Berlin. Hier trifft Gil Won-ok an einem heißen Sommersonntag Marwa Al Aliko, die für das Gespräch aus Hannover angereist ist. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Sexuelle Gewalt im Krieg "Wenn du den Mut hast, rede!"

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Die Koreanerin Gil Won-ok, 90, war im Zweiten Weltkrieg eine „Trostfrau“, der IS verschleppte die 24-jährige Jesidin Marwa Al Aliko 2014 nach Rakka. Beide wurden systematisch missbraucht. Von gefährlichen Fluchten, dem Wunder des Überlebens und ausbleibender Entschädigung.

Seit Menschengedenken werden Frauen zur Kriegsbeute. Viele Betroffene schweigen darüber. Frau Gil, Frau Al Aliko, Sie haben sich dazu entschlossen, davon zu berichten, was Ihnen angetan wurde.

Gil: Ja, obwohl sich das so anfühlt, als kratze man in einer Wunde. Ich tue es trotzdem, damit nachfolgenden Generationen nicht Ähnliches passiert.

Frau Al Aliko, Sie sind 66 Jahre jünger als Frau Gil. Drei Jahre ist es her, dass Sie vom IS verschleppt wurden. Sie konnten sich befreien und wohnen seit zwei Jahren in Hannover. Wie geht es Ihnen?

Al Aliko: Mein Leben ist überschattet von der Sorge um meine beiden jüngeren Schwestern und meinen Vater. Sie sind immer noch in den Händen des IS. Von den 59 Familienmitgliedern, die in Gefangenschaft geraten sind, als Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates unsere Dörfer in Sindschar überfielen, war ich die Erste, die freikam. Nach drei Monaten

Wann haben Sie sich entschlossen, offen über Ihre Erlebnisse zu sprechen?

Al Aliko: Bereits im Flüchtlingsheim im Dohuk, in der Autonomen Region Kurdistan. Nach meiner Befreiung war ich dort bei der Familie meines Onkels untergekommen. Mein Onkel bestärkte mich: „Wenn du den Mut hast, rede!“ Das tat ich, aber die Kurden haben mir nicht zugehört. Ich glaube, die wollten nicht, dass wir Jesiden so viel Aufmerksamkeit bekommen. Es kostet mich Überwindung, meine Geschichte zu erzählen.

Gil: Das finde ich gut: nicht zu schweigen, auch wenn es wehtut!

Wie geht es Ihnen denn, Frau Gil?

Gil: Wie es einem so geht, wenn man 90 ist. Ich kenne meine Betreuerinnen, die mit mir nach Berlin gekommen sind, seit 20 Jahren. Wenn ich sie so anschaue: Alle sind jung wie eh und je. Warum bin ich eigentlich die Einzige hier, die alt wird?

Trostfrauen

Zwangsprostitution

Das Netzwerk von Zwangsprostitution, das Japaner im Zweiten Weltkrieg aufbauten, ist in seiner Dimension historisch einmalig. Zwischen 100 000 und 300 000 sogenannter „Trostfrauen“ mussten in Militärbordellen arbeiten. Die meisten stammten aus Japan selbst, Korea, China, Indonesien, Malaysia, den Philippinen und Taiwan. Auch einige Niederländerinnen und Australierinnen waren in die Bordelle verschleppt worden.

Auslöser für die staatlich organisierte Prostitution war das Massaker in Nanjing. Im Jahr 1937 verwüsteten japanische Soldaten die Stadt, wobei sie auch 20 000 Frauen und Mädchen vergewaltigten und viele anschließend umbrachten.

Die Militärführung erklärte das barbarische Verhalten mit einer „sexuellen Notlage“ der Soldaten.

Da Prostitution in Japan traditionell akzeptiert war, war für sie die Konsequenz, ein dichtes Netz an Bordellen für Armeeangehörige zu errichten. So sollte die Moral der Truppe gestärkt werden, Geschlechtskrankheiten eingedämmt und Vergewaltigungen an der Zivilbevölkerung verhindert werden.

Betrogen und verschleppt

Zunächst wurden über Zeitungsanzeigen Prostituierte für die Bordelle angeworben. Da sich nicht genügend fanden, gingen die Japaner dazu über, Frauen und Mädchen zu entführen. Manche wurden auch unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeworben. Es ginge um „Auslandsdienste“, mit dem Gehalt könnten sie Familienschulden begleichen.

Wenig Reue

Zwar bat 1992 ein japanischer Premier für den Umgang seines Landes mit den „Trostfrauen“ erstmals um Entschuldigung. Doch andere Politiker zeigen wenig Mitleid. Der amtierende Premierminister Shinzo Abe sagte noch 2007, es gebe keinen Beweis, dass Zwang auf die Frauen ausgeübt wurde. Erst vor vier Jahren nannte der Bürgermeister von Osaka das System „notwendig“, um die Disziplin der Soldaten aufrechtzuerhalten.

Sie waren viele. Diese „Trostfrauen“ standen der japanischen Armee zur Verfügung. Foto: akg-images / Pictures From Histo
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Sie wohnen in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul in einem Altersheim für sogenannte Trostfrauen. Ursprünglich stammen Sie aus Nordkorea, haben Ihre Familie nie wiedergesehen.

Gil: Es ist kein normales Altersheim. Die Leiterin kümmert sich, als seien wir ihre eigenen Eltern.

Wie viele Trostfrauen wohnen dort?

Gil: Wir sind noch zu zweit. Doch die Zweite ist gerade im Krankenhaus. Eine kleine Operation.

Die Japaner haben zwischen 1937 und 1945 200 000 Frauen und Mädchen in Kriegsbordellen zur Prostitution gezwungen. Die meisten der sogenannten „Trostfrauen“ stammten aus den damaligen japanischen Kolonien China und Korea. Wissen Sie, wie viele am Leben sind?

Gil: 2016 waren es in Südkorea 40, ein paar sind gestorben. Ich glaube, wir sind 37.

Sie engagieren sich trotz Ihres Alters dafür, dass die „Trostfrauen“ Wiedergutmachung erfahren …

Gil: … das Wort Trostfrau hat für mich einen verharmlosenden Beiklang. Vielleicht sollte man das Etikett nach all den Jahren einfach abreißen.

Sie demonstrieren jeden Mittwoch vor der japanischen Botschaft in Seoul.

Gil: Außer, wenn ich schwer krank bin. Ich bin eine Art Galionsfigur. Wir müssen Druck auf die japanische Regierung ausüben, dass sie sich endlich bei uns entschuldigt. Ich werde langsam ungeduldig.

Auf Ihrer letzten Japan-Reise mussten Sie im Rollstuhl an Demonstranten vorbei, die „Raus hier, koreanische Huren!“ und „Geht nach Hause, alte Schlampen!“ skandierten. Und der Bürgermeister von Osaka nannte den Einsatz von „Trostfrauen“ kriegsnotwendig. Haben Sie vom japanischen Staat eine finanzielle Entschädigung bekommen?

Gil: Nein. Die Summe müsste angemessen sein, kein Almosen. Wenn die mir ein Stück Land in Japan anbieten würden – ich würd’s nicht annehmen.

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