Der britische Autor Stephen Grey kennt die Geheimnisse der Geheimagenten. Foto: promop

Stephen Grey im Interview„Sex wurde immer als Werkzeug eingesetzt“

von Moritz Honert1 Kommentare

Im neuen Bond-Film „Spectre“ küsst, schießt und trinkt Agent 007 auf hohem Niveau. Stephen Grey über echte Spione, Terrorismus und Millionen-Gagen für Informanten.

Warum Sexspionage oft ein Akt der Verzweiflung ist

Der damalige amerikanische Spionagechef in West-Berlin, Stuart Herrington, fand, es gäbe keinen schöneren Arbeitsplatz für einen Geheimagenten.

Die Mauerstadt war so etwas wie die Spionageschule. Hier konnte man jeden Fehler machen, den man wollte. Es war egal.

Wieso das denn?

Weil alle wussten, dass der Gegner spioniert. Meistens endete eine Gefangennahme nur mit einem Rauswurf. So ein direkter Zugang fehlt heute häufig. Beispiel Irak: Nachdem die UN-Inspektoren, die fast alle Spione waren, rausgeworfen worden waren, ging nichts mehr. Solche Quellen kann man nicht über Nacht neu schaffen. Das dauert, und es bedarf einiger Verführungskraft.

Apropos Verführung. Bond gelangt häufig durch Sex an seine Informationen, und im aktuellen Buch beschreiben Sie Mitarbeiter der Metropolitan Police, die sogar Kinder mit Zielpersonen zeugen sollten.

Sex wurde schon immer als Werkzeug eingesetzt. Der KGB hatte Schulen für „Sexspionage“, die Stasi ist berühmt für ihre „Romeos“, doch das Ausmaß wird sicher übertrieben. Es ist ein Akt der Verzweiflung, wenn man zu diesem Mittel greifen muss. Denn man verliert die Kontrolle. Menschen die miteinander schlafen, entwickeln Gefühle. Um Agenten zu führen, braucht man aber Distanz.

Was die Kontrolle angeht: Wäre Bond heute nicht allein aufgrund seines heftigen Alkoholkonsums ein Sicherheitsrisiko?

Na ja, er scheint das im Griff zu haben. Und überhaupt: Die CIA beschäftigt zahlreiche Mormonen, die nicht trinken. Die Arbeit hat sich dadurch meines Wissens nicht spürbar verbessert.

Was ist mit Bonds berühmten Gadgets. Gibt es die?

Natürlich gibt es tote Briefkästen, Peilsender für Waffen und dergleichen. Der IRA-Informant „Steak Knife“ bekam Tabletten ausgehändigt, die schweren Durchfall auslösen konnten. Wäre er in die Verlegenheit gekommen, sich an einer Exekution zu beteiligen, hätte er sich damit aus der Affäre ziehen können. Wichtig für die Geheimdienste sind solche Dinge aber vor allem, weil sie Agenten glauben machen, sie seien wirklich James Bond. Das motiviert ungemein. Die wirklichen Arbeitswerkzeuge sind häufig ganz banale Dinge.

Welche denn?

Was hatte der CIA-Agent Ryan Fogle im Gepäck, als er 2013 in Moskau aufflog? Geld, zwei Perücken, eine Straßenkarte und einen Brief, in dem er jemanden auffordert, ein Konto bei Google-Mail zu eröffnen … Wer braucht eine Minikamera oder ein Ortungsgerät, wenn er ein Smartphone hat? Doch die Menschen wollen den Traum. Auch wenn sie dann enttäuscht sind, weil es in Wahrheit nicht so aufregend ist.

Sind ehemalige britische Geheimdienstler wie Frederick Forsyth, Graham Greene, John le Carré oder Ian Fleming also aus Enttäuschung zu Schriftstellern geworden?

Fiktion macht einfach viel mehr Spaß. Man muss keine Fakten überprüfen und kann Geheimnisse ausplaudern, indem man sie einfach ein bisschen verändert. Die Autoren unterscheiden sich jedoch enorm. Bei Fleming geht es oft nicht um Spionage, worunter man eigentlich nur die Beschaffung geheimer Informationen versteht, sondern um Kommandooperationen. Die gibt es, jedoch nicht mal annähernd in dem Umfang, wie man sich das vorstellt. Le Carré hingegen ist so gut, weil er sich weniger mit Action beschäftigt, sondern mit der Loyalität zwischen Menschen und warum sie kaputtgeht.

Die großen Autoren des Genres sind alle Männer, genau wie ihre Protagonisten. Zufall?

Das Bild, das von Spionage vermittelt wird, ist tatsächlich eins, das wohl eher Männer anspricht. Viele Frauen rollen ja die Augen, wenn sie diesen Bond-Zirkus sehen. Agentinnen gab es trotzdem immer. Etliche Sekretärinnen der Kommunistischen Partei Großbritanniens haben für den Inlandsgeheimdienst MI5 gearbeitet. Doch beim Spionieren geht es eben um Zugang zu Informationen, und den haben in einer männerdominierten Welt Männer schlicht häufiger.