Ralf Richter, 59, erlebte seinen Durchbruch 1981 mit einer Rolle in Wolfgang Petersens "Das Boot". Foto: Carsten Sanderp
Ralf Richter über das Ruhrgebiet "Der Proll brüllt gleich los"
Moritz Honert
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Wie baut man aus einer Konserve und einer Zahnpastatube einen Kocher?

Über die Jahrtausendwende saß Richter ein paar Monate wegen Kokainhandels im Gefängnis. Foto: dpap

Manches versuchen Sie heute nachzuholen. Mit Ihrem Sohn haben Sie jetzt ein Drehbuch für die Gangsterkomödie „Grabowski – Alles für die Familie“ geschrieben, in dem Sie Ihre beliebtesten Figuren wieder auferstehen lassen. Die Anschubfinanzierung lief über Crowdfunding. Befreiungsschlag oder Notwendigkeit?

Ich wüsste gar nicht, welche Möglichkeiten mir blieben, wenn ich mir nicht selbst was ausdenken würde. Die Aufträge sind ja enorm zurückgegangen. Zum einen hat sich die Branche krass gewandelt: Früher hatte das Fernsehen 100 Serien gleichzeitig. Heute gibt es nur noch Pseudo-Reality-TV, bei dem die Darsteller mit Minigagen abgespeist werden. Und nun ist es bei mir ja auch so, dass mich mancher Produzent meidet, weil ich mal im Knast saß. Das scheint Menschen Angst zu machen. Also musste ich mir was überlegen. Im Herbst wollen wir anfangen zu drehen.

Sie saßen über die Jahrtausendwende neun Monate wegen Kokainhandels im Gefängnis.

Nach meiner zweiten Scheidung bin ich in ein Loch gefallen. Ich hab’ gedacht, das Leben ist vorbei, habe die Wohnung gar nicht mehr verlassen. In einer Disko hat mir dann einer Kokain gegeben und zoooomm. Ich fühlte mich immun gegen den ganzen seelischen Schmerz. Später hat mir dann jemand gezeigt, wie man Kokain aufkocht und raucht. Das war ganz dreckig. Ungefähr wie Crack. Das endete jedes Mal damit, dass du die ganze Nacht durchgemacht hast und morgens auf dem Boden rumgekrochen bist, auf der Suche nach ein paar übrig gebliebenen Krümeln. Du hast dir zwei-, dreimal einen runtergeholt und konntest immer noch nicht schlafen. Kalter Schweiß. Widerlich. Irgendwann habe ich mich belabern lassen, jemandem Kokain zu besorgen. Zweimal 100 Gramm. Als der dann wegen Dealerei geschnappt wurde, hat er mich hingehängt. Da hatte ich schon Jahre nichts mehr angefasst.

Was haben Sie im Knast gelernt?

Erst mal praktische Sachen. Wie du aus einer Fischkonserve und einer Zahnpastatube einen Kocher baust. Oder wie man eine Einzelzelle bekommt. Man muss in Absprache mit seinem Zellengenossen sagen: „Du, ich werde hier aggressiv, ich hing ihm gestern schon wieder an der Gurgel.“ Dann muss der andere sagen: „Ja stimmt. Ich kann den Typen einfach nicht ab.“ So klappt das.

Konnten Sie feststellen, dass der Knast die Menschen besser macht?

Da drinnen erinnert dich doch alles nur daran, dass du der letzte Dreck bist. In der Bücherei gab es kein Buch, das nicht aus den 70ern war. Die meisten Insassen sagen nur: „Ich muss hier raus, ich muss hier raus.“ Was bitte soll das bringen?

Wie haben Sie das ausgehalten?

Eingesperrtsein ist eine so schwerwiegende Erfahrung, das kann man schlecht beschreiben. Ich hab’ jede Nacht Albträume gehabt, dass ich im Knast geboren wurde, dass ich im Knast sterbe. Irgendwann willst du nur noch deinen Kopf gegen die Tür schlagen. Ich hab’ das aber nicht gemacht, weil ich wusste, das wird nix nützen. Ich würde mich nur verausgaben, und dann würde es mir schlechter gehen. Also: ruhig durchatmen. Mich hat der Knast geduldiger gemacht.

Ralf Richter machte eine Schreinerlehre, studierte zwei Jahre an der Schauspielschule in Bochum und erlebte seinen Durchbruch mit Wolfgang Petersens „Das Boot“ (1981). Kultstatus erlangte seine Rolle als Ausbrecher Kalle Grabowski in Peter Thorwalds Liebeserklärung an den Ruhrpott „Bang Boom Bang“ (1999). Richter wuchs mit sieben Geschwistern in Bochum auf. Sein jüngerer Bruder ist der Künstler und Musiker FM Einheit. Derzeit arbeitet Richter an der Produktion des Films „Grabowski – Alles für die Familie“, den er gemeinsam mit seinem Sohn Maxwell geschrieben hat. Außerdem überlegt er, in Bochum eine Pommesbude aufzumachen.

Dieses Interview erschien zuerst am 14. Mai 2017 und war online zunächst nur über den Digital-Kiosk Blendle erhältlich.

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