Anders leben. In Chiang Mai besuchen europäische Frauen einen Straßenmarkt und genießen ein Stück Freiheit von Beruf und Alltag. Foto: Thailändisches Fremdenverkehrsamtp

ThailandEin Arbeitsplatz an der Sonne

von Dominik Bardow0 Kommentare

Sie sind digitale Nomaden, brauchen nur Laptops und Steckdosen. Warum treffen sie sich ausgerechnet in Chiang Mai?

Ein glatzköpfiger Mönch überquert die Straße, in seiner orangefarbenen Kutte stolpert er beinahe über seine eigenen Sandalen. Vor einem der zahlreichen Spitzdachtempel holt der Geistliche plötzlich ein iPad aus seinem Umhang. Lächelt und knippst ein Selfie.

Ein paar hundert Meter weiter sitzt Ryan Mulvihill in einem Café und versucht zu erklären, was er eigentlich genau in dieser Stadt im Norden Thailands macht. „Es mag lächerlich klingen“, sagt der 26-jährige Kanadier, „aber die Leute bezahlen mir hunderte Dollar dafür, dass ich hier sitze und ihre E-Mails schreibe.“ Willkommen in Chiang Mai: einem Ort, an dem die Vergangenheit und die Zukunft noch Nachbarn sind.

In der Stadt leben buddhistische Mönche neben Nomaden. Keinen steinzeitlichen, sondern digitalen: ein neues, modernes Wandervolk. Es sind junge Computerspezialisten aus der ganzen Welt, die am Laptop arbeiten und nicht an Büros, Städte oder Staaten gebunden sind. Sie können sich aussuchen, von wo aus sie Webseiten programmieren, gestalten oder texten. San Francisco oder Berlin, Bali oder New York. Hauptsache, es gibt einen guten Internetanschluss und billigen Kaffee.

Laut der Webseite Nomadlist.com ist Chiang Mai der beste Ort für digitale Nomaden, noch vor US-Metropolen wie Austin oder Miami. Diese Tempelstadt mitten im thailändischen Dschungel, die mit 135 000 Einwohnern in etwa so groß ist wie Ingolstadt.

Zwischen grünen Hügeln gelegen, sieht Chiang Mai mit seinen unzähligen rotgoldenen Spitzdächern und Säulen von oben wie ein herbstlicher Wald aus. Außerhalb der Altstadt, die ein viereckiger Wassergraben umgibt, schießen Einkaufszentren und Hochhäuser in die Luft. Das alte Chiang Mai mit seinen Gläubigen, die goldene Buddha-Statuen anbeten, verlässt man durch das steinerne Osttor und betritt das moderne Nimman-Viertel. Rund um die Nimmanhaemin Road gibt es Vollkorn-Sandwiches, spanische Tapas, handgefertigte Kerzen – und Co-Working-Spaces.

"Chiang Mai ist ein toller Ort, um zu lernen"

Eine Seitenstraße führt zu einem unscheinbaren Flachbau, vor dem Motorroller parken. An der Eingangstür ist auf einem Plakat eine startende Rakete abgebildet. Darüber steht: „Start-ups – Mission to Mars“. Von innen sieht der „Punspace“, wie die Gemeinschaftsbüros heißen, eher nach Planet Erde aus. Das obere Stockwerk beherbergt ein Loft, das so auch in Berlin-Mitte sein könnte: unverputzte Wände aus Backstein, Schreibtische stehen kreuz und quer, bleiche Gesichter starren auf Macbooks. Die Klimaanlage summt, ansonsten herrscht Stille. Jeder Mausklick ist zu hören.

Ryan Mulvihill – kräftig, Kastenbrille, Kinnbärtchen – schaut von seinem Rechner auf und schleicht herüber. Er will die Co-Working-Kollegen nicht stören. „Das ist kein Ort für Socializing“, flüstert er. Power Lunch und Brainstorming-Session sind für später angekündigt. Ryan geht eine Wendeltreppe hinab, in das Café im Erdgeschoss. Ein Caffè Latte kostet umgerechnet 1,80 Euro, so viel wie ein Hauptgericht in einem der vielen umliegenden Restaurants.

„Ich bin nicht sicher, ob die Thailänder verstehen, wie magisch diese Stadt ist“, schwärmt Ryan. Vor anderthalb Jahren kam der Wirtschaftsstudent aus Toronto hierher, „mit der schrecklichen Idee, ein Buch zu schreiben“. Mit seinem Fachbuch über Start-ups und Businesspläne habe er kaum etwas verdient. Deshalb hat sich der Kanadier umorientiert. „Chiang Mai ist ein toller Ort, um zu lernen. In zwei Monaten hatte ich mir E-Mail-Copywriting beigebracht.“ Auf Deutsch: elektronisches Werbepostschreiben. Mittlerweile verdiene er damit zwischen 8000 und 10 000 US-Dollar im Monat. Längst erledigen andere die Werbemails für ihn, die Kunden eine kostenpflichtige Software schmackhaft machen sollen. „Ich bin ziemlich erfolgreich“, sagt Ryan stolz und drückt den Rücken durch.

Es gibt schlimmere Orte, um dem Winter in Europa zu entfliehen

Die meisten Nomaden, die hierherkommen, verdienen deutlich weniger. Sie sind noch nicht reif fürs Silicon Valley, sondern stehen oft am Beginn ihrer Selbstständigkeit. Offizielle Zahlen, wie viele von ihnen derzeit in Chiang Mai leben, gibt es nicht. Praktisch niemand meldet sein Gewerbe an, jeder ist nur vorübergehend hier. Schätzungen gehen von 500 bis 3000 digitalen Selbstständigen aus. Allein die Facebook-Gruppe „Digital Nomads Chiang Mai“ hat über 18 000 Mitglieder. Neben der Gemeinschaft vor Ort lobt Nomadlist.com das angenehme Klima, 30 Grad am Tag, rund zehn Grad kühler nachts. Die zuverlässige Internet- und Verkehrsanbindung, ohne Stromausfälle und mit internationalem Flughafen. Und den hohen Sicherheits- und Spaßfaktor. Dschungeltouren, Elefantenreiten, Tigerstreicheln: Es gibt schlimmere Orte, um dem Winter in Europa und Nordamerika zu entfliehen.

Schon ab 1000 Euro im Monat, sagt Ryan, „kannst du hier wie ein König leben“. Jede Mahlzeit im Restaurant essen, die Wäsche waschen und die Wohnung putzen lassen – das klingt herrschaftlich. Damit kann jedoch nicht jeder umgehen.