Heiligtum. Das Grab von Abbas Ibn Ali ist einer von zwei wichtigen Schreinen in Kerbela, die die Menschen während der Wallfahrt besuchen. Foto: Ullstein Bildp

Schiitische Wallfahrt in den IrakGrößer als der Haddsch

Von Nemi El-Hassan0 Kommentare

Trotz der Bedrohung durch den IS strömen jedes Jahr Millionen Menschen zum Arbain-Fest ins irakische Kerbela. Wie unsere Autorin. Bericht von einer schiitischen Wallfahrt.

Alles kann nur stattfinden, weil große Teile der Bevölkerung mithelfen

Größer als Mekka. Der Abbas Ibn Ali-Schrein aus der Vogelperspektive. Zum Arbain-Fest kommen mehr Pilger in den Irak als beim Haddsch nach Saudi-Arabien. Foto: AFPp

Rechts und links der Straße von Nadschaf nach Kerbela waren Stände aufgebaut, an denen Leute kostenlos Essen verteilten; es dampfte aus großen Kochtöpfen, am Tage wie in der Nacht, während aus den Lautsprechern Gesänge und Koranrezitationen erschallten. Manche Iraker sparen das ganze Jahr, um die Versorgung der Pilger zu übernehmen. Einmal hat mich ein Mann regelrecht angefleht, einen Teller mit Reis und Fleisch zu akzeptieren. „Ich habe keinen Hunger“, erwiderte ich, woraufhin er mir ein Glas mit heißem, stark gezuckerten Schwarztee reichte. Einige Leute waschen und bügeln die vom Wüstenstaub verschmutzte Kleidung der Pilger, andere bieten sogar Fußmassagen an.

Immer wieder bitten einen Menschen in ihr Zuhause. Für mich mit meiner deutschen Sozialisation fühlt es sich anfangs wie Wahnsinn an, sich von völlig fremden Leuten einladen zu lassen. Mawakeb – große Zelte, die auch für religiöse Zeremonien genutzt werden – bieten allen, die keine Unterkunft gefunden haben, ein Dach über dem Kopf.

Auf Bannern steht: "Unser letztes Hemd geben wir für dich, oh Hussein"

Die Wallfahrt kann offenbar nur deshalb stattfinden, weil große Teil der Bevölkerung mithelfen. Ihr Glaube macht Gastfreundschaft für die Fremden, unter denen es viele gibt, die lange Geld für ihre Pilgerreise zurücklegen mussten, zur Pflicht. Immer wieder tauchen entlang des Wegs Banner auf, auf denen es auf Arabisch heißt: „Unser letztes Hemd geben wir für dich, oh Hussein.“

Hussein ist eine zentrale Figur für Schiiten, und seine tragische Geschichte ist der Ursprung von Arbain. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name des Fests „vierzig“. Denn 40 Tage lang wird in der islamischen Tradition um Verstorbene getrauert, und bei Arbain gedenkt man eben des Todes Husseins. Deshalb auch die schwarze Kleidung.

Hussein war ein Enkel des Propheten Mohammed und starb 680 in der Schlacht von Kerbela; das machte ihn zum Märtyrer. Er hatte dem Kalifen Yazid – ein übler Verschwender und Tyrann – den Treueeid verwehrt. Während Arbain für Schiiten ein Hochfest ist, hat es für Sunniten keine derartige Bedeutung.

Die Schiiten bilden die Mehrheit im Iran wie auch im Irak. In den meisten muslimischen Ländern sind sie jedoch in der Minderheit und wurden oft verfolgt. So gilt ihnen, und ich bin da keine Ausnahme, Hussein als Symbol für Gerechtigkeit und für den Widerstand gegen Unterdrückung. Auch für manche Nicht-Muslime war er eine Inspiration, etwa für Mahatma Gandhi, der einmal sagte „Ich lernte von Hussein, wie man einen Sieg erlangen kann, während man unterdrückt wird.“ Aus Solidarität laufen bei der Arbain-Wallfahrt immer wieder einzelne Sunniten, Zoroastrier (Anhänger einer alten Religion, die vor allem im Iran Bedeutung hat) und sogar Christen mit. Nadschaf ist Teil der Pilgerroute, weil dort Husseins Vater Ali begraben liegt. Den Schiiten gilt Ali als erster Nachfolger des Propheten. Von seinem Grab aus laufen die meisten los.

Während der Herrschaft von Saddam Hussein, die von Ende der 1970er Jahre bis zum amerikanischen Einmarsch 2003 dauerte, war die Arbain-Wallfahrt verboten. Der Diktator, dessen Baath-Partei national und sozialistisch orientiert war, ließ 1991 einen Aufstand der schiitischen Bevölkerungsmehrheit brutal niederschlagen. Gleich nach seinem Sturz wurde die Arbain-Tradition wiederbelebt, seitdem schnellen die Besucherzahlen von Jahr zu Jahr weiter in die Höhe.

Keiner schreit, keiner murrt lautstark

Am Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft stehen wir früh auf. Gleich im Anschluss an das Frühstück führt uns Abu Mustafa zu Fuß in die Altstadt. Mit jeder Minute, die wir den zwei großen Heiligtümern, deren goldene Kuppeln schon von weitem in der Sonne glänzen, näher kommen, desto enger wird es auf den Straßen. Der Boden ist bedeckt mit einem feinen Film von Wüstensand. Nach 20 Minuten stehen wir inmitten so vieler Menschen, dass es kaum noch voran geht. Körper an Körper. Doch keiner, der schreit oder lautstark murrt. Dazu sind die Leute zu mitgerissen von der positiven Stimmung. Die meisten wirken in sich selbst versunken, erschöpft und dennoch voller Kraft. Um mich herum höre ich alle möglichen Sprachen: Arabisch natürlich, mit seinen Dialekten, Englisch und oft auch Persisch, wegen der vielen iranischen Pilger. Wir treffen sogar eine Gruppe aus Münster. Ich sehe Pilger, die Stoffbanner in die Höhe halten, auf denen „Hussein“ steht oder „Abbas“.