Fürs Leben gelernt. Beim Schießen aus dem Weg! Foto: Karl Grünbergp

Survivalkurse in BrandenburgDer Überlebenskrampf

von Karl Grünberg3 Kommentare

Das Szenario: Atomunfall! Die Mission: nicht entdeckt werden. Die Feinde: marodierende Banden, eigene Ungeduld. Wo bin ich da hineingeraten?

Es ist drei Uhr nachts, minus fünf Grad und ich warte auf den Feind. Strausberg Nord, Breitengrad: 52.596248, Längengrad: 13.906132. Meine Nachtwache im Wald hat begonnen. Wenn jetzt einer aus dem Gebüsch springt oder sich den Weg hinauf schleicht, soll ich die anderen alarmieren. Dafür spannt eine Schnur von Baum zu Baum bis zum Lagerfeuer. Ziehe ich an der Schnur, rappelt der selbstgebaute Alarm los, eine Plastiktüte mit Plastikflaschen, in denen kleine Steine kullern.

Ich bin so müde, dass ich mich an einen Baum lehnen muss. Mein Körper schmerzt vom Tag und dem stundenlangen Marsch durch das Gebüsch. Doch die Stille hält wach. Die Dunkelheit schärft das Gehör. „So ein Quatsch, hier gibt’s doch keine Feinde“, sagt die eine, beruhigende Stimme in mir. „Wenn jetzt aber doch jemand kommt, und sei es nur ein Wildschwein, was mache ich dann?“, sagt die andere.

Wo bin ich da hineingeraten? Mitten im Winter, in Brandenburg, ein Wochenende Überlebenstraining in der Wildnis. Ein Schreibtischhocker und Großstadtbewohner ohne jeglichen sportlichen Ehrgeiz, dafür mit einer ziemlichen Vorliebe für Kaffee und Schokolade will sich und seinen Körper herausfordern. Kann ich es noch? Draußen sein, so wie früher, mit Freunden wochenlang auf dem Kanu durch die polnischen Masuren oder durch die französischen Vogesen, nur mit Schlafsack und Plane ausgerüstet.

War da nicht gerade erst in Frankreich ein Unfall in einem Kraftwerk?

Ich wollte auch lernen, wie ich auf einen Notfall reagieren muss. Manchmal frage ich mich, ob ich vorbereitet bin, falls der Strom zusammenbricht, falls Hacker das Bankensystem lahmlegen oder der Klimawandel Ernten vernichtet. Falls die Flut kommt.

Die Weltlage macht mir Angst. Ein bisschen Kontrolle zurückzugewinnen, wäre schön. Sei es nur, indem ich weiß, wie ich ein Lagerfeuer mit einem Feuerstein entfache, mich mit einem Kompass durch den Wald schlage oder mit der Armbrust schieße. Andere können gerne Goldvorräte anlegen, ich lerne lieber meinen Urin zu destillieren.

Treffpunkt war am Vortag, Samstag, 9 Uhr. Das Drei-Mann-Team vom „Survival-Camp“, dem Anbieter von Überlebenstraining, Drill-Camps und Wildnis-Selbstverteidigungskursen in Berlin und Brandenburg, startet mit einer Lagebesprechung.

Unser Szenario: Ein Atomreaktor ist explodiert und die atomare Wolke breitet sich über Deutschland aus. Wir sind geflüchtet, haben uns zufällig im Wald getroffen und schlagen uns nun nach Osteuropa durch. Der Feind: marodierende Banden. Der Staat: in Auflösung begriffen. Unsere Mission: nicht entdeckt werden, überleben. Fühlt sich erschreckend echt an. War da nicht gerade erst in Frankreich ein Unfall in einem Kraftwerk?

Als Erstes sollen wir mit Kompass und Karte einen Weg durch den Wald finden, von einem Ziel zum nächsten. Straßen und Häuser meiden. Smartphones? Mussten wir abgeben. Die einen wollen nach links, die anderen nach rechts. Manche reden zu viel, andere warten, dass jemand eine Entscheidung für sie trifft. „Wie muss ich noch mal den Kompass halten?“ – „Du musst erst einmal einnorden.“ – „Aber wo ist jetzt Norden?“ – „Wir müssen um den See rum.“ - „Nein, hier rein in den Wald.“

Noch einmal Abenteuer erleben, bevor das zweite Kind kommt

Die Survival-Trainer greifen ein. Wir sollen einen Gruppenführer und einen Stellvertreter ernennen. „Demokratie hilft nicht immer. Gruppenführer treffen Entscheidungen, verteilen Aufgaben, motivieren, schauen nach Stärken und Schwächen. Jeder ist mal dran“, erklärt Daniel Schäfer, einer der Trainer.

He’s a survivor. Nach dem Training war unser Autor erschöpft, aber glücklich. Foto: Karl Grünbergp

Für die Bundeswehr hat er sich zum Einzelkämpfer ausbilden lassen, für die Berliner Polizei hat er als Kriminalkommissar gearbeitet. Dann ist da noch Daniel Rosenthal. Ein Muskelberg. Komplett in Bundeswehr-Tarnung. Ebenfalls Einzelkämpfer, vier Einsätze in Afghanistan. Er mag es nicht, wenn jemand in seinem Rücken steht, alte Kämpferangewohnheit. Der Letzte heißt Benjamin Arlet, Wildnispädagoge. Die drei geben sich streng und schweigsam, aber wenn sie sich unbeobachtet wähnen, schmunzeln sie über uns, die zwölf tapsigen Wildnis-Amateure.

Jörn lässt sich breitschlagen, übernimmt den Kompass, die Landkarte und führt die Mannschaft ins Unterholz. Dornen, Gestrüpp, matschiger Boden. Jörn ist 30, arbeitet als Schichtleiter in einem Tagebau. Seine Freundin hat ihm den Survivalkurs geschenkt – noch einmal Abenteuer erleben, bevor das zweite Kind kommt. Hinter ihm läuft Michael, Berliner Justizvollzugsbeamter. „Als die Regierung im vergangenen Oktober den Plan zur Notfallversorgung rausgab, wusste ich, ich muss mich vorbereiten“, erzählt er leise, damit der Feind uns nicht hört.

Notfallplan? Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges waren die Deutschen aufgefordert worden, Lebensmittelvorräte anzulegen. Seitdem besucht Michael Kurse, rüstet sich aus. Dann ist da noch Christine, Kriminologin in Hamburg, forscht und lehrt zum Thema Sicherheit in Städten. Sie will wissen, wie Menschen auf Notsituationen reagieren. Zwei Brüder, in ihrer Freizeit Sportschützen, suchen ein bisschen Action. Und eine Frau aus Wolfsburg, die als Sekretärin bei VW arbeitet. Sie liebt Wald und Kräuter. Es sind normale, vernünftige Menschen, die glauben, dass es gut wäre, vorbereitet zu sein. Vorbereitet auf einen Ernstfall, den sie am Horizont erblicken.