pSchriftsteller Roddy Doyle: „Viele Iren trinken heute daheim – das ist traurig“
0 Kommentare"Es ist in Ordnung, Fehler zu machen"
Sie arbeiten längst nicht mehr als Lehrer.
Ich habe 1993 aufgehört, aber vor einiger Zeit ein Schreibzentrum für Kinder mitgegründet. Dort versuche ich zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen oder seine Meinung zu ändern. Also das Gegenteil von dem, was die Schule ihnen sagt. Schule ist toll, aber man ist so eingeschränkt durch alle möglichen Zwänge, nicht nur zeitliche, Sorgen um die Zensur … Wir wollen den Kids zeigen, dass es darum beim Schreiben nicht geht. Lehrer zu sein ist ein bisschen wie Elternsein, das ist eine riesige Verantwortung. Was ich dort mache, ist eher wie Großelternsein. Ich bin mittwochnachmittags drei Stunden mit den Kindern zusammen, dann verschwinden sie durch die Tür, und ich auch.
Was wollten Sie Ihren Schülern beibringen?
Den Spaß an der Literatur, an der Sprache. So präzise wie nötig und so offen wie möglich mit den Worten umzugehen. Gleichzeitig war ich mir meiner Verantwortung bewusst: Das waren Arbeiterkinder, die oft als Erste in der Familie eine richtige Bildung bekamen. In den 80er Jahren hatten etliche Eltern überhaupt keine Erfahrung mit weiterführenden Schulen, die wenigsten sind bis 18 zur Schule gegangen, wie es heute üblich ist.
Sie verwenden häufiger das Wort Arbeiterklasse, das klingt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Vor ein paar Tagen, als ein Gewerkschaftsführer über die Arbeiterklasse sprach, habe ich mich genau das gefragt, ob er in letzter Zeit mal darüber nachgedacht hat, was das noch bedeuten könnte. Dieser Mann verdient 400 000 Euro im Jahr. Wozu macht ihn das? Oft frage ich mich, ob es bei der „Arbeiterklasse“ nicht ebenso sehr um Haltung wie ums Gehalt geht. Ein Beamter verdient oft weniger als ein Klempner, ist aber solidere Mittelschicht. Allerdings will ich meine Zeit nicht mit soziologischen Definitionen verbringen. Ich bin nur die linken Politiker in Irland leid, die das Wort Arbeiterklasse benutzen, als würden sie in den 30er Jahren leben, ja, leben wollen, und glücklicher wären mit diesen rigiden Unterscheidungen.
Irland wird oft als Folklore verkauft. Wenn man von Schönefeld nach Dublin fliegt, kommt man auf dem Weg zum Gate durch einen irischen Pub ….
… die gibt’s auf der ganzen Welt. Sogar in Peking, glaube ich.
Schaut man sich die Statistiken zum Alkoholkonsum in Irland an, wird heute viel weniger getrunken, vor allem weniger Bier. Auf dem Land werden die Pubs reihenweise geschlossen. Ihr neuer Roman „Punk is Dad“ über den inzwischen 47-jährigen und krebskranken Jimmy Rabbitte aus den „Commitments“ beginnt mit einer langen Szene im Pub.
Viele Leute trinken inzwischen zu Hause, weil es billiger ist, das ist traurig. Sehr traurig. Im Zentrum von Dublin gibt es einige Pubs, die in erster Linie Touristenattraktionen sind, doch es gibt noch eine Menge, die einfach nur Pubs sind. Mit Irland ist es genauso: Irland ist „pure magic“ für die Leute, die zu Besuch kommen. Das ist in Ordnung, es ist Teil der Wirtschaft. Was ich aber sehr ungesund finde: wenn der Tourismus, wie in den 80er Jahren, die einzig blühende Branche ist und man das Klischee leben muss. Nein, ich gehe in den Pub bei uns um die Ecke, um ein Bier zu trinken, zu reden und Fußball zu gucken.
Wie kam es, dass Sie mit Roy Keane, der als Ire für Manchester United gespielt hat, dessen Autobiografie geschrieben haben?
Unter den irischen Fußballern gibt es wahrscheinlich niemand Interessanteren. Mich hat auch die zeitliche Herausforderung gereizt, die Intensität, sieben Tage die Woche, das Buch sollte ja ganz schnell fertig sein. Normalerweise arbeite ich in meinem eigenen Rhythmus. Je älter ich werde, desto offener werde ich für Neues, habe Lust, etwas zu machen, was ich noch nie getan habe.
Normalerweise denkt man, das wäre umgekehrt.
Nein. Neulich habe ich auch das Script für die Londoner Musicalversion von „The Commitments“ geschrieben, das hätte ich früher nie getan. Beides großartige Erfahrungen. Schon als kleiner Junge habe ich mit Begeisterung Fußball geguckt, zusammen mit meinem Vater, der vor Kurzem gestorben ist, das ist ein sehr emotionales Ding. Ich finde es extrem wichtig, die Verbindung zwischen dem Erwachsenen, der man jetzt ist, und der Kindheit offen zu halten. Und Fußball ist der direkteste Weg zurück. Das ist auch das einzige Mal, dass ich beim Fernsehgucken anfange zu brüllen: Go on! Kick it! Als ob die mich hören könnten. Jahrzehntelang hab ich mich mit Fußball beschäftigt – und plötzlich war es so, als wäre all die Zeit nicht verschwendet, sondern Teil der Arbeit: alles Vorbereitung für dieses Buch.
Stellt Ihre Familie keine Ansprüche an Ihre Zeit?
Sie werden Teil der Arbeit. Das Leben ist Recherche. In vielen meiner Romane geht’s um Familie, zum Beispiel das Gefühl von Verlust, sogar Trauer, wenn ein Kind unabhängig wird. Das ist großartig zu beobachten, aber schrecklich, damit fertigzuwerden. Also nutzt man es. Das ist eine der guten Sachen am Schreiben: Lebenserfahrung kann zum Material werden. Nicht in einem autobiografischen Sinne, das hat mich nie interessiert. Aber gefühlsmäßig.