf die Drogenhilfe in Deutschland gehabt hat. Immerhin wurde der Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in Schulen zur Aufklärung und Abschreckung eingesetzt und hatte eine riesige Debatte über das Heroinproblem in West-Berlin ausgelöst.

„Heute“, erzählt er, „nehmen die jungen Leute weniger Opiate, aber dafür unfassbar viel Chemie.“ Das hat ihn neulich erst wieder überrascht, als er im Berghain war. Sonntags um zehn Uhr morgens ist er mit Freunden dorthin. Zum ersten Mal. „Zu der Zeit war ich noch nie feiern“, sagt er. „Das ist schon eine andere Welt da.“ Die meisten seien druff gewesen. Wer wollte, kriegte was. „Viele waren auf Pillen, wahrscheinlich Ecstasy, oder Crystal, was noch mal eine ganz andere Hausnummer ist.“ Er könne sich schon vorstellen, dass da manche am Samstag rein- und Montag wieder rausgehen.

Einmal schrieb er Christiane F. bei Facebook

Die Kollegen, die heute mit ihm arbeiten, erfuhren erst vor einem Jahr von Detlef. Sollen sie Thomas Haustein beschreiben, sagen sie: Der Thomas kann sehr gut mit Menschen umgehen. Selbst zu schwierigen Personen kann er eine Verbindung herstellen. Er sei zwar manchmal chaotisch, nicht so der Planer, aber das mache ihn auch authentisch. Der Thomas sei halb Autorität und halb Kumpel.

Dass er wieder sichtbarer wurde, fing mit Facebook an. Er hatte ja nie einen Agenten, aber in der digitalen Welt entstand plötzlich eine Fanpage vom Film, von „Detlef“. Mädchen aus anderen Ländern schickten Bilder von sich, mit rot gefärbten Haaren, wie Christiane F. sie im Film hat. Statt sich wieder zu verstecken, nutzte Haustein das Medium, um mit dem Abstand der Jahre die echte Christiane F. kennenzulernen. Sie war mal bei seiner Arbeitsstelle in Lichterfelde vorbeigekommen, aber da war er noch ein Kind. Sie war mal am Set, aber umgeben von Fans. Sie war sogar bei der Beratungsstelle am Kotti, wo er sein erstes Praktikum machte, ausgerechnet an dem Tag war er nicht da. Deswegen suchte Thomas Haustein sie bei Facebook, schrieb ihr – und sie antwortete. „Wenn sie es wirklich war.“ Was genau, hat er schon wieder vergessen.

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