Sicher über die Straße lenkt diese Schülerlotsin in Montréal Kinder, die mit unterschiedlichen Sprachen aufgewachsen sind. Foto: mauritius images
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Sprachenstreit in Kanada Wie sich Québec gegen das Englische verteidigt

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Der amerikanische Traum à la française: In der größten kanadischen Provinz steht das Französische unter dem Schutz einer „Sprachpolizei“. Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen ist Montréal.

Mitte September gab das „Québecer Büro für die französische Sprache“ bekannt, dass man es künftig mit einigen englischen Begriffen nicht mehr so genau nehmen wird. Dem Wort „Cocktails“ muss auf Bar-Karten in der größten kanadischen Provinz nun kein französisiertes „Cocquetel“ mehr beigestellt werden, und Imbisse dürfen „grilled cheese“ anbieten – auch ohne die etwas holprige Übersetzung „sandwich au fromage fondant“.

Dass die Beschlüsse das Ansehen der Behörde verbessern werden, ist unwahrscheinlich. Das „Office québécois de la langue française“ gehört zu den Lieblingsfeinden der einheimischen englischsprachigen Medien und Internetnutzer. 230 Menschen beschäftigt das Büro, das zu Québecs Kulturministerium gehört, darunter 20 Linguisten; der Jahresetat liegt bei umgerechnet 16 Millionen Euro. Ziel ist es, die französische Sprache zu schützen. Aber das heißt in Québec eben auch: Sie gegen das Englische, das überall sonst im offiziell zweisprachigen Kanada dominiert, zu verteidigen.

Nach Geschichten über die vermeintliche „Sprachpolizei“, vorgetragen mit Empörung oder Häme, muss man nicht lange suchen. Da ist das Geschäft, das einen Behördenbrief bekam, weil es auf einem Schild nicht deutlich genug dem französischen „Traiteur“ Vorrang vor dem englischen „Caterer“ gewährt hatte. Da ist der Konditor, der ein Bußgeld zahlen musste, weil die französische Aufschrift in seinem Schaufenster von lauter anderen Sprachen in den Schatten gestellt wurde. Und da ist „Pastagate“ – die berüchtigte Beschwerde des Büros über das Wort Pasta auf der Speisekarte eines italienischen Restaurants.

Das "Gesetz 101" ließ manche Unternehmen nach Toronto abwandern

Hauptschauplatz der Auseinandersetzungen: Montréal. Québecs urbanes Zentrum mit seinen mehr als vier Millionen Einwohnern wurde einst von Franzosen gegründet, kam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aber unter britische Herrschaft. Im viktorianischen Zeitalter boomte die Stadt, zog Migranten aus Osteuropa, Italien, China an und entwickelte sich zur mehrheitlich englischsprachigen Metropole – in einer Region, die viel auf ihre französischen Wurzeln hält. Mit Zuwanderern aus dem ländlichen Québec stieg der Anteil der Französischsprechenden zwar wieder, doch Englisch blieb vorherrschend und zudem die Sprache des Establishments.

„Meine Großmutter arbeitete in einem Kaufhaus im Stadtzentrum und musste selbst mit den Kollegen, die wie sie frankophon waren, Englisch sprechen“, erzählt Benoît Melançon, 59, Professor für französische Literatur an der Université de Montréal. „Auch die Beschilderung war damals größtenteils Englisch. So erklärt sich, warum später so viel Wert darauf gelegt wurde, das Französische sichtbar werden zu lassen.“ Melançon beschäftigt sich seit Jahren mit der Sprachenfrage in Québec. Die entscheidende Zäsur, erklärt er, war die „Charta der französischen Sprache“. Sie wurde 1977 verabschiedet, zu einer Zeit, als es in der Provinz eine starke Bewegung gab, sich vom Rest Kanadas abzuspalten (eine Abstimmung über die Unabhängigkeit verloren die Separatisten kurze Zeit später und dann noch einmal, sehr knapp, im Jahr 1995). Die auch als „Gesetz 101“ bekannte Charta definiert Französisch als alleinige Amtssprache Québecs – Grundlage nicht nur für die Durchsetzung französischsprachiger Schilder. Über die Jahre wurde das Gesetz nach Klagen abgeschwächt, im Kern blieb es unverändert. Folglich werden die Kinder von Neuankömmlingen auf Französisch unterrichtet, und wer aus einem frankophonen Land stammt, dem wird die Einwanderung leichter gemacht. Konsumenten haben das Recht, auf Französisch bedient zu werden, und Angestellte müssen sich am Arbeitsplatz auf Französisch verständigen dürfen. Kritiker machen das „101“ mit dafür verantwortlich, dass inzwischen viele wichtige Unternehmen nach Toronto in Ontario abgewandert sind, wo man Englisch spricht.

Überall in Montréal wird man mit „Bonjour! Hello!“ begrüßt

Früher war Montréal dreigeteilt. Im wohlhabenderen Westen lebten eher Anglo-, im Osten eher Frankophone und an der Grenze, dem Boulevard Saint-Laurent, ließen sich die neuangekommenen Migranten nieder. Heute verlaufen die Sprachgrenzen zwischen den einzelnen Vierteln. Melançon wohnt in Notre-Dame-de-Grâce, im Westen. Mittlerweile dominiert hier Französisch. „Neulich gab’s ein Straßenfest und lauter Besucher von anderswo“, erzählt er. „Meine Söhne sagten: So viel Englisch haben wir hier noch nie gehört.“

Schon ein paar Straßen weiter beginnt das traditionell anglophone Westmount, in den vergangenen Jahren Schauplatz von Skandalen rund um die „Sprachpolizei“. Wer die Läden hier betritt, wird, wie überall in und um Montréal, mit „Bonjour! Hello!“ begrüßt. Die Entscheidung, in welcher Sprache die Unterhaltung dann weitergeht, ergibt sich irgendwie von selbst. Die Mitarbeiterin in einem Geschäft für Laufbekleidung erklärt, sie habe in der Nachbarschaft noch von keinem echten Problem mit den Sprachhütern gehört, die meisten Fälle in den Medien seien hochgespielt. Auf der Visitenkarte des Ladens steht zuerst der französische Name, „Coin des Coureurs“, und darunter, etwas kleiner: „Running room“.

Nach 40 Jahren Sprachpolitik hat sich das Französische in Québec verfestigt. „Die jüngere Generation hat keine Angst mehr, ihre Sprache könnte in einem Meer von Englischsprechenden in Nordamerika untergehen“, sagt Benoît Melançon – was auch die Legalisierung von „Cocktails“ und „grilled cheese“ erklären mag. Die Vorstellung von einem Duell zweier Sprachen ist in den Augen des Wissenschaftlers auch nicht zeitgemäß, denn daheim würden die Leute im Schmelztiegel Montréal heute Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder eine von Dutzenden anderen Sprachen sprechen. „Wir müssen wegkommen von dieser Verteidigung gegen das Englische, hin zu mehr Werbung fürs Französische.“

Québec, das ist der amerikanische Traum à la française

Vielleicht wie bei den „Francofolies“. Während des Festivals stehen in Montréal jeden Sommer französischsprachige Musiker aus aller Welt auf der Bühne, und hunderttausende Besucher kommen, um zu feiern und mitzusingen. Ursprünglich bloß ein Ableger der gleichnamigen Veranstaltung in La Rochelle, haben die „Francofolies de Montréal“ längst das Original überholt.

Dass Québec tendenziell eher noch französischer wird, liegt derzeit sowieso vor allem an den Franzosen. In den vergangenen Jahren waren sie, nach den Chinesen, die größte Einwanderergruppe in der Provinz. Manche kommen einfach, um hier günstig zu studieren, und bleiben dann. Andere wollen weg aus ihrem Heimatland, das mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Identitätskrise und Terroranschlägen zu kämpfen hat. Québec, das ist der amerikanische Traum à la française. Besonders viele Franzosen haben sich, ohne dass sie unbedingt kanadische Staatsbürger sein müssen, in „Le Plateau“ in Montréal niedergelassen, einem früheren Arbeiterviertel mit baumbestandenen Straßen und zwei-, dreistöckigen Häusern, in dem es heute viele Cafés und Restaurants gibt. Anwohner sagen, man finde hier jetzt endlich anständige Bäckereien und Feinkostgeschäfte.

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