Winterliche Melancholie. Ecke Bötzowstraße. Zimmermann fand Schwarz-Weiß für die Außenansichten in den 80er Jahren angemessen. Foto: Harf Zimmermann
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Prenzlauer Berg in den 80er Jahren Berlin, Ecke Hufeland

Andreas Austilat
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Der Fotograf Harf Zimmermann dokumentierte in den 80er Jahren mit der Plattenkamera seinen Kiez. Ab Freitag werden die Bilder erstmals komplett ausgestellt. Ein Spaziergang über den Ku’damm von Prenzlauer Berg.

Wahrscheinlich haben die Gäste im Spreegold alles schon gesehen. Weshalb sie auch nicht hochgucken von ihrem Detox Super Green, dem Drink mit Apfel und Limette, Grünkohl und Ingwer, während auf dem Bürgersteig daneben Harf Zimmermann unter dem schwarzen Vorhang seiner Plattenkamera verschwindet. Eine Szene wie aus den Lichtbild-Jugendjahren, als Fotografen noch mit unhandlichen Boxen hantierten und lange Belichtungszeiten ihre Motive zum Stillstand zwangen. Die für ihre Coolness zuweilen belächelte Prenzlauer-Berg-Bohème, die auch an einem eher frischen Vormittag die Stühle vor dem Spreegold besetzt, nimmt sie ungerührt zur Kenntnis.

Die Kamera in Zimmermanns Händen ähnelt jener, mit der er 1987 das Leben in der Hufelandstraße dokumentierte. Der heute 61-Jährige war vor 30 Jahren Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Die Fotoserie war seine Abschlussarbeit. Gezeigt wurde sie einmal, 1989 im Kreiskulturhaus Treptow. Zwei Monate später fiel die Mauer.

Danach bekam das Publikum nur noch wenige Bilder zu sehen, 2010 zeitgleich im Tagesspiegel und in „Geo“. Ergänzt durch neue Aufnahmen, gerieten sie zu einem Dokument des Wandels nach der Wende. Doch nun wird die Serie erstmals wieder komplett gezeigt, vom kommenden Freitag an bei C/O Berlin im AmerikaHaus.

Die Nummer 20 ist das einzige Haus, das noch nicht saniert wurde

Harf Zimmermann taucht unter dem schwarzen Umhang hinter seiner Kamera wieder auf. Er steht vor Haus Nummer 20, es ist von außen eines der eher unspektakulären Gebäude. Andere sind frisch herausgeputzt, im einstigen hochherrschaftlichen Glanz, mit Loggien und allerlei Schmuckelementen säumen sie die Hufelandstraße, die inmitten des Bötzowviertels Greifswalder Straße und Volkspark Friedrichshain verbindet.

Die Nummer 20 ist das einzige Haus, das noch nicht saniert wurde. Von einem halbherzigen Versuch kündet allein ein weißer Streifen, den Rest der Fassade bedeckt der Originalputz, wo er nicht abgeblättert ist. Ein älterer Mann bleibt stehen, erkennt den hochgewachsenen Zimmermann, der die inzwischen angegrauten Haare wie früher schulterlang trägt.

Der Mann heißt Werner Dorow, Zimmermann hat ihn damals vor „AKA Electric“ porträtiert, einem Reparaturbetrieb für Reinigungsgeräte hier in der 20. Dorow saß auf einem Stuhl vor dem Laden, die Arme vor der Brust verschränkt, neben sich die beiden Kollegen. In ihrer Körpersprache ähnelten sie damit vielen anderen Bewohnern der Straße, die sich vor ihren Geschäften fotografieren ließen.

In den Gesichtern der Porträtierten spiegelt sich Selbstbewusstsein

Auch das war bemerkenswert: die für die DDR ungewöhnliche Vielfalt an Läden auf gerade einmal 600 Metern Straßenlänge. Zwei Bäckereien, Obst und Gemüse, mehrere Blumengeschäfte, ein Fleischer, ein Installateur, drei Friseure, heute ausgestorbene Gewerbe wie die Laufmaschenreparatur Krause oder die Gardinenspannerei, der Zoohändler, das „Lindenstübchen“: „Das ist der Ku’damm des Ostens“, gab eine inzwischen verstorbene Anwohnerin zu Protokoll. Das Geschäftsleben war nicht so exklusiv, aber der alte Glanz selbst im für die späten DDR-Jahre symptomatischen Verfall noch erkennbar.

In den Gesichtern der Porträtierten spiegelt sich Selbstbewusstsein. Das mag unterschiedliche Ursachen gehabt haben. Das Wissen, gebraucht zu werden, zum Beispiel. Was etwa die Installateure noch dadurch steigerten, dass ihr Laden nur an zwei Tagen die Woche für jeweils zwei Stunden geöffnet hatte. Stolz scheint mitzuschwingen, Besitzerstolz bei den selbstständigen Kaufleuten. Doch viele Kollegen von den Konsumgenossenschaften präsentierten sich ganz genauso.

Natürlich gibt es auch andere Beispiele. Wenn vor vergleichsweise kleinen Geschäften ziemlich große Belegschaften stehen, dann wird mitunter erkennbar, dass nicht jeder hinter eben diesem Ladentisch die Erfüllung seines Lebens fand. „Manch einer“, erinnert sich Zimmermann, „stand herum wie Falschgeld“. Die Plattenkamera wird einiges dazu beigetragen haben. Mit ihr wird ein Foto zur Inszenierung.

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