Glück auf! Twardoch vor dem Schlesischen Museum in Katowice. Foto: Thomas Baronp

Polnischer Autor Szczepan TwardochDaheim im oberschlesischen Revier

von Björn Rosen0 Kommentare

Szczepan Twardoch ist der junge Star der polnischen Literatur – und fest verwurzelt in der Gegend um Katowice. Unseren Autor hat er mit auf eine Rundfahrt genommen.

Die Jugendstil- und Gründerzeitbauten sind oft saniert

Architektur-Ikonen: Die Veranstaltungshalle "Untertasse" (rechts) und die "Supereinheit" (links). Foto: Björn Rosenp

Oberschlesien hat derzeit große Anziehungskraft auf junge Kreative aus anderen Teilen des Landes, die Gegend gilt als relativ unentdeckt und daher als abenteuerlich. Das war nicht immer so. In den 80ern gehörte Katowice zu den meistverschmutzten Städten Europas. Für damalige polnische Verhältnisse konnte man in der Gegend recht gut Geld verdienen, doch die Lebensqualität war gering. Sogar als Twardoch hier studierte, „war es noch düster“. Die Luft ist heute besser (was auch daran liegen mag, dass manche Fabrik dichtmachen musste), und Katowice hat sich, wie viele Orte in Polen, herausgemacht. Die Jugendstil- und Gründerzeitbauten im Zentrum sind oft saniert.

Twardoch dreht mit dem Auto eine Runde entlang der Architektur-Ikonen aus kommunistischer Zeit. Der gigantische Plattenbau Superjednostka („Supereinheit“), dessen Entwurf an Le Corbusiers Wohnmaschine angelehnt ist, wurde Ende der 60er Jahre mit fast 800 Apartments für 2800 Bewohner errichtet. Gegenüber steht die Veranstaltungshalle Spodek („Untertasse“), die die Form eines Ufos hat. Daneben hat die Stadt zwei neue Renommierobjekte setzen lassen: ein Kongresszentrum und die Konzerthalle des nationalen Rundfunkorchesters. Ein paar hundert Meter weiter befinden sich die Reste jenes Bergwerks, ohne das es Katowice in heutiger Form gar nicht gäbe.

Die Anlage erinnert an Zeche Zollverein in Essen

Bis zum 19. Jahrhundert war Kattowitz, wie es damals als Teil Preußens hieß, bloß ein Dorf. Erst Bergbau und Eisenbahn ließen den Ort zur Großstadt mit aktuell 300 000 Einwohnern wachsen. Das Bergwerk mit seinem weithin sichtbaren Förderturm ist nun Heimat eines exzellenten Restaurants und des Schlesischen Museums, dessen Räume sich hauptsächlich unter der Erde befinden. Die 2014 fertiggestellte Anlage erinnert an den Museumskomplex Zeche Zollverein in Essen.

Überhaupt, das Ruhrgebiet! Twardoch war schon dort und fühlte sich wie zu Hause: die Industrie, die ineinander übergehenden Städte, der Klinkerstein. „In Essen habe ich vom Förderturm auf die Umgebung geschaut und mir gedacht: Das ist ja genau die gleiche Scheiße!“ Er lacht. Was immer es ist, das ihn in Schlesien hält, zu Sentimentalitäten neigt er offenbar nicht. Obwohl: Die Bergbau-Tradition macht ihn schon stolz („die Proteste der Kumpel in Warschau sind gefürchtet“), immerhin reicht sie auch in seiner Familie Generationen zurück, der Vater war der Erste, der nicht unter Tage schuftete.

Dann wird Twardoch ein bisschen wütend. Schuld ist die historische Ausstellung im Schlesischen Museum. „Die übliche nationalistische Erzählung. Als hätte die ganze oberschlesische Geschichte immer nur ein Ziel gehabt: die Vereinigung mit Polen.“ Es ist sein großes Thema. In „Drach“ erzählt er am Beispiel einer weitverzweigten Familie und ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert von der eigenen oberschlesischen Identität. Die Gegend gehörte lange zum Habsburgerreich, stand unter tschechischem Einfluss, wurde von Friedrich II. erobert und schließlich Teil des Deutschen Kaiserreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg und einer Volksabstimmung schlugen die Siegermächte ein Gebiet um Katowice dem wieder entstandenen polnischen Staat zu. Dabei hatten sich auch viele polnischsprachige Katholiken in der Region eher als Untertanen des Kaisers in Berlin oder gleich des Papstes begriffen. Die Situation war unübersichtlicher als in Niederschlesien, der Gegend um Breslau, die kulturell klar deutsch geprägt war.

Die meisten, die als Deutsche verstanden, wanderten aus

Während der Nazizeit zerriss die Frage, auf welcher Seite man stand, ganze Familien. Wer sich für die polnische entschied, musste leiden, und wer für die deutsche, dem war Rache bei Kriegsende gewiss. Nach 1945, als Oberschlesien komplett an die Volksrepublik Polen fiel, wanderten die meisten, die sich als Deutsche verstanden, nach und nach aus. Zu den bekanntesten Fällen gehören die Fußballer Lukas Podolski, geboren in Gliwice, und Miroslav Klose aus Opole. Mehrheitlich geblieben sind jene, die sich nicht so sehr als Polen, jedoch auch oder ausschließlich als Schlesier begreifen. Laut dem Zensus von 2011 sind das 847 000 Menschen. Für viele von ihnen ist „Drach“, in Polen schon 2014 erschienen, ein Kultbuch.