"Sein Tun darauf auszurichten, andere zu beeindrucken, ist eine narzisstische Verhaltensweise", sagt Wardetzki. Foto: imago/Rolf Kremming
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Narzissmus und Macht Narzissten glitzern: So verführen sie uns

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Die Psychologin Bärbel Wardetzki ist Fachfrau in Sachen übersteigerte Selbstliebe. Warum das Phänomen so alt wie die Menschheit ist – und so schwer zu therapieren.

Frau Wardetzki, „Narzisst“ ist zur beliebten Beleidigung geworden. Der Publizist Josef Joffe hat sogar die militanten G-20-Gegner als „Narzissten in der Pose des Umsturzes“ genannt. Ist das treffend?

Ich kenne keinen der Randalierer, also kann ich nichts über sie sagen. Der Begriff Narzissmus wird neuerdings aber nicht nur als Schimpfwort, sondern auch als Schmuck benutzt. Es gibt ja diesen Narzissmus-Test, der aus einer einzigen Frage besteht: Sind Sie ein Narzisst?

US-Forscher haben herausgefunden, dass man Narzissten einfach nach ihrer Selbsteinschätzung fragen müsse und damit zu denselben Ergebnissen komme wie durch umfangreiche Fragenkataloge.

Ein Mann, der diese Frage mit Ja beantwortet hatte, sagte letztens zu mir: „Ich bin ganz glücklich, Narzisst zu sein. Ich hab’ ja viel davon.“

Silvio Berlusconi, Recep Tayyip Erdogan, Julian Assange, Paris Hilton, Kim Kardashian, Karl-Theodor zu Guttenberg, Tiger Woods, Peer Steinbrück, Theresa May – diese Menschen wurden schon als Narzissten bezeichnet. Reine Küchenpsychologie?

Als klinische Diagnose wäre das unseriös. In den USA gilt seit 1973 die Goldwater-Regel, eine Selbstverpflichtung des Psychologenverbandes, keine Bewertungen über den Gesundheitszustand öffentlicher Personen abzugeben. Bezeichnend ist, dass die Goldwater-Regel gerade gebrochen wurde. Zwei namhafte Psychologen haben über Trump in der „New York Times“ eine Gefahrenmeldung abgegeben. Sie sagten, die Situation sei zu gefährlich, um weiter zu schweigen. Ich fand das hervorragend.

Die Autoren bescheinigen ihrem Präsidenten „eine ernste emotionale Instabilität“, das Wort Größenwahn fiel. In deutschen Medien wurde Trump als Steigerungsform zu den vielen anderen Narzissten Supernarzisst genannt: vulgär, impulsiv, unberechenbar. Sehen Sie ihn auch so?

Bei Trump sind narzisstische Manöver und Verhaltensweisen offensichtlich. Zum Beispiel seine Kränkbarkeit, die in Kränkungswut umschlägt, oder seine kindliche Empfänglichkeit für Lob.

Bärbel Wardetzki

Bärbel Wardetzki, 65, studierte Psychologie und Pädagogik in München und machte anschließend eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin. In der psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach, wo sie seit 1983 angestellt war, arbeitete sie mit Bulimikerinnen. Dabei stieß sie darauf, dass Frauen, die unter der Essstörung litten, oft narzisstische Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen. In ihrer Doktorarbeit entwickelte sie das Konzept eines weiblichen Narzissmus, der sich vom herkömmlichen Bild unterscheidet. Anfang der 90er machte sie sich als Psychotherapeutin und Coach mit einer Praxis in München selbstständig. Sie ist außerdem Sachbuchautorin. Im Europa-Verlag ist gerade „Narzissmus, Verführung und Macht in Politik und Gesellschaft“ erschienen.

Bärbel Wardetzki ist Autorin diverser Bücher, neulich erschien: „Narzissmus, Verführung und Macht in Politik und Gesellschaft“. Foto: Thilo Rückeis
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Woran erkennt man das?

Denken Sie an die Pressekonferenz, auf der Theresa May zu ihm sagte: „Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem großartigen Sieg.“ Woraufhin Trump ins Publikum zwinkerte, seinen Schlips gerade rückte und über das ganze Gesicht strahlte. Dann drehte er auch noch das Mikro nach oben. Ich bin ein potenter Typ! Er war Wachs in Mays Händen.

Meinen Sie nicht, dass das vielleicht selbstironisch gemeint war?

Nein. Das war so offensichtlich, dass es schon peinlich gewesen ist. Letztens, beim Staatsbesuch in Paris, war der französische Präsident Emmanuel Macron übrigens so geschickt, immer wieder herauszustellen, was für ein wichtiger Partner Trump doch ist. Das hat dessen Selbstwertgefühl so erhöht, dass er sich vielleicht eher mit ins Boot holen lässt. Eine gute Strategie, wenn man etwas von Narzissten will. Trump war sichtlich geschmeichelt und wollte im Gegenzug Macron schmeicheln, indem er dessen Frau lobte: mit einem leider etwas plumpen Kompliment.

Er sagte, sie sei „gut in Form“. Häufig schießen notorische Narzissten über das Ziel hinaus. In ihrer Hemmungslosigkeit sind sie anderen suspekt, auch beim ehemaligen Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff war das so. Doch da besteht ein Missverhältnis: Alle finden sie peinlich, und sie kommen trotzdem weiter nach oben. Gibt es so was wie eine Schauderfaszination für diese überbordenden Selbstdarsteller?

Sie leben etwas für uns aus.

Die Abgrenzung von ihnen ist unterhaltsam, weil sie Lästerobjekte sind?

Das glaube ich auch wieder nicht. Doch sie glitzern, verführen uns, sie gut zu finden. Die trauen sich was und werden zur Projektionsfläche für Feigere. Der Psychoanalytiker Jürg Willi hat für Paarbeziehungen den Begriff des Komplementärnarzissmus geprägt. Komplementärnarzissten wollen ein idealisiertes Selbst bei anderen entlehnen, die sie für grandios halten. Mit diesem Mechanismus lässt sich politische Gefolgschaft erklären.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie Martin Schulz und die SPD. Die Partei war am Boden, und jetzt sollte der Retter kommen und ihr Selbstwertgefühl steigern. Als die Genossen Schulz mit 100 Prozent zum Vorsitzenden wählten, hatte ich schon so eine Befürchtung. Solche Hypes enden häufig im Absturz.

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