Hingehen. Die Bogenbrücke Dom Luís I. wurde nach dem portugiesischen König benannt, der 1886 das Bauwerk einweihte. Foto: Tourismo de Porto
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Portugal Porto trägt grauen Granit

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Jahrelang hat die Stadt neben dem strahlend weißen Lissabon ein Schattendasein geführt. Plötzlich strömen die Touristen her und staunen.

Die Bewohner Portos wissen, was es heißt, auf Granit zu beißen. Der Boden ist die Härte: grauer, schwer handhabbarer Stein, aus dem fast alle Häuser gebaut wurden.

Lissabon, die prachtvolle Hauptstadt, hat ihr magisches Licht und ihren hellen Stein. Sogar das weiße Pflaster reflektiert das blendende Licht. Porto trägt grauen Granit. Jahrelang hat die Stadt neben dem strahlend weißen Lissabon das Dasein einer grauen Schwester geführt. Aber Grau ist nun schick, seit etwa zehn Jahren wird die Stadt entdeckt. Designerläden eröffnen, Häuser werden renoviert, Hostels entstehen. Plötzlich strömen die Touristen her und schwärmen bei der Rückkehr von einer magischen, schwer zu definierenden Ausstrahlung.

Hier im Norden des Landes ist weniger vom Mittelmeerklima zu spüren, mehr vom Atlantik. Morgens gibt es Nebel. Die Kanaren-Strömung ist kälter als vor Lissabon, und vielleicht, so glauben die Bewohner, ist es der natürliche Widerstand, den das Klima und der Boden leisten, der aus den Portoensern macht, was sie sind.

40 Jahre dauerte allein die Fertigstellung der prunkvollen Granittreppe im üppigen Börsenpalast. Es gibt Leute, die sagen, das größte Vermögen der Portoenser sei ihr Durchhaltevermögen. Die Stadt hat 234 000 Einwohner. Aber eine Million Leute zwängten sich allein 2016 ausgerechnet in eine kleine Buchhandlung namens Lello. Sie taugt als Beispiel dafür, was gerade hier passiert – und wie man damit umgehen kann.

ALT UND BEWÄHRT

Zwei Brüder, die der Meinung waren, dass Bücher die Menschen zum Besseren verändern, bauten ihnen 1906 einen reich verzierten Tresor: die Buchhandlung Lello. Innen rundum komplett bedeckt mit bemaltem Gips, der so tut, als wären es Holzschnitzereien. Wie in einer Walnuss steht man in diesem Gehäuse, in dessen Mitte sich eine imposante, rote, sich verzweigende Treppe spreizt, die die Welt seit ein paar Jahren mit einem Zauberinternat verbindet. Der Mitarbeiter Manuel de Sousa sagt, Joanne K. Rowling spreche selbst wenig über ihre Zeit in Porto, wo sie sich die Inspiration für Harry Potter geholt hat. Was daran liegen soll, dass ihre Ehe mit einem Portugiesen unglücklich geendet hat.

Nach den Filmen fluteten Touristen den Laden, bis das eigentliche Geschäft beinahe zum Erliegen kam. Doch die jetzigen Besitzer wollen gerne weiter ein Buchladen sein, nicht nur ein Selfie-Spot. De Sousa führt in das Haus nebenan, dort haben sie einen externen Check-in eingerichtet. Alle Viertelstunde werden maximal 80 Leute eingelassen, die jeweils ein Ticket gelöst haben. Die vier Euro werden im Falle eines Buchkaufs verrechnet.

Man müsse, sagt Manuel de Sousa, etwas von der Entwicklung der eigenen Stadt haben. Sonst beginne man irgendwann, Touristen zu hassen. In Porto sei noch das Gegenteil der Fall: Die Begeisterung der Besucher öffne nun den Alten die Augen für die Schönheiten ihrer Stadt. Es dämmerte ihnen zum Beispiel, dass auch ihre verschlissene Markthalle unbedingt dazugehört.

Hingucken. Das Meerwasserschwimmbad „Leca de Plameira“ von Alvaro Siza Vieira. Foto: Deike Diening
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EIN GUTER MARKT

Der Markt Bolhao ist nämlich das Herz der Innenstadt – nur leider aktuell mit Rhythmusstörungen. Provisorische Planen flicken die undichten Dächer der Verkaufsstände. Sie sind die Heimat kämpferischer Marktfrauen, die mit geradezu granitener Sturheit durchgesetzt haben, dass auch nach der Sanierung, die noch in diesem Jahr beginnen und einen direkten U-Bahn-Eingang bringen soll, keine Mall mit Gourmetständen und Kleidung daraus wird – sondern dass es weiterhin Fisch, Gemüse, Blumen und lebendes Geflügel zu kaufen geben wird. Ihre 86-jährige Standnachbarin, erzählt eine Verkäuferin, sei gerade mit einer guten Abfindung in Pension gegangen. Aber die Alteingesessenen dürften nun so lange verkaufen, wie sie stehen können – und dürfen dann den Platz an die eigenen Kinder weitergeben. Genau das werde sie tun.

AKTIV

Egal, was man gerade noch in der Markthalle gegessen hat – das verführerischste Gewürz ist immer Meersalz auf den Lippen. Um die Ecke tost ja der Atlantik. Wer nicht mehr widerstehen kann, mietet sich ein Rad und folgt der Straße Richtung Norden nach Foz. Von links brandet der Atlantik bis beinahe an den Radweg, rechts davon stehen die teuersten Häuser Portos. Bis plötzlich links im Wasser, beinahe hätte man es übersehen, ein architektonisches Original einfach so im Sand liegt: Es ist nicht klar, ob das Meerwasserschwimmbad die Felsen verschluckt oder die Felsen das Schwimmbad zu verschlucken versuchen, das der heute legendäre Alvaro Siza Vieira, nur „Siza“ genannt, 1967 fertigstellte. Sein Entwurf, so einfach wie beeindruckend, sollte mit der Umgebung eine Einheit bilden und wird bis heute von den Gezeiten überspült.

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