Die Organisation SOS Mediterranee fährt auf Rettungsmission ins Mittelmeer. Hier im Hafen von Lampedusa. Foto: EPA/ELIO DESIDERIOp

Seenotrettung im Mittelmeer "Es kann nur richtig sein, Menschen aus Lebensgefahr zu retten"

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Es gibt Grenzen der Moral. Unsere endet im Mittelmeer, beklagt der Gründer von SOS Mediterranee. Und der Kapitän hat eine Idee, wie die EU sofort Menschen retten könnte.

Herr Vogel, Sie müssen deprimiert sein.

Bin ich gar nicht. Warum?

Seit über einem Jahr rettet Ihre Organisation SOS Mediterranee Menschenleben vor der libyschen Küste. Fast 20 000 haben Sie mit der Aquarius in Sicherheit gebracht. Doch immer, wenn sich ein europäischer Politiker zu den Bootsflüchtlingen im Mittelmeer äußert, wird über Initiativen wie Ihre kein Wort verloren.

Die EU legt ihr Hauptaugenmerk auf Abgrenzung und Abschreckung. Bei vielen, die in Brüssel Verantwortung tragen, kann ich die Balance zwischen Staatsraison und Humanität nicht erkennen. Es ist jedenfalls zynisch zu sagen: Lasst die Leute ertrinken, dann löst sich das Problem von selbst.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Die Vertreter der Bürger, die sich für humanitäre Werte einsetzen, sollten mit am Kabinettstisch sitzen – und nicht am Katzentisch, wie es derzeit geschieht.

Der deutsche Innenminister und sein italienischer Amtskollege forderten kürzlich, man müsse Flüchtlinge noch in Libyen abfangen und Schleuser bekämpfen.

Ich glaube, dass beide die Lage in den Ländern recht genau kennen, sich auch darum sorgen. Nur kann ich nicht akzeptieren, dass man die Geflüchteten in Libyen ihren Folterern überlässt. Die Menschen sitzen dort in Internierungslagern – Vergewaltigungen, Erschießungen, Unterernährung und Infektionen sind an der Tagesordnung. Warlords pressen so lange Geld aus den Flüchtlingen, wie es geht. Dann setzen sie sie auf Schlauchboote. Die Menschen, die sich aus Ländern der südlichen Sahelzone auf den Weg machen, wissen nicht, was sie in Libyen erwartet. Viele sagen später: Wenn wir das gewusst hätten, wären wir zu Hause geblieben.

Einige europäische Regierungen kritisieren Sie als Fluchthelfer. Wie groß ist Ihr Einfluss auf die Wanderungsbewegung?

Bevor wir im Februar 2015 losfuhren, besuchte ich den Leiter der italienischen Küstenwache in Rom. Ich teilte ihm mit, dass wir ein Schiff hätten und bereit wären, an der Rettung teilzunehmen …

… und er so: Oh, nicht die auch noch? 

Er war dankbar, dass andere europäische Bürger die Italiener in dieser Situation nicht alleine ließen. Auf die Frage, was denn wäre, wenn wir nicht dort wären, meinte der Mann, dass die Schlepper die Menschen belügen, ihnen mehr Benzin mitgeben und sagen „Ihr schafft das schon“. Die behauptete Sogwirkung gibt es nicht. Wissenschaftliche Studien der Londoner Goldsmith-Universität bestätigen, dass der relevante Punkt bei der Migration nicht das Beistandsangebot der Retter ist.

Der Kapitän

Klaus Vogel, 60,war im November 2014 über das Ende der italienischen Rettungsoperation „Mare Nostrum“ so fassungslos, dass der Handelsschiffkapitän „SOS Mediterranee“ ins Leben rief. Diese europäische Organisation zur Seenotrettung wird nur durch private Spender getragen. Mitstreiter fand der Hamburger in Frankreich und Italien. Aus der Leitung des Vereins hat sich Vogel mittlerweile zurückgezogen und kümmert sich im Hintergrund um das Projekt.
Das Gespräch findet in seinem Reihenhaus in Kladow statt, wo er seit 2013 mit seiner Frau lebt. Er hat vier erwachsene Kinder. Eigentlich wäre er jetzt auf See, „mit einem normalen Schiff“, wie er sagt, wenn die Flüchtlingskatastrophe nicht seine Aufmerksamkeit bräuchte. Der Seemann spricht geschliffene Sätze, druckreif, was an seiner Vergangenheit als Universitätsdozent und Wissenschaftler liegt. Im Februar 2015 brach die von SOS Mediterranee gecharterte „Aquarius“ ins Mittelmeer auf und ist dort seither im Dauereinsatz. Für sein humanitäres Engagement wird Klaus Vogel am 27. Juni in Paris mit dem Unesco-Friedenspreis ausgezeichnet, zusammen mit seinen Mitstreiterinnen Valeria Calandra (Palermo) und Sophie Beau (Marseille) sowie mit der Bürgermeisterin von Lampedusa, Giuseppina Nicolini.

Klaus Vogel, Kapitän der MS "Aquarius". Foto: Carmen Jaspersen/dpa p

Sie haben selbst Rettungseinsätze über zehn Stunden durchgeführt. Was bedeutet das?

Es bringt jeden körperlich und psychisch an Grenzen. Aber es trägt den Lohn auch in sich selbst. Jeder weiß, was er getan hat. Allerdings kann die Crew noch so gut eingespielt sein, das Prozedere noch so bewährt – wir können uns nie sicher sein, was uns erwartet. Wir sind auf Schlauchboote gestoßen, deren Bodenbretter der Länge nach durchgebrochen waren, sodass die Frauen, die in der Mitte saßen, in das Loch gesackt und schon ertrunken waren. Für mich war nach der ersten Rettung der bewegendste Eindruck, dass ich wusste, nachdem wir jeden Einzelnen Hand über Hand an Bord gezogen hatten: Es kann nur richtig sein, Menschen aus Lebensgefahr zu retten.

Haben Sie sich die Aufgabe leichter vorgestellt?

Ich habe sie mir ungeheuer schwierig vorgestellt. Und so war es auch. Aber ich habe einfach nicht aufgegeben. Die Erleichterung war groß, als wir endlich etwas tun konnten. Das ist wie mit dem Roten Kreuz im Ersten Weltkrieg. Es hat ihn nicht beendet. Aber als man mit Sanitätern aufs Schlachtfeld zog, um wenigstens den Verwundeten zu helfen, war das besser, als hätte man es nicht getan. Nach dem Ende der Operation Mare Nostrum eilte den Ertrinkenden niemand mehr zu Hilfe. Es herrschte ein Schweigen auf dem Meer.

Betrachten Sie sich als Übergangslösung, bis die EU ein Rettungsprogramm auf die Beine stellt?

Mir ist bewusst, dass die Lösung ganz woanders gesucht werden muss. Trotzdem: Hätten wir uns wegdrehen und gar nichts tun sollen? Die erste Spende, die wir erhielten, kam von einem 16-jährigen Mädchen, das uns sein Taschengeld überwies. Bis heute sind wir vor allem auf Einzelspenden angewiesen. Ein Hochseeschiff kostet am Tag mit allem drum und dran 11 000 Euro. Das sind 330 000 Euro im Monat. Zwei bis drei Monate im Voraus ist die Aquarius bezahlt, größer sind unsere Rücklagen nicht. Wir brauchen dringend die klare, ungeteilte, praktische und moralische Unterstützung der europäischen Staaten. Die Zivilgesellschaft wird bis zu dem Tag benötigt, da Rettungsboote rund um das Mittelmeer stationiert sind und bei dramatischen Zwischenfällen ausrücken.

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