Kugelgürteltier Sandra mit Nachwuchs. Der kleine Franz rollt sich gerade ein. Er will sich wohl vor der Kamera verstecken. Foto: imago/Olaf Wagnerp

Südliches KugelgürteltierSie schläft lieber allein

Von Karina Kochan4 Kommentare

Kommunikation? Fehlanzeige. Gürteltiere sind Einzelgänger, auch Alphonse ist nur zu Gast im Zoo. Ist er Sandra etwa deshalb völlig gleichgültig?

Sandra ist ein emanzipiertes Kugelgürteltier. Wie eine kleine Lokomotive rast sie kreuz und quer durchs Gehege. Kein einziger Blick für Männchen Alphonse. Beide sehen wie gepanzerte Mäuse aus: schmaler Kopf mit kleinen schwarzen Augen und fleischigen Ohren, sandgelbe Schuppenmaske, ein Schutzkleid vom Maul bis zum ziemlich unbeweglichen Schwanz. Der weiche Bauch ist mit langen weißen Haaren bedeckt, die fast den Boden berühren.

Alphonses Körperhaar lässt Sandra gleichgültig. Sie ist viel zu beschäftigt. Ihre winzigen Füße bewegen sich so schnell unter dem großen Rückenpanzer, ihr Kurs ist so chaotisch, dass jeder Zuschauer lachen muss. Nervös und ununterbrochen sucht Sandra mit hochentwickeltem Geruchs- und Gehörsinn im Sand. Darunter versteckt sich ihre Leibspeise: Mehlkäferlarven. Auch Alphonse sucht schnüffelnd danach. Ein Wunder, dass die beiden noch nicht schwungvoll zusammengestoßen sind.

Selbst sein langer Penis lässt sie unbeeindruckt

Kommunikation? „Brauchen diese Einzelgänger nicht“, erklärt Kurator Heiner Klös. Nur selten höre er ein kleines Quieken, ähnlich dem eines Meerschweinchens. Normalerweise leben die Gürteltiere allein im Zoo. Alphonse ist Gast, er bleibt nur 90 Tage bei Sandra: zum Paarungsbesuch. Drei Monate häusliche Gemeinschaft ist wahrscheinlich nicht übertrieben, so wenig Interesse wie Sandra für ihren Artgenossen zeigt. Selbst vom bemerkenswert langen Penis – bis zu 40 Prozent der Kopf- Rumpf-Länge – lässt sich das Weibchen nicht beeindrucken. Liegt wohl am schlechten Sehvermögen.

Das Paar schläft in getrennten Schlafboxen. Ganz allein ist es jedoch nie. Alphonse und Sandra teilen die Gemächer mit Krallenaffen. Für den Zoo besonders praktisch: Kugelgürteltiere können nicht klettern, und die Affen bleiben lieber auf dem Baum – wenn sie den Gürteltieren nicht gerade das Futter stehlen. Es gibt gekochtes Ei, Insekten und Katzenfutter. Der Menünährwert soll den Leckereien ähneln, die Gürteltiere in den trockenen Wäldern und Buschlandschaften Südamerikas finden: Termiten, Ameisen und Käferlarven.

Leicht zu fangen sind die südlichen Kugelgürteltiere, weswegen ihr Bestand bedroht ist. In ihren Herkunftsländern Brasilien, Bolivien, Guyana, Uruguay und Argentinien werden sie gejagt, gegessen oder als Haustier gehalten. Ihre Lebensräume werden außerdem durch Brandrodungen zerstört.

Ihr Panzer ist ein Relikt aus der Kreidezeit

Für Sandras Verteidigung wäre Alphonse keine Hilfe. Bei Gefahr rennt er lieber in Zick-Zack-Linien weg. Effizient? Fraglich. Südliche Kugelgürteltiere haben aber ein Ass im Ärmel. Sie können sich rasch einrollen. Perfekt verschließen die dreieckige Stirnplatte und der Schwanz die Öffnung des Panzers.

Das Paar gehört zur Familie der Gürteltiere, einer sehr alten Art. Ihr Panzer ist ein Relikt aus der Kreidezeit vor 145 bis 66 Millionen Jahren. Gegen diese lebendigen Pokéballs haben Füchse, Puma oder Jaguar keine Chance. Sogar die Zoopfleger haben es aufgegeben, unter die Haut dieser Tiere den Chip zu implantieren, der zur Identifizierung normalerweise verwendet wird. Auch zum Schlafen oder zum Aufwärmen kugeln sich beide gerne ein. Für die einsame Sandra gibt es keine bessere Erholungspause nach der anstrengenden Larvenjagd.

KUGELGÜERTELTIER IM ZOO

Lebenserwartung:  etwa 20 Jahre

Interessanter Nachbar:   Springtamarin, Sumpfspringaffe

Folgen Sie dem "Sonntag":