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Reiseliteratur In die Ferne lesen
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Büscher ist von Berlin nach Moskau gelaufen

Die Zeit der Gaben. Patrick Leigh Fermor, S. Fischer Verlage, 419 Seiten. 9,95 Euro. Cover: promop

BERLIN - MOSKAU, WOLFGANG BÜSCHER

Wer geht, kommt voran. Und kommt weiter. Viel weiter, als man mit Auto, Schiff, Zug oder Flugzeug käme. Wer geht, sieht mehr, und weil die Qual des Gehens verdrängt wird durch die Entdeckung der Langsamkeit, ist die Qual keine Qual mehr, sondern Stolz.

Vor ein paar Jahren ist Wolfgang Büscher an einem frühen Sommermorgen losgegangen, von Berlin aus, „so geradeaus wie möglich nach Osten.“ Nach 2500 Kilometern, hat er angehalten. Man darf wohl sagen, dass einer, der 2500 Kilometer am Stück zu Fuß geht durch Europa eine Menge Europa gesehen hat. Von den vielen Besonderheiten, die dieses Buch ausmachen, ist die erste die Route. Nach Süden, der Sonne, der Wärme, dem Licht und dem Lachen entgegen gehen, kann jeder. Aber Büscher ist von Berlin nach Moskau gelaufen. In etwa den Weg, den Deutsche ein paar Jahrzehnte zuvor in Scharen marodierend und mordend durchpflügt haben: die Heeresgruppe Mitte. Ein Canossa-Gang also, diese Wanderung Büschers, ein Bußgang für das Verzeihen, für die Wiedergutmachung? Nein, eher nicht, auch wenn Büscher seinem toten Großvater auf seiner Reise begegnet, über ihn geht, durch ihn hindurch, auch wenn er – was nicht anders sein kann, wenn man durch Polen, Weißrusssland und Russland vor Moskau läuft – auch die Vergangenheit einholt und nacherzählt. Aber das kommt nicht volksschulmäßig, nicht missionarisch, nicht schuldbeladen daher, sondern im Wortes- und bestem Sinne fabelhaft. Der Bericht hat, außer einem erfüllten literarischen, keinen Anspruch. Die Motivation dieser gewaltigen Tortur ist die Reise selbst, ist das Erleben, sind die Begegnungen und Empfindungen. Damit steht es dann gleichberechtigt etwa neben Michael Holzachs „Deutschland umsonst“ oder Bruce Chatwins „Traumpfade“ als Klassiker der Reiseliteratur.

Wir sind ja zurzeit berechtigterweise nicht sonderlich gut zu sprechen auf Russland. Schon klar, dass es noch mehr gibt als Putin im Osten. Büscher hat das andere durchlaufen. Und wir können mitgehen.

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