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INTERVIEW „Lenin habe ich nicht verstanden“

Axel Vornbäumen
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Für den Sozialismus hat er vieles aufgegeben: die Westernhefte und seine Freundin. Warum Lothar Bisky in die DDR ging und wie er sie heute sieht

Dieses Interview wurde 2007 geführt.

Herr Bisky, jetzt mal zum Mitsingen: „Sie hat uns alles gegeben, Sonne und Wind, und sie geizte nie …“ Wie geht’s weiter?

Keine Ahnung.

Wie, kennen Sie auch den Refrain nicht? Der lautet: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht …“ Das ist doch die SED-Parteihymne!

Natürlich, den Refrain kenne ich. Uns war damals schon klar, dass der Text ziemlich blöd ist.

Das Lied ist aus den 50ern. Was hat Sie bewogen, 1959, mit 18, von West nach Ost rüberzugehen?

Ich bin als Arme-Leute-Kind in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Für mich ist das eine Mischung aus sozialer Kränkung, Abenteuerlust und utopischem Kommunismus gewesen. Mich hat das „Kommunistische Manifest“ fasziniert. Persönlich habe ich nur einen Kommunisten gekannt, der war allerdings nicht so faszinierend.

Warum?

Herrgott, das muss ich jetzt ganz behutsam sagen: Er war ein Trinker, aber er war im Konzentrationslager gewesen. Es fällt mir schwer, über jemanden zu reden, der das Konzentrationslager überlebt hat und dann in einer verbotenen Partei war.

Sie sind heimlich über die Grenze und haben allerhand zurücklassen müssen.

Ich wollte niemanden mit hineinziehen. Die Familie hätte wahrscheinlich versucht, mich zurückzuhalten, das hätte ich schwer überstanden. Zurücklassen musste ich vor allem Nietzsches Schriften …

… und Ihre Wild-West-Hefte, wie man in Ihrer Biografie lesen konnte.

Ja, Tom Prox und Bill Jenkins.

Die waren in der DDR schwer zu bekommen.

Gar nicht, aber auf die konnte ich verzichten. Meine Begeisterung für Prox und Jenkins lag schon ein paar Jahre zurück. Nein, schwerer war es natürlich, meine Mutter zurückzulassen, meinen Bruder, meine Freundin …

Sie waren 18 und haben für die DDR Ihre Freundin geopfert?

Also, das war jetzt nicht so, dass wir …

… einander versprochen waren?

Ich war eher ein Spätentwickler. Ansonsten war das ja die Zeit, als die Grenze noch offen war.

Sie konnten sie also besuchen.

Ja, die Rückkehr in den Westen wurde mir dann aber völlig verleidet, als ich dort einmal für 48 Stunden eingelocht wurde. Da kam einer, der hatte sich als Kriminalpolizist vorgestellt und noch einer, Verfassungsschutz oder so, die haben mich mitgenommen nach Rendsburg. Sie haben behauptet, ich sei in der DDR auf einer Agentenschule. Das war für mich der letzte Schnitt. Dabei hatte mein Lehrer in Rendsburg noch versucht, mich zu überreden, ich solle doch zurückkommen.

Beide Seiten haben um Sie geworben.

Na ja. Wie mich die DDR empfangen hat, war auch nicht die feinste Art. Die haben sicher gedacht: Was will der hier eigentlich? Ich habe zunächst an der Paraffinpresse im Teerverarbeitungswerk Rositz gearbeitet und, um keine Zeit zu vergeuden, die Abendschule besucht.

Wären Sie auch gegangen, wenn Sie gewusst hätten, dass die Mauer gebaut wird?

Wahrscheinlich nicht. Wenn die mich vor dem Mauerbau mal zu sehr geärgert hatten, im Betrieb, habe ich gesagt: Gut, dann gehe ich wieder rüber.

Gab es ganz profane Dinge, die Sie in der DDR vermisst haben, Kaffee zum Beispiel?

Nein, meine Bedürfnisse waren, was das anging, relativ begrenzt. Zum Entsetzen meiner Mutter fand ich Mao gut, und zwar wegen dieser Kutte. So ein kragenloses Hemd hätte ich gern angezogen.

Wie die Beatles auf dem Sgt.-Pepper’s-Album. Die Maokutte wäre in der DDR nicht gut angekommen?

Bestimmt nicht, die haben schon damals lieber West-Jeans getragen.

Ihr Bruder wurde mal mit den Worten zitiert: Professor wäre der Lothar im Westen nie geworden.

Das weiß ich nicht. Immerhin hatte ich auch im Westen plötzlich ein Stipendium bekommen – es war nur zu spät, um mich zu halten. Aber die DDR hat mir Möglichkeiten gegeben …

… im Paraffinwerk in Rositz.

Die haben erst geguckt, kann der arbeiten? Außerdem haben die mich nicht gleich zum Studium zugelassen, wegen meiner Vorliebe für Nietzsche …

Was hat der denn damit zu tun?

Nietzsche war der Auswahlkommission, die über meinen Studienplatz befinden sollte, suspekt. Der war ja nicht gerade vom Sozialismus beseelt. Die strahlten, als sie hörten, dass ich Marx gelesen hatte. Lenin habe ich nicht verstanden. Bei Nietzsche wurden die Gesichter dann eisig.

Sie durften trotzdem studieren und wurden Professor. Sind Sie der DDR dafür dankbar?

Ich weiß nicht, ob das der richtige Ausdruck ist. Aber ich habe akzeptiert, dass die DDR ein Land war, in dem ich ausgezeichnet wurde.

Kann es sein, dass Sie Angst haben vor der Schlagzeile: Ja, ich bin der DDR dankbar?

Nein. Das können Sie ruhig schreiben. Nur: Ich bin der DDR verbunden – das träfe es besser. Dass Arbeiter in der DDR eine Chance bekamen und Wissenschaftler werden konnten, das fand ich gut.

Wenn Sie die DDR des Jahres 1959 mit der BRD 1959 vergleichen, worin haben die sich unterschieden?

In der Bundesrepublik stand einem theoretisch die Welt offen, aber andererseits wusste man, sie wird einem verschlossen bleiben, wenn man nicht das entsprechende Geld hatte und die Möglichkeit zu studieren. Die Bundesrepublik begann, Farbe zu bekommen. Sie wurde ein bisschen neureich, ein bisschen aufgebauschter Petticoat, doch es war vor allem auch die Adenauer-Republik, sie war recht miefig. Die DDR war grau, aber man konnte spottbillig ins Theater und fast für geschenkt ins Kino. Ich habe jede Operninszenierung besucht, ich konnte lesen.

Ja, aber nicht alles – „Fünf Tage im Juni“ von Stefan Heym durfte nur im Westen publiziert werden.

Wir haben Heym gelesen, Christa Wolf. Die Verbotswelle, die 1965 über die DDR gerollt ist, war ein Schachzug Erich Honeckers, um Walter Ulbricht zu entmachten, das wird immer vergessen.

Hatten Sie 1989 das Gefühl, jetzt holt mich das Land ein, das ich 30 Jahre vorher verlassen habe?

Ein bisschen schon, ja. Nur, die DDR ist abgewählt worden. Ich kann damit leben, und dazu stehe ich auch. Man hat leider nicht den Gorbatschow-Weg genommen, das wäre vielleicht, was weiß ich … Ich habe im Übrigen die Bundesrepublik schon in den 70er Jahren nicht mehr mit der von ’59 verglichen. Da hatte sich was verändert.

Was denn?

Na, es hat 1968 gegeben. Ich wäre bei den Studentenunruhen, bei den Protesten gegen den Vietnam-Krieg, mit auf der Straße gewesen. An der DDR hat mich vieles gestört, dieses Spießerhafte; aber die Solidarität mit Vietnam, das Eintreten gegen die Apartheid in Südafrika, das waren für mich wichtige Größen.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie über den Prager Frühling: 1968, Radio Prag – mein Lieblingssender. Auf welche Nachrichten haben Sie gewartet?

Auf den Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

Sie haben 1980 ein Buch geschrieben, „Geheime Verführer“. Da liest sich Ihre Einschätzung der Vorgänge in Prag ganz anders. Statt vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz schreiben Sie von einem „konterrevolutionären Umsturzversuch“.

Ja, das habe ich mir einreden lassen. Wir hatten anfangs eine andere Haltung dazu, und dann kamen die vermeintlichen Belege für eine Konterrevolution. Ich habe das Mitte der 70er Jahre eindeutig falsch bewertet.

Es gibt Leute, die Ihnen diesen Ton heute noch übel nehmen.

Ach wissen Sie, wenn andere sich auch übel nehmen lassen, was sie vor 40 Jahren gesagt haben, ist das okay. Ich habe feststellen müssen, dass aus meiner Generation manche die DDR ganz anders erlebt haben als ich selbst – manche positiver, die sehen mich als Schwarzmaler, manche tausendfach negativer, die sehen mich als den letzten Roten.

Ihr Sohn Jens hat in seiner Autobiografie über die Stasimitarbeit seines Freundes geschrieben, er wolle den Satz „Ich habe niemandem geschadet“ nie wieder hören. Dies ist so etwas wie die Abrechnung mit einer Lebenslüge. Können Sie das verstehen?

Selbstverständlich.

Als Ihre Frau eine IM-Tätigkeit eingestand, hat sie auch gesagt, sie habe niemandem geschadet. Das hat den Schriftsteller Erich Loest in Rage versetzt.

Sie hat Loest nie schlecht gemacht, sondern gegenüber der Stasi lediglich darauf hingewiesen, dass es bei einer Lesung von Erich Loest auch einen Büchertisch mit Titeln von ihm geben müsse. Es war ein Fehler, dass sie überhaupt mit der Stasi geredet hat, aber was sie gesagt hat, ist kein Verbrechen.

Haben Sie den Satz „Ich habe niemandem geschadet“ auch schon mal sagen müssen?

Nein, den sage ich nicht. Ich habe damals, als ich in die Politik ging, gesagt, wenn ich einem meiner Studenten geschadet habe und mir das einer in den nächsten zehn Jahren mit Recht vorwerfen kann, dann lasse ich alle Ämter ruhen und gehe.

Sie hatten die Möglichkeit zu Westreisen. Können Sie sich erinnern, was Sie Ihren Söhnen für Souvenirs mitgebracht haben?

Was kann ein Reisender mitbringen, der maximal 30 Mark am Tag bekommt, von denen er sich auch noch ernähren muss? Das war für mich eine echte Lebensaufgabe. Ich bin dann immer in den letzten Stunden rumgehetzt, um ein kleines Spielzeugauto oder etwas zu basteln mitzubringen. Dafür habe ich dann auf das Restaurant verzichtet.

Wäre für Sie in der DDR der Rückzug ins Private eine Option gewesen?

Doch, warum nicht. Aber ich war gern Wissenschaftler. Über die Realitäten in der DDR haben mich meine Studenten aufgeklärt. Die haben mich auf Tatsachen aufmerksam gemacht, denen konnte ich nicht ausweichen.

Andreas Dresen, der Regisseur von „Halbe Treppe“, war einer Ihrer Studenten, Sie haben als Rektor der Filmhochschule Babelsberg 1986 Sätze gesagt wie: Die Schere ist hier nicht mehr länger Dozent.

Ich habe mir vorgenommen, du verbietest hier keine Filme und exmatrikulierst keine Studenten aus politischen Gründen. Das ist mir auch gelungen. Aber das ist schon ein Ergebnis des Nachdenkens gewesen. Wenn ich Mitte der 70er Rektor gewesen wäre, weiß ich nicht, was passiert wäre.

Das Leben verläuft nicht immer geradlinig. Wir geben Ihnen mal ein Beispiel für Widersprüche in Ihrer Biografie: In Ihrer Jugend haben Sie Wild-West-Hefte gelesen, Sie erinnern sich, Tom Prox und Bill Jenkins …

Verschlungen habe ich die.

Und dann tauchen die beiden in „Geheime Verführer“ wieder auf, als abschreckendes Beispiel für industriemäßige Massenware, geeignet, bürgerliche Illusionen zu nähren. Das ist doch Verrat an den Idolen der Kindheit!

Wieso? Ich mache die doch nicht runter. Außerdem habe ich Ihnen schon gesagt, „Geheime Verführer“ ist nicht besonders durchdacht. Damals dachte ich noch, durch Erziehung kann man etwas verändern. Das hat sich gegeben.

Was ist aus Ihrer Utopie geworden?

Meine Utopie ist, dass eine solidarischere Welt möglich ist, in der etwas mehr Gleichheit von Lebenschancen besteht. Ich meine das nicht unbedingt materiell. Da sollte es so sein, dass jeder in Menschenwürde leben kann.

Sie selber haben nach der Wende einiges aushalten müssen, vier Mal durchzufallen bei der Wahl zum Vize-Präsidenten des Bundestags, das ist nicht ohne.

Wenn ich ein Mensch wäre, der leicht zu kränken ist, wäre ich nicht PDS-Vorsitzender geworden.

Was hat Ihnen in den Wendejahren mehr wehgetan, Angriffe aus dem Westen oder die aus dem Osten?

Die aus dem Osten. Denen im Westen halte ich zugute, dass sie wie meine Tanten sind und die DDR nicht gekannt haben. Im Osten hat mich überrascht, was aus 2,3 Millionen Mitgliedern der SED geworden ist. Man hat sich da viele Illusionen gemacht, wer aus bestimmten Überzeugungen in der Partei ist. Und dann sind fast über Nacht aus 2,3 Millionen nur noch 350 000 geworden. Damals hatten wir zu Hause eine große Diele. Na gut, habe ich gesagt, machen wir die letzte Versammlung eben in unserer Diele.

Vor zehn Jahren haben Sie den Anteil der PDS-Genossen, die noch nicht im Westen angekommen sind, auf 20 bis 30 Prozent geschätzt. Und jetzt?

Vielleicht zehn Prozent – wenn „angekommen“ noch etwas bedeutet. Wir sind inzwischen einfach da, schauen Sie nach Bremen. Vor zehn Jahren gab es noch die starke Tendenz, sich abzugrenzen.

Empfinden Sie es als Ihre politische Lebensleistung, Leute, die mal der Staatspartei der DDR angehört haben, in die Einheit geführt zu haben?

Wenn so viele Menschen jetzt mit Überzeugung das Grundgesetz als Geschäftsgrundlage sehen und Veränderungen dennoch wollen, ist es gut, dass ich dazu beigetragen habe.

Nun können Sie Geschichte schreiben. Sie stehen kurz davor, eine gesamtdeutsche Linke zu schaffen.

Wenn das gelänge, wäre es schön. Es gibt keine andere Chance.

Wann beginnt die neue Zeit – wenn das erste Mal ein Vorsitzender die Linke führt, der mit der alten Bundesrepublik und der DDR nichts mehr zu tun hat?

So viele Jahre brauchen wir nicht mehr. Für meinen persönlichen Rückzug wäre 2009 ein gutes Datum. Als Partei haben wir dann die Quittung für alle Anlaufschwierigkeiten gekriegt, die so ein Vereinigungsprozess mit sich bringt. Nach diesen zwei Jahren kann ich sagen, jetzt kommen normale Wahlen, jetzt kandidiere ich nicht mehr.

2009 wären Sie 68, Anfang der 90er haben Sie mal auf die Frage, wie alt Sie werden, geantwortet: 66.

Und jetzt bin ich im 66. Lebensjahr.

Müssen Sie sich Sorgen machen?

Wer 66 ist, muss damit rechnen, dass es mal zu Ende geht. Ich glaube, ich habe zum Tod ein ganz normales Verhältnis. Mit dem Ende muss man immer rechnen. Und damit kann ich auch leben.

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