Die Autorin (links auf dem Esel) mit ihrer Familie am Drachenfels. Foto: Richard Kernp

Serie: Ferien der KindheitEselstreicheln am Drachenfels

von Susanne Kippenberger0 Kommentare

Vor 50 Jahren lernte Familie Kippenberger aus dem Ruhrpott hier, was ein Gebirge ist. Sie war begeistert. Lässt sich dieses Gefühl wiederholen?

Unser Vater hat sich ins Auto gesetzt und gehupt. Dass unsere Mutter noch fünf Kinder samt Mänteln, Proviant und Taschentüchern einsammeln musste, hat ihn nicht irritiert. Er war fertig und als Einziger pünktlich, alle anderen trödelten herum. Irgendwann hatten wir uns tatsächlich alle in den Opel Kapitän gequetscht, rollten los und begannen kurz hinter Essen-Frillendorf zu stöhnen: Wann sind wir endlich daaa? Das war der Beginn jeder wunderbaren Reise.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter? Unsere Jahreszeiten hießen Karneval, Ostern, Drachenfels. Das Gerüst unseres Lebens bestand aus Vergnügungsritualen. Vatertag, Muttertag, Kindertag, Pfingsten bei Onkel Hermann, Martinsgans in Cappenberg.., Jahr für Jahr für Jahr, wir haben es geliebt. Und alles wurde festgehalten, in Fotos, ausgeschmückten Erzählungen, Zeichnungen. Nie war das Leben einfach nur Leben, immer war es auch Material.

Wir waren noch nie geflogen

Endlich daaa, rannten wir in Königswinter als Erstes ins Fotostudio. In dem kleinen Hof an der Drachenfelsstraße wurden wir Kleinen auf den Esel gesetzt, die Großen drum herum drapiert. Später reihten wir uns hinterm Pappflugzeug auf. Die Kurzen kriegten Hocker untergeschoben, damit alle auf einer Höhe standen, dann legten wir lässig den Arm heraus. Wir waren noch nie geflogen.

Richard Kern heißt der Mann, der uns Anfang der 60er Jahre immer abgelichtet hat. Der Beweis findet sich in meinem Fotoalbum, in dem die alljährlichen Drachenfels-Bilder eine ganz eigene Familienchronik bilden: „D1214“ steht auf dem Flieger, Kerns Erkennungszeichen.

Jetzt sitzt der quirlige 82-Jährige („dat macht hier die Luft“) mit seiner Frau im Garten ihres Hauses, auf halber Höhe vom Drachenfels, gleich neben der Nibelungenhalle, die von „der Marlies“ betrieben wird. Am Abend wird er wieder zu seinem Männergesangsverein „Gemütlichkeit“ gehen, dessen Mitglied er seit 1955 ist. Länger, als ich auf der Welt bin.

Heute tragen alle Rucksack

Schon Kerns Großvater war Drachenfels-Schnellfotograf, der Enkel gilt als der Letzte seiner Zunft. 1989 hat er sein Atelier geschlossen, dann noch zehn Jahre mit seiner Frau hier oben einen Souvenirladen mit Getränken betrieben, bis sich auch das nicht mehr lohnte. Der Wanderer von heute, staunt Kern, trägt ja alles im Rucksack mit sich herum. Und das Handy zum Fotografieren in der Hosentasche.

Die Autorin heute mit Donna, einem Esel der Familie Muhr. Reiten darf sie nicht mehr, das ist nur noch Kindern erlaubt. Foto: privatp

Ferien haben die Kerns nie gemacht. Wann auch? Von März bis Oktober währte die Saison, sieben Tage die Woche, von morgens neun bis abends sieben Uhr. Das Geschäft boomte, „da gab’s ja noch kein Spanien, kein Mallorca“. Selbst zu verreisen, hat Kern nie gereizt. Wozu? „Wir haben et hier schön genuch“, sagt der „Ritter vom Siebengebirge“, zu dem er 2015 geschlagen wurde.

Siebengebirge, wenn das nicht nach Märchenland klingt. Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, am Rhein … Dabei sind es viel mehr als sieben Berge, nämlich gut 40. Der Drachenfels mit seinen 321 Metern zählt eher zu den mickrigen. Umso imposanter die Lage.

Uns war er entschieden zu hoch. Wir kamen aus dem Flachland, Kohlehalden waren im Ruhrgebiet die einzigen Erhebungen. Und so klein der Berg, so steil ist er auch. Sportlich gänzlich unbegabt, taten wir, was Klein und Groß heute noch tun, wir stöhnten, japsten, jammerten. Meist mit Erfolg. Dann durften wir auf dem Esel hochreiten.