Blick aufs Meer: das sehen die Menschen in Marseille und in Oran. Foto: Alekss - Fotoliap

Oran und MarseilleAuf der anderen Seite

von Mohamed Amjahid0 Kommentare

Oran in Algerien und Marseille in Frankreich sind getrennt durchs Mittelmeer und 990 Kilometer Luftlinie. Doch die Städte verbinden Geschichten von Krieg, Migration und Vertreibung. Ein Doppelporträt.

Auch im Film sind beide Städte verewigt

Marseille mit seinem Wahrzeichen, der Kirche Notre Dame de la Garde. Foto: imago/Bluegreen Picturesp

Jahrhundertelang ereigneten sich in den beiden Geschwisterhäfen schmerzvolle Trennungs- oder hoffnungsvolle Ankunftsszenen, die auf einer Seite des Mittelmeers begannen und auf der anderen Seite weitergingen. Während des „Dritten Reichs“ boten die beiden Küstenstädte tausenden Europäern einen sicheren Korridor nach Casablanca, auf ihrer Flucht Richtung USA, auf ihrer Flucht vor den Gräueltaten der Nazis und den französischen Kollaborateuren in Vichy (siehe S 7). Auch im Film ist die Bedeutung von Marseille und Oran als Transitorte verewigt: Humphrey Bogart macht als Rick Blaine hier wie dort halt, wenn auch unfreiwillig.

Ein Seniorentreff für Migranten in der historischen Innenstadt von Marseille. Es sind vor allem algerische Rentner und Witwen, die hier in den Räumen der Sozialeinrichtung „Ampil“ Tee trinken, sich behandeln oder bescheinigen lassen, dass sie noch leben. Sonst wird die Rente nicht ausgezahlt. Einige von ihnen kamen einst freiwillig zum Arbeiten nach Marseille, andere wurden, als Frankreich noch Kolonialmacht war, zur Arbeit im „Mutterland“ gezwungen.

All diese algerischen Rentner müssen nun hierbleiben, denn wer zurückgeht, verliert den Anspruch auf einen Großteil seiner Bezüge. Dabei haben sie doch ihre Familien, ihre Freunde, ihre Heimat drüben, auf der anderen Seite. So wie Hajj Tijani, ein 74-jähriger Algerier, der gerade mit Freunden Karten spielt. Er ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Aber nur unter falschem Namen, er will nicht, dass jemand in seiner Heimat von seiner aktuellen Lebenssituation erfährt. Dort sagt er immer, dass es ihm in Frankreich gut gehe.

Er Freund aller Pieds Noirs

1960 stieg Tijani in einen Frachter von Oran nach Marseille, zwei Jahre bevor Jocelyne Quessada aus ihrer Heimat vertrieben werden sollte. Hajj Tijani fand Arbeit auf dem Bau. „Acht Stunden am Tag, acht Tage die Woche“, scherzt er. Manchmal schuftete er auch als Tagelöhner auf den fruchtbaren Feldern des Départements Bouches-du-Rhône rund um Marseille. „Tomaten habe ich gepflückt“, er zeigt stolz auf die dicke Hornhaut an seinen Fingern. Dann habe er im Hafen ausgeholfen, beim Kistenschleppen. So wie die meisten Algerier, die nun ihre Tage in den Räumen von „Ampil“ verbringen.

Heute lebt Hajj Tijani in einem Obdachlosenheim im Industriegebiet von Marseille. Jeden Tag um 15.30 Uhr holt er sich seinen Berechtigungsschein für die Übernachtung ab. Bis dahin schlägt er bei Ampil die Zeit tot, erzählt und hört alte Geschichten und spielt Karten. Ob er lieber hier oder auf der anderen Seite des Mittelmeers sei: Er zuckt mit der Schulter. Nur auf eines legt er Wert: Seine letzte Ruhestätte soll einmal in Oran sein.

Genau dort, auf dieser anderen Seite, auf dem Friedhof Orans, beginnt ein anderer alter Algerier jeden Freitagmorgen um sechs Uhr seinen Rundgang. Heute hat sich der Nebel über den Gräbern noch nicht ganz aufgelöst, Hamidou Soualah ist trotzdem da. „Ab Mittag sind hier zu viele lebende Menschen, das stört“, sagt er und kichert, wie nach jedem zweiten Satz. Er ist ein guter Freund von Madame Quessada, als Kinder haben sie zusammen gespielt, heute mailen sie sich regelmäßig, besuchen sich auch. Überhaupt sei er ein Freund aller Pieds Noirs, aller ehemaligen Oraner, sagt er. Die solle man nicht mit den Kolonialherren verwechseln, denn die Schwarzfüße, so Soualah, seien genauso wie jeder andere Algerier gewesen: arm dran. Er kichert wieder, spricht damit aber aus, was viele Algerier denken.

Eine alte oranische Haltung.

Hamidou Soualah pflegt ein Hobby nahe am Tod. Als pensionierter Beamter kümmert er sich um die Gräber von Oran. Auf den muslimischen, auf den jüdischen, auf den christlichen Friedhöfen der Stadt. Zwischen den Grabsteinen mit Halbmond und Koransure gedenkt Soualah zunächst seiner eigenen Familienmitglieder. Der Bruder starb erst vor kurzem in der vertrauten Diaspora von Marseille, nun liegt er unter der Erde von Oran, und Hamidou Soualah zupft die Kleeblätter rund um das Grab heraus. „Als wir klein waren, da habe ich mit den Kindern der Pieds Noirs dieses Zeugs gegessen“, Madame Quessada erinnere sich bestimmt auch daran. Er kichert.

Der muslimische Friedhof von Oran ist weitläufig, ein perfekter Ort, um große Geheimnisse zu entdecken. Und so führt der allfreitägliche Weg von Monsieur Soualah zwischen den Gräbern zu einem ganz besonderen Grabstein. Hier sei nach seinen Recherchen eine Jüdin begraben. Deswegen platziert der alte Mann immer, wenn er sowieso hier ist, ein Kieselsteinchen auf dem Grab. Alte jüdische Tradition. Denn in Oran seien laut Monsieur Soualah alle monotheistischen Religionen ein Teil der Seele der Stadt. Eine alte oranische Haltung.