pQueenstown in Neuseeland: Die Stadt, die vom Adrenalin lebt
0 KommentareSelbst Formel-1-Raser fürchten sich vor dem Abgrund
pSeitdem haben sich mehr als 350 000 Menschen freiwillig von der Kawarau Bridge geschmissen. Es gibt weit höhere Bungees auf der Welt, 321 Meter in Colorado beispielsweise. Aber nur diese Brücke mit ihren lächerlichen 43 Metern wurde zum Pilgerort.
Wenige Meter hinter der Brücke hängen Neugierige auf Sitzsäcken ab und beobachten auf einer Großbildleinwand, was auf Phils Plattform passiert.
Manch einer springt wegen des Gruppendrucks. Es gibt Popcorn und Drinks, „Flüssiger Mut“ heißt einer.
Aus den Lautsprechern läuft, wirklich wahr, Gloria Gaynor "I will survive".
Das Gefühl nennt sich Angst. Scheißangst.
Der Junge mit den zusammengebundenen Füßen wankt weiter, inzwischen schlackern seine Beine. Wer hier noch nie stand, versteht gar nichts. Das Gefühl nennt sich Angst. Scheißangst. Selbst gewieften Abfahrtskiläufern und gestandenen Formel-1-Rasern wird an Phils Abgrund flau. „Das Einzige, was dich aufs Bungeespringen vorbereitet, ist Bungeespringen“, sagt er.
Ursprünglich hat der Körper diese Schutzmechanismen für reale Gefahrensituationen entwickelt. Das hier ist regulierte Gefahr. Die Angst jedoch ist echt. „Es ist völlig unnatürlich, sich von einer Brücke zu stürzen“, sagt Phil. Er spricht jetzt von den doppelten Sicherungen, er nennt Unfallstatistiken.
Tatsächlich stammen die Beinbrüche im örtlichen Krankenhaus überwiegend davon, dass einer die Schwelle übersehen hat, als er losrannte, um den Sohn beim Abenteuer zu fotografieren.
Zusehen wie die Seile geknüpft werden
Manchmal empfiehlt Phil den Zögernden einen Besuch bei Jaan Gardiner, dem Herrn der Seile. Wie an einem Marktstand lässt sich dort zuschauen, wie die Gummibänder entstehen, an denen Menschenleben hängen. Bis zu drei Stunden knüpft und flicht Jaan an einem langen Seil.
Jedes muss gleich aussehen, damit Phil und die anderen keinen Schreck bekommen. Jeder Knoten muss exakt so viel Platz haben, dass er sich nicht am Nachbarknoten aufschubbert. „Ich gebe mich meiner perfektionistischen Zwangsstörung hin“, sagt Jaan. So entstehen kleine Kunstwerke.
Das Gummi für die Seile kommt aus Malaysia. Jaan braucht es nur kurz zwischen den Fingern zu dehnen, dann weiß er, wie lange es halten wird. Ist es besonders weich, versieht er es mit einem kleinen Zettel.
Es darf nicht ganz so viele ins Glück befördern. 400 Sprünge Lebenszeit hat ein von Jaan geknüpftes Bungeeseil normalerweise, 250 Sonnenstunden hält es aus. Für jedes wird einzeln Tagebuch geführt.
Keiner schubst - man muss selbst springen
Der junge Chinese steht noch immer am Abgrund. Phil wird ihn nicht schubsen. Das ist Prinzip bei A. J. Hackett. Es sei denn, einer greift im Sprung zurück, dann bugsiert ihn ein sanfter Kniestoß ins Aus. Und verhindert, dass er selbst mit dem Hinterkopf auf der Plattform landet oder seinen Jumpmaster mitreißt.
Je selbstbestimmter der Sprung, so die Philosophie, desto größer das Glück. Und das verkaufen sie hier schließlich am Fließband, an jedem Tag im Jahr, bei Eis und Schnee, außer an Weihnachten. 120 Euro kostet eine Dosis Adrenalin in der größten Glücksfabrik der Welt.