Damals und heute bestimmte die Suche nach dem ausgefallensten Move Vartan Bassils Leben. Foto: Thilo Rückeisp
Vartan Bassil und seine "Flying Steps" Wie ein Berliner zum Breakdance-Weltstar wurde
Julia Prosinger
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Hört endlich auf damit, rieten Ärzte

Mit seinen Freunden (hier im Jahr 2002) trainierte Bassil im Weddinger Haus der Jugend. Foto: promop

Wenn Bassil erzählt, stülpen sich die Worte ineinander wie seine Bewegungen beim Tanzen. Sie seien damals immer auf der Suche nach glatten Oberflächen gewesen und einem Ort, an dem sie niemand verscheuchte, redet er hastig weiter. Am Ku’damm gab es vor dem C&A einen geeigneten Marmorboden und manchmal überreichte ihnen ein feiner Herr große Scheine. Öfter aber übten sie am Leopoldplatz. Unter einem Vordach der „Beuth Hochschule für Technik“ war am Wochenende wenig los. Einer holte den Pappkarton aus dem Versteck in den Büschen, ihr Ersatzmarmor, der nächste beim Späti Kakao und Bassil stellte den Ghettoblaster auf, legte Kassetten ein mit Run DMC oder Tupac.

„Was willst du damit verdienen?“, fragte seine Mutter, sobald er nach Hause kam. „Das ist doch kein Leben“, sagte sie, wenn er mal wieder die ganze Nacht das eine Video – es war die Zeit vor Youtube – vom Training der „Aktuel Force“ aus Frankreich vor- und zurückspulte. Am nächsten Tag würde er es anderen Tänzern zurückgeben müssen. Wie gut sie wirklich waren, erfuhr Bassil nur auf den Jams, den Szenetreffen ohne Catering oder Sponsoren, das Fahrgeld dorthin konnte er sich kaum leisten.

Vartan Bassil musste mal wieder eine Menge Worte ineinanderstülpen, bis sich seine Mutter auf diesen Deal einließ: Ein Jahr durfte er sich, statt Ausbildung, aufs Tanzen konzentrieren. Durfte 1995 das damals wichtigste Zusammentreffen von B-Boys und B-Girls gewinnen, das „Battle of the Year.“ „Meine Mutter war mein erster Sponsor“, sagt Bassil.

Heute steht er vor der Bühne und notiert die Fehler seiner Tänzer

Plötzlich, während dieser Zeitreise in Wedding, kommt ein Typ auf Bassil zu, Kind auf dem Arm, Frau an der Hand. „Vartan“, ruft er, „lang’ nicht gesehen.“ Bassil hat den Kiez verlassen, wohnt in Kreuzberg, wo er seine Tanzschule aufgebaut hat, die Academy. Viele ehemalige Rapper sind heute Musikproduzenten; Graffitisprüher wurden zu erfolgreichen Grafikdesignern. Auch die Flying Steps sind eine Marke, Red-Bull-gesponsort. Manche werfen Bassil Ausverkauf vor, für die Auftritte mit der Elektroband Music Instructor, für den „Echo“, Kategorie Klassik.

Groß und Klein können an der „Flying Steps Academy“ Breakdance von ausgebildeten Dozenten lernen. Die Crewmitglieder selbst waren Autodidakten. Foto: Flying Steps Academy/promop

„Auf Facebook siehst du viel breiter aus“, sagt der Typ von früher nur. Bassil lacht, stimmt. Er tanzt nicht mehr, hat Muskeln verloren. Er steht nun vor der Bühne, notiert die Fehler seiner Tänzer, hält Motivationsreden wie ein Fußballcoach. Entscheidet als künstlerischer Leiter, wann in der neuen Show der Eisenkäfig von der Decke gelassen wird, und ob am Ende der 80 Minuten die Guten oder die Bösen gewinnen.

Bassil steigt ins Auto, fährt an den Moritzplatz in seine Tanzschule. Ein edler weißer Tresen, Bassil bestellt Cappuccino und Schokoriegel, 40 Dozenten, hunderte Schüler, Bassil quetscht sich durch Eltern hindurch, die beobachten, wie ihre fünfjährigen Kinder ihre ersten „Six Steps“ machen, Grundschritte. Viele dieser jungen Eltern haben Bassil früher auf den Hip-Hop-Jams des Landes angehimmelt.

Bandscheibenvorfall, kaputte Hüftgelenke: Das Tanzen hat Spuren hinterlassen

Als Bassil vor wenigen Jahren das Tanzen einstellte, sei alles zusammengebrochen, erzählt er. „Klar hab ich ’nen Bandscheibenvorfall.“ Einem Kollegen, der bekannt für den „Wolf“ war, ein Move, bei dem er auf Händen lief und die Beine nachschleifte, attestierte ein Orthopäde die Hüfte eines Greises. Hört endlich auf damit, rieten Ärzte. Bassil und die anderen tanzten noch mit Schrauben im Knie.

Ein Zukunftsprojekt hätte er da noch: Den „Continuous Twist“, bei dem sich der Körper wieder und wieder in die Luft schraubt, hat er nie ganz geschafft. Aus seinem Trainingsraum jedenfalls wird ihn niemand mehr schmeißen.

Am 28. und 29. April läuft die Show „Red Bull Flying Illusion“ vier Mal im Berliner Tempodrom.

Seit dem 13.März läuft auf Red Bull TV die neue Doku-Serie „Follow the Steps – Breakin‘ the World“. Sehen Sie den Trailer unten oder auf vimeo.com mit dem Passwort: FollowTheSteps2017.

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