Ralf Richter, 59, erlebte seinen Durchbruch 1981 mit einer Rolle in Wolfgang Petersens "Das Boot". Foto: Carsten Sanderp

Ralf Richter über das Ruhrgebiet"Der Proll brüllt gleich los"

von Moritz Honert0 Kommentare

Ralf Richter, Schauspieler und NRW-Versteher, über Malocher-Ästhetik und das Einmaleins des Prolls. Das Interview - jetzt in voller Länge.

Warum Ralf Richter jeden ins Obdachlosenhotel lassen würde

Selbst anpacken. Der Schauspieler engagiert sich für Obdachlose und sagt, dass man im Zweifelsfall selbst aktiv werden sollte, statt auf die Politik zu warten. Foto: dpap

Auf der einen Seite drehen Bildungsbürger durch, wenn ihre Kinder kein korrektes Deutsch mehr sprechen, lachen aber gleichzeitig über die Witze des studierten Germanisten Tom Gerhardt, einem anderen großen Proll.

In Filmen und im Theater ist es so: Interessant sind die Kaputten. Wer will schon jemandem 90 Minuten beim Bügeln zugucken? Und weil man ungern selbst als primitiv gesehen werden will, ist man dankbar, wenn das ein anderer für einen macht.

Steckt dahinter ein Wunsch nach Unverfälschtheit?

Selbstverständlich. Sich anzubiedern ist immer eine Lüge. Aber so sind eben viele. Die Gesellschaft verlangt das ja auch oft. Gerade der Politik wird häufig Verlogenheit unterstellt. Da wundert es nicht, wenn der Wahlkampf hier in NRW mit dieser Arbeiterästhetik geführt wird: die erhobene Faust auf den Postern der Linken, die SPD mit ihrem „NRWir Malocher“, bei der CDU sprühen Funken wie auf Montage.

Vor wenigen Wochen war der AfD-Parteitag in Köln. Es gab große Proteste. Gehen Sie auf Demonstrationen?

Offen gesagt, mir bringt das zu wenig. Ich hab kürzlich ein Poster gesehen, da stand drauf: „Den Namen Petry wieder positiv besetzen“, dazu ein Bild von Schlagersänger Wolfgang Petry. Klar, das ist absurd. Aber wie sonst willst du diesem Scheiß begegnen? Die AfD kann man nicht verbieten, einfach so, erschießen darfst du sie auch nicht. Und immer wieder das Offensichtliche zu wiederholen – das ist ungerecht, das ist ungerecht – da wirst du selber irgendwann als Idiot wahrgenommen. Da finde ich besser, das Ganze der Lächerlichkeit preiszugeben.

Erwarten die Menschen zu viel von der Politik?

Oft ist es tatsächlich lohnender, selbst zuzupacken. Das Thema Wohnungslosigkeit zum Beispiel. Ich engagiere mich jetzt seit Jahren für ein Obdachlosenhotel in Köln. Da hatte keiner der Beteiligten die Illusion, dass die Politiker sich darum kümmern. Das Hotel gibt es immer noch nicht, weil wir den Hochbunker, in dem das entstehen soll, nicht bekommen. Die Stadt hat ein Vorkaufsrecht, und es passiert nichts. Manche Dinge kann die Politik aber vielleicht auch gar nicht so leisten, wenn kein Geld da ist. Die Stadt Köln ist verschuldet, wie fast jede Stadt in Deutschland.

Ihre Tochter Aline hat mal in einem TV-Interview gesagt: „Mein Papa ist zu gutmütig.“

Ich würde jeden ins Obdachlosenhotel lassen, aber es können dort nur 50 bis 60 Leute unterkommen. Für mich wäre das ganz schwer, irgendwann die Tür zuzumachen. Das würde wohl wirklich im Chaos enden.

Ist die Hilfsbereitschaft das katholische Erbe Ihres Vaters?

Womöglich, meine Eltern waren aber vor allem total lieb. Mein Vater ist sogar pleitegegangen, weil er so treuherzig war. Zwei Bauunternehmer haben den dermaßen abgezogen, dass er drei Offenbarungseide leisten musste. Wobei er selbst hinterher gar nicht so unglücklich darüber gewesen ist. So hatte er endlich mal Ruhe zum Malen und Zeichnen.

Ein Vorbild?

Manchmal auch nicht. Mein Vater hatte damals zwölf Mietshäuser, und ich hab ihn mal gefragt: „Warum gehst du denn nicht hin und überschreibst die einfach? Mir eins, meinen Brüdern, meiner Schwester jeweils eins.“ Die hätte ihm keiner mehr nehmen können. Er hat gesagt, nein, das wäre eine Sünde, ich darf dem Staat nichts vorenthalten. Das habe ich bis heute nicht eingesehen. Wir leben in einer Kultur, wo ohne Geld gar nix geht. Da sehe ich nicht ein, dass man sich alles wegnehmen lässt, statt zuzusehen, dass man vernünftig leben kann.

Deshalb sind Sie dann aus der Kirche ausgetreten?

Das kam so: Beim Drehen von Krimis erschienen früher immer ein paar Waffenexperten am Set. Wenn die dabei waren, durfte man auch mit scharfer Munition schießen. Irgendwann kam der Chef, der Pisser, zu mir und fragte: „Hör mal, willst du richtig Geld machen?“. Dann packte er einen Katalog aus, so dicke Pappe, Hochglanz, das fing an bei einer Patrone und ging bis zum Panzer. Da konntest du dich an Waffengeschäften beteiligen. Und er sagte: „Innerhalb von drei Monaten 25 Prozent Gewinn.“ Mir stand der Mund offen. Also legte er mir ’ne Liste hin: „Guck’ mal, wer alles mitmacht“. An erster Stelle ’ne Versicherung, an zweiter Stelle die Katholische Kirche. Am nächsten Tag bin ich ausgetreten. Ich glaube trotzdem noch, dass es mehr gibt, als nur unser tumbes Rumgekrieche hier.

Sie waren das zweitälteste von acht Kindern. Ein verantwortungsvoller Posten?

Ach, das kann man so nicht sagen. Weil wir halt mehr oder weniger immer machen konnten, was wir wollten. Bei den anderen Familien hieß es oft: „Oh, heute ist Sonntag, da darf ich mich nicht schmutzig machen!“ Das gab es bei uns nicht. Wir hatten ständig Freunde zu Besuch. Einer hat mal mehr als zwei Monate bei uns gewohnt, bis meine Mutter das überhaupt mitbekommen hat. Die war heillos überfordert.

Und das haben Sie ausgenutzt.

Klar. Wir konnten abends auch einfach abhauen. Wir hatten bei „Flipper“ gesehen, wie das geht. Ein paar Kopfkissen unter die Decke, fertig. Bei acht Kindern kannst du nicht jedes ständig kontrollieren.

Klingt nach Abenteuer.

Ich habe viel mit Menschen über Kindheit geredet, und meine war offensichtlich wirklich eine ganz besonders glückliche. Aus der Zeit kommt wohl dieses Urvertrauen, dass ich die Dinge oft auf mich zukommen lasse. Wird schon! Ich bin ja auch nur Schauspieler geworden, weil ich in dem Moment zufällig anwesend war, als in Bochum die Aufnahmeprüfung stattfand.

Sie geben offen zu, dass diese Lebenseinstellung nicht die beste Voraussetzung ist, um ein guter Vater zu sein. Ihr Sohn ist heute Mitte 30 und sagte mal: „Erziehen kann mein Papa nicht.“

Ich hab’ halt immer gedacht, wenn ich so viel durfte, kann ich es den Kindern ja schlecht verbieten. Ich hätte meinen Sohn wohl mehr dazu anhalten sollen, sein Leben aktiv anzugehen. Da hat er es jetzt etwas schwieriger.

Sie haben auch bereut, sich manchmal zu viel Zeit für den Job und zu wenig für die Familie genommen zu haben. Bringt der Beruf das zwangsläufig mit sich?

Um 1980 herum war ich in Berlin am Theater. Das war ’ne wirklich wilde Zeit damals. Jede Nacht unterwegs. Viel getrunken, viel gekifft. Aus der Wohnung, in der ich damals mit Kumpels gewohnt habe, sind wir nach drei Monaten rausgeflogen, weil die komplett verwüstet war. Im Nachhinein betrachtet ist das natürlich ein Fehler gewesen, die Kinder nicht an erste Stelle zu setzen.