pSammlung Rosengart: Von Picasso gebannt
2 KommentareKurios, wie klein der große Künstler war
pAus dieser Sammlung, für die nun die Wohnung zu klein wurde, entstand die Idee des Museums. Im ehemaligen Regionalsitz der Schweizer Nationalbank, einem weiß getünchten Kasten des Neoklassizismus, eröffnete sie im März 2002 die Ausstellung. Sie ist chronologisch sortiert: In der ersten Etage gibt es Werke des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, im Erdgeschoss hängen über 40 Werke Picassos und im ehemaligen Tresorraum im Keller 125 Arbeiten von Paul Klee. „Für mich war klar, dass die Sammlung in Luzern zu sehen sein musste“, sagt Angela Rosengart. Bei aller Provinzialität war die Stadt ihr Lebensmittelpunkt, der Ort, an dem ihre Schaffenskraft und Leidenschaft wuchsen.
Frau Rosengart trägt an diesem Morgen einen rosafarbenen Rollkragenpullover, schwarze Jeans und eine auffällige große Kette, die auf den ersten Blick aussieht, als hätte sich jemand im Werkunterricht an Spiralverschlüssen versucht, und erst auf den zweiten wie ein filigranes Kunstwerk. Picasso hätte den Schmuck gemocht, glaubt Angela Rosengart. Ihn faszinierten Spiralen, einmal hat er sogar versucht, aus einem Metallgürtel von Frau Rosengart ein Kunstwerk zu machen, hat probiert, Figuren darauf einzuätzen, ohne Erfolg. Das Material entpuppte sich als zu widerspenstig. Ein kurzer neidischer Gedanke: Wer kann sonst noch von sich behaupten, dass Picasso daran gescheitert ist, den eigenen Gürtel zum Kunstwerk zu erheben?
pIn der ersten Etage der Stiftung hängen persönliche Fotografien der Familie Picasso. Kurios, wie klein von Wuchs der große Künstler war. 1,55 Meter, sagt Angela Rosengart. Gegen diesen Glatzkopf erscheint sie auf einem Bild wie eine lachende Riesin.
Sie kommentiert Picasso-Bilder aus den 40er Jahren, die im Erdgeschoss hängen. „Was er mit Grau an Farbe herausholt“, sagt sie bewundernd. Als sie ein Gemälde von 1953 erblickt, eine Frau mit einem spielenden Hund, fällt ihr auf, wie aggressiv diese Szene doch aussieht, überhaupt nicht nach einem häuslichen Frieden mit der Lebensgefährtin Françoise Gilot. „Das war kurz vor der Trennung, das spürt man richtig.“
Kommen Sie morgen vorbei, ich mache ein Porträt von Ihnen!
Im Keller erzählt sie von der ersten Ausstellung, an der sie als 16-Jährige mitarbeitete: eine Nachkriegsschau von Paul Klee. Selbst die günstigen Großformate für 6000 Franken konnten die Rosengarts nicht verkaufen. Vor fünf Jahren wechselte in London ein Klee-Gemälde für 4,5 Millionen Pfund den Besitzer. „Die Farben, die Poesie, der Witz, diese entzückenden Titel“, schwärmt die alte Dame wie ein junges Mädchen über den Schweizer Maler. Ihr erstes selbsterworbenes Bild war seine Zeichnung „X-chen“, ein lustiges Strichmännchen, mit 16 Jahren eben 1948 gekauft, vom ersten Gehalt als Lehrling beim Vater. Es ist im Untergeschoss zu sehen und als Souvenir-Postkarte bei Besuchern unheimlich beliebt.
Natürlich kommen viele der Gäste aus Singapur, den USA, Deutschland und, ja, aus Luzern hierher, um die fünf Bilder zu sehen, die Picasso von Angela Rosengart gemacht hat. Es begann 1954, als sie mal wieder mit ihrem Vater in Südfrankreich war, durch das Dorf Vallauris spazierte, vorbei an den Töpfereien, wo auch Picasso gern arbeitete. Ein Geplänkel mit dem Vater, dann ein Angebot, das wie eine Anweisung klang: Kommen Sie morgen vorbei, ich mache ein Porträt von Ihnen! „Das lehnt man nicht ab“, sagt Angela Rosengart.
Die erste Sitzung dauerte 20 Minuten, heraus kam eine feine Bleistiftzeichnung. „Der sieht man an, dass sie schnell gemacht wurde“, gibt das Modell zu. Die Zeichnung hängt in einem Raum in der ersten Etage, gleich neben den anderen Bildern, „pour Angela“, wie Picasso gewidmet hat – die alle bis 1968 entstanden.
Den Mini-Dutt, ihren "chignon", trägt sie bis heute
Vor allem die Sitzung von 1964 ist ihr in Erinnerung geblieben. Da wollte der Meister eine große Lithographie von ihr machen, zwei Stunden saß sie Modell, durfte sich nicht rühren. Es war totenstill im Raum, keine Gespräche, keine Musik, Angela Rosengart suchte mit ihren Augen das chaotische Atelier ab: die Zeichnungen, Keramiken, Bücher, Kataloge. „Ich hatte das Gefühl, ich werde langsam zu einem Holzblock. Und dann diese Blicke – als wenn ich direkt aufgefressen würde von ihnen.“
Bis auf die erste Zeichnung, wo sie eine Dauerwelle trug, sieht man auf den Bildern die Konstante eines Berufslebens: den streng zurückgesteckten Mini-Dutt. Ihren „chignon“, wie sie die Frisur nennt, trägt sie bis heute. Manchmal erkennen sie Menschen daran und nicken ihr freundlich zu: auf der Straße, im Bus, im Restaurant. Auch im „Old Swiss House“? Da wird sie plötzlich zur sparsamen Schweizerin: „Nein, zu teuer. Das Wiener Schnitzel kostet irgendwas um die 60 Franken.“ Das muss man sich mal vorstellen: Eine Frau, die Millionenwerte an Bildern hat, wird beim Essen knauserig. Lieber geht sie in den „Rebstock“ oder den „Luzerner Hof“, im letzteren übrigens hat sie neulich ein „köstliches Hirschragout“ gegessen.
Nach 90 Minuten kommt Angela Rosengart zu den Fotos in der ersten Etage, die Besuche beim spanischen Künstler dokumentieren. Der letzte im Herbst 1972, Pablo Picasso trägt einen gelben Pullover. „Er wirkte so lebhaft, dass wir natürlich ‚Auf Wiedersehen’ sagten und glaubten, uns im Frühjahr wieder zu sehen“, erzählt Rosengart. Picasso bekam im März 1973 eine Grippe, er starb als Hochleistungskünstler mit 91 Jahren. Einen Teil seines Lebens hat Angela Rosengart in Luzern konserviert.