Anders leben. In Chiang Mai besuchen europäische Frauen einen Straßenmarkt und genießen ein Stück Freiheit von Beruf und Alltag. Foto: Thailändisches Fremdenverkehrsamt
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Thailand Ein Arbeitsplatz an der Sonne
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Gibt es keine Grenzen?

Ein Kanadier in Thailand. Ryan Mulvihill im Büro. Foto: Dominik Bardow
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Es holpert auf der Wendeltreppe. Ein junger Mann, der mit weißem Arztkittel und wirr abstehenden Haaren aussieht wie ein verrückter Professor, stürzt fast die Stufen herab. Dabei filmt er sich die ganze Zeit mit einer Handkamera. „Haben Sie meine Bestellung erhalten?“, ruft er mehr in die Kamera als zur Bedienung. Als diese verneint, flitzt er so schnell hoch, wie er gekommen ist.

„Man sieht hier eine Menge seltsamer Leute“, sagt Ryan ungerührt. „Ich nenne sie Freigeister. Sie tragen Elefantenmusterhosen, spielen Ukulele auf der Straße und versuchen, sich hier selbst zu finden. Einige verlieren sich dabei.“ Abschätzig spricht er über Neuankömmlinge, die glauben, mit Food- und Reiseblogs könne man Geld verdienen. „Am Ende müssen sie oft ihre Eltern um ein Rückflugticket anbetteln oder als Englischlehrer jobben“, sagt der Jungunternehmer, der trotz der Hitze keine Flip-Flops, sondern Lederschuhe trägt. Feiern wie die meisten Backpacker, die hier Station machen, gehe er nur noch selten. „Irgendwann müssen die Touristen sich den Glitter aus dem Gesicht waschen und zurück in ihren Bürojob. Dabei könnten sie sich hier mit ein wenig harter Arbeit dem System ganz entziehen.“ Zumindest, wenn man den eigenen Computer nicht als Teil des Systems versteht.

Ryan möchte nach Zagreb und Medellín weiterziehen. Die Nomaden-Gruppen dort wachsen. Davor war er in Vietnam und auf den Philippinen. „Die Welt ist wie ein Menü, ich kann mir jeden Tag aussuchen, worauf ich Lust habe“, sagt Ryan und geht zurück an den Schreibtisch.

Er klingt verlockend, dieser Lebensstil. Aber ist er nur etwas für eine globalisierte Elite oder das Arbeitsmodell der Zukunft? Suchen wir uns bald unseren Platz an der Sonne selbst aus? Gibt es keine Grenzen?

Echte Freundschaften und dauerhafte Beziehungen sind jedoch selten

Für die Nomaden in Chiang Mai offenbar nicht. Gebunden sind sie nur an Steckdosenplätze. In wohl kaum einem Land sind Steckdosen so rar und willkürlich an der Wand platziert wie in Thailand. In den Cafés an der Nimmanhaemin Road sind die besten Tische mit Stromzufuhr umkämpft. Dort hocken alle zusammen und doch jeder für sich, mit Kopfhörern auf den Ohren.

In einer Shoppingmall sitzt Olga Pronkina – eine brünette Russin – und ist nicht ganz so begeistert von Chiang Mai. „Diese ganzen Unikids, die herkommen und meinen, sie werden hier in zwei Monaten reich“, mokiert sich die 30-Jährige. Sie selbst habe zweieinhalb Jahre gebraucht, um mit Suchmaschinenoptimierung Geld zu verdienen. „Was ist, wenn sie alle mal Frau und Kinder haben? Die können sie nicht überallhin mitnehmen.“ Die Mehrzahl der digitalen Nomaden ist jung und männlich.

Sie gehen mit betrunkenen Touristen tanzen oder finden Thai-Frauen über Dating-Apps. Echte Freundschaften und dauerhafte Beziehungen sind jedoch selten. Die meisten Nomaden sind auf der Durchreise, mit den Einheimischen gibt es wenig Kontakt. Und wer am Anfang das Pad Thai noch verschlungen hat, besucht nach einigen Wochen lieber Restaurants, die europäische Salate und amerikanische Steaks servieren.

Und noch etwas stinkt den Nomaden: der beißende Rauch, der von Februar bis April in Nase und Augen steigt. In diesen Monaten roden die Bauern im Umland mit Feuern ihre Felder. Die meisten Nomaden fliehen im Frühjahr vor den Rauchwolken, nach Hause oder weiter, einfach weiter, irgendwohin. Die Internetelite von morgen, vertrieben durch die Methoden von gestern.

"Ich könnte das noch zehn Jahre so machen"

Davon abgesehen überschneiden sich die Kreise von Einheimischen und Fremden kaum. Im Nimman Punspace, dem größten Gemeinschaftsbüro, gab es vergangenes Jahr zwar eine Razzia: Die Polizei wollte wissen, was die Fremden dort eigentlich genau machen. Die Beamten zogen aber unverrichteter Dinge wieder ab. Solange die Einkünfte im Ausland erfolgen, fragt der thailändische Staat nicht nach. Nur als einige Ausländer Verkehrskontrollpunkte auf Facebook posteten, machten ihnen die Behörden deutlich, dass es so nicht gehe. Das war zu viel Einmischung der Westler, die praktisch alle Freiheiten in der Militärmonarchie Thailand genießen.

So wie Tobias, dessen Arbeitstag heute um 13 Uhr in einem Café begonnen hat. Ein paar Stunden später lehnt der Glatzkopf mit Brille und Bart so tief hinter seinem Laptop, dass er kaum zu erkennen ist. Tobias, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, hat früher als Programmierer bei einem deutschen Autobauer gearbeitet. Als er vom Lebensmodell der Nomaden hörte, kündigte er sofort. Mittlerweile baut er als Freelancer komplette Webseiten für Firmen. Heute hockt er in Chiang Mai, ab nächstem Monat in Delhi. „Ich könnte das noch zehn Jahre so machen“, sagt der 32-Jährige.

Trotz der Schattenseiten: Die Familie in Deutschland lediglich an Feiertagen besuchen, Schulfreunde nur via Skype sehen. Viele Exilanten seien am Ende frustriert, sagt Tobias. Er offenbar noch nicht.

Es ist 22 Uhr, er steht auf, zahlt seinen Kaffee und fährt hinüber in den Nimman Punspace. Mit einem Fingerabdruck-Scanner kommt man Tag und Nacht in das Großraumbüro. Tobias verschwindet in der Nacht, den Laptop unterm Arm, das Mondlicht scheint auf den kahlen Kopf – er sieht aus wie ein Mönch der Moderne.

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