Francis Kéré gehört zu den wichtigsten Vertretern einer sozial engagierten Architektur. Foto: Mike Wolff
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Stararchitekt Francis Kéré "Berlin war wie ein Charlie-Chaplin-Film"

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Mit 20 zieht Francis Kéré aus Burkina Faso an den Mehringdamm. Wie Schlingensief und Affenbrotbäume den Stararchitekten inspirieren.

Herr Kéré, Sie durften den diesjährigen Pavillon der Londoner Serpentine Gallery gestalten, der nun eröffnet. Sie folgen damit auf Architektur-Stars wie Zaha Hadid, Daniel Libeskind oder Rem Koolhaas. Ihr Entwurf ist von einem Baum inspiriert – warum?

In meiner Heimat Burkina Faso treffen sich die Menschen unter Bäumen. Sie sind der Aufenthaltsort schlechthin. Der Ort, wo die Großeltern mit den Enkeln reden – also auch ein Kindergarten. Der Ort, wo man sich mit Themen auseinandersetzt – also auch eine Schule. Oder ein Theater. Sogar ein Gesundheitszentrum, wenn eine Impfkampagne stattfindet.

Solch einen Baum gibt es auch in Ihrem Heimatdorf Gando?

Mehrere. Unmittelbar neben dem Gehöft meiner Eltern zum Beispiel einen Niembaum und einen Baobab. Erst später habe ich begriffen, dass dieser Treffpunkt der Ursprung von Architektur ist.

Ihr Pavillon hat die Form eines Ufos und ein Dach aus filigranen Stäben.

Das Dach, das so ähnlich aussieht wie ein Riesenregenschirm, ist gewissermaßen die Baumkrone. Es stützt sich nur auf diesen Fuß in der Mitte …

… der einem Baumstamm gleicht.

Die Konstruktion ist leicht und ermöglicht doch diese große Spannweite.

Sie leben seit 1985 in Berlin. Gefallen Ihnen die Bäume hier?

Das Erste, was mir in Deutschland aufgefallen ist, waren die – im Vergleich zu Ouagadougou – wunderbar geordneten, gekehrten, fast geleckten Straßen. Und dann die vielen schönen gepflegten Bäume! Vielleicht sind Sie zu verwöhnt und sehen das gar nicht mehr. Mir fällt es bis heute auf: Wie die Setzlinge am Straßenrand gerichtet werden, mit Seilen gespannt an drei Pfählen, damit sie wachsen können. Ich dachte, die haben ja alles hier, Wahnsinn! Das müsste es bei mir zu Hause geben, wo es so heiß wird, dass Sie immer nur den nächsten Schatten anpeilen.

Schon als Tischler-Azubi arbeiteten Sie mit Holz.

Als Kind habe ich fasziniert zugeschaut, wie Holz geschnitten wurde. Nach der Schule war klar für mich, dass ich nicht Polizist oder Lehrer werden will, wie so viele, sondern ein Handwerk erlerne. Dank eines Stipendiums der Carl-Duisberg-Gesellschaft, die mit dem Deutschen Entwicklungsdienst zusammengearbeitet hat, konnte ich meine Schreinerlehre in Deutschland beenden. Sechs Monate lang habe ich in München die Sprache gelernt, dann ging es nach Berlin.

Der Architekt

Francis Kéré, 52, kommt zum Interview ins Büro gerannt, beugt sich schnell noch mit seinem kleinen, jungen Team über Pläne. Am Tag zuvor ist er aus den USA zurückgekehrt, wo er vor 16 000 Architekten gesprochen hat – auf derselben Tagung, wo auch Michelle Obama eine Rede hielt. Für die Stiftungen von Barack Obamas Großmutter und seiner Schwester in Kenia realisiert der Architekt einen Schulcampus und ein Kinderhaus. Die American Academy of Arts hat „dem Alchemisten“, wie es in der Begründung heißt, für seine „Bauten von Bedeutung und Schönheit“ gerade ihren höchsten Architekturpreis verliehen. Seine erste große Auszeichnung bekam Kéré noch als Student an der Berliner TU: für die Schule in seinem Heimatdorf Gando. Zweimal im Monat fliegt er nach Burkina Faso, arbeitet auch weiter an Schlingensiefs Operndorf. Jetzt erschien die Monografie „Radically Simple“. Während des Gesprächs schüttet Kéré ein paar Gläser Wasser in sich hinein. Medizin. Denn das ist etwas, was er oft vergisst, wie er sagt: das Essen und Trinken.

Francis Kéré in seinem Büro in Berlin-Kreuzberg. Foto: Mike Wolff
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Ein Kulturschock?

Es war fantastisch und verwirrend. Ich erinnere mich, dass ich im Herbst, in Bayern, immer zu einem Thermometer gegangen bin, um zu sehen, wie tief die Temperatur sinken kann. September, Oktober, November … – und in Berlin lag dann sogar schon der erste Schnee. Plötzlich war es so ruhig und frühmorgens ganz dunkel. Trotzdem sollten wir in die Berufsschule, das habe ich nicht kapiert. Das ist doch ein Unwetter!, dachte ich.

Damals stand die Mauer noch.

Die habe ich gar nicht wahrgenommen. Von Krumme Lanke, wo sich die Berufsschule befand, bis Mehringdamm, wo ich damals schon wohnte, das war eine kleine Reise, West-Berlin für mich ein Großstadtdschungel.

Und wie haben die Menschen auf Sie gewirkt?

Ich war es von zu Hause gewohnt, dass man sich Zeit nimmt, zum Beispiel wenn man ältere Menschen begrüßt. Hier aber schienen alle gehetzt zu sein, wenn ich auf der Straße mal nach dem Weg gefragt habe. Dieser Strom, diese Schnelligkeit, hat auf mich gewirkt wie ein Film von Charlie Chaplin.

Mit was für einem Bild von Deutschland kamen Sie hierher?

Mit einem sehr positiven. In Burkina denkt man da an Autos wie Mercedes und gutes Werkzeug. Von Produkten kannte ich die englische Bezeichnung Germany. Ehrlich gesagt habe ich erst in der Berufsschule verstanden, dass damit das gleiche Land gemeint ist, das auf Französisch Allemagne heißt. Lachen Sie nicht, Germany, das war für mich lange ein Wunschort für Technik, ein Kontinent für sich, der irgendwo über Afrika schwebte.

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