Das Ehepaar Saskia und Veit Etzold. Sie ist Rechtsmedizinerin, er Thrillerautor. Foto: Mike Wolffp

Saskia und Veit Etzold im Interview „Beim Abendessen reden wir über Wasserleichen“

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Sie hilft Gewaltopfern als Rechtsmedizinerin. Er erzählt in Thrillern von Serienkillern. Saskia und Veit Etzold über Fiktion, Realität und die Faszination des Todes.

Frau Etzold, Herr Etzold, Sie haben als Rechtsmedizinerin und Thrillerautor von Berufs wegen ständig mit Schmerzen, Qualen und Blut zu tun. Was ist schwerer zu ertragen: die Fiktion oder die Realität?

Saskia Etzold: Für mich die Fiktion. Mit der Realität komme ich gut klar, das ist mein Job. Da kann ich Menschen helfen. In der Fiktion stehe ich dem Plot und damit dem Leid hilflos gegenüber.

Und dann haben Sie ausgerechnet einen Autor von Serienkiller-Romanen geheiratet?
Saskia: Das ist etwas anderes. Die Bücher lese ich ja beim Entstehen von einem technischen Standpunkt aus.

Veit Etzold: Es gibt von Mark Twain den schönen Spruch: „Der Unterschied zwischen Realität und Fiktion ist, dass Fiktion Sinn ergeben muss.“ Und die Realität ist teilweise derart pervers, absurd und brutal, dass man es in einem Thriller gar nicht schreiben kann. Ich habe zum Beispiel bei der Recherche zu meinem Buch „Seelenangst“ mit Aussteigern aus der Satanistenszene gesprochen, und die haben mir Dinge berichtet, die ich so gar nicht für mein Buch verwenden konnte. Es ist sicherlich besser für die Nachtruhe Ihrer Leser, wenn wir hier nicht auf Details eingehen.

Saskia und Veit Etzold

Saskia Etzold (36) ist Rechtsmedizinerin und seit 2014 stellvertretende Leiterin der Gewaltschutzambulanz an der Charité, die sich um Opfer kümmert und deren Verletzungen rechtsmedizinisch dokumentiert. Was sie täglich erlebt, schrieb sie gemeinsam mit ihrem Chef Michael Tsokos in dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ auf.

Veit Etzold (44) arbeitet als Wirtschaftsberater und ist bekannt geworden als Autor von Serienkiller-Krimis. Am 1. September erscheint „Tränenbringer“, der fünfte Roman mit seiner Ermittlerin Clara Vidalis. Unter dem Titel „Die Schöne und er liest“ tritt das Paar auch gemeinsam auf.

Saskia und Veit Etzold empfangen am frühen Morgen in ihrer Berliner Dachgeschosswohnung. Aufgeräumt und hell ist es, weiße Sofas, gläserne Tische. So wohnt das Paar, dessen Vermählung im Jahr 2013 von einer Boulevardzeitung als „Berlins gruseligste Hochzeit“ bezeichnet wurde. Grund für die Schlagzeile waren die Lebensläufe der beiden. Mike Wolffp

Dabei sind Sie kein Autor, der nur andeutet. In „Dark Web“ geht es um Frauen, die erst verstümmelt, dann als Sexsklavinnen missbraucht werden.
Veit: Das habe ich mir nicht ausgedacht. Es gibt im Darknet eine Seite, wo jemand über die sogenannten Dolls schreibt. Auch ein Video ist dort zu sehen. Meine Frau glaubt jedoch, dass das eine Computeranimation ist.

Die Nachrichten sind voll von Gräueltaten: IS, Bürgerkriege, verschwundene Kinder … Warum tut man sich dann auch noch in seiner Freizeit Thriller an?
Veit: Hirnforscher vermuten dahinter eine tiefsitzende Strategie des Gehirns zur Bewältigung von Angst. Demnach gibt uns das Betrachten von Gewalt subjektiv das Gefühl, wir wären besser auf kommende Gefahren und eventuelle Verletzungen vorbereitet.

Statt bei Hinrichtungen zuzuschauen, lesen wir heute also von Massenmördern?
Saskia: Ich gehe davon aus, dass die Faszination für Krimis genau daher rührt, dass wir den Tod und Krankheiten so stark aus dem Alltag verbannt haben. Die Generation, die gerade in Kriegen aufwächst, hat sicher kein Interesse an Büchern über Serienkiller. Bei uns jedoch stirbt heute kaum mehr einer zu Hause. Es gibt keine Totenwache. Die meisten Menschen haben noch nie eine Leiche gesehen. Und gleichzeitig kann doch niemand den Tod ignorieren. Am Ende sterben wir alle.

Veit: Der Thriller bietet darüber hinaus etwas, was die Wirklichkeit oft nicht kann: Ein Motiv für die Gräueltaten. Die Gewalt hat immer einen Grund. In der Realität gibt es häufig gar kein richtiges Motiv. Außerdem kommt in vielen Krimis der Killer selbst um. Das ist dann bestimmt eine Art Happy End für die Leserin, eine Bestrafung, die sie erwartet und auch erhofft.

Die Leserin?
Veit: Ich habe hauptsächlich Leserinnen. Ich glaube, Frauen interessieren sich bewusst oder unbewusst stärker dafür, was in Tätern vorgeht. Vielleicht, weil sie allgemein dazu neigen, sich um Menschen zu kümmern und diesen vielleicht zu helfen. Sie wollen sehen, was in so einer kranken Seele vor sich geht, das aber gleichzeitig in einer sicheren Umgebung tun. Womöglich hat das seinen Ursprung darin, dass Frauen Kinder gebären können.

Klingt das für eine Medizinerin plausibel?
Saskia: Auch ich glaube, dass, wer Leben schenken kann, es nicht so schnell auslöscht. Frauen verfügen statistisch tatsächlich über mehr Empathie als Männer, was sich auch darin spiegelt, dass es deutlich weniger Psychopathinnen als Psychopathen gibt. Wenn ich Menschen von meiner Arbeit in der Gewaltschutzambulanz erzähle, wo wir Opfer kostenlos betreuen und Verletzungen rechtsmedizinisch dokumentieren, höre ich oft: Ich könnte diesen Job nicht machen. Vor ein paar Tagen habe ich zum Beispiel eine Frau Mitte 80 untersucht, die ausgeraubt wurde und jetzt mit drei Knochenbrüchen im Krankenhaus liegt – für einen Beutewert von 50 Euro. Die Polizei war nicht erstaunt. Die sagten, sie hätten schon erlebt, dass jemand nur für fünf Euro so brutal zuschlägt.

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