pNach dem Platzen der irischen Immobilienblase ist die Wohnungsnot groß : Oh dear, Dublin
0 KommentareDie Mutter der Kompanie
pDer erste Eindruck: Flower-Power. Schlaghosen, Pferdeschwanz, Grübchen im braun gebrannten Gesicht, die Sonnenbrille auf den Schlapphut gesteckt – Boyle trägt immer Hut, hat 200 Modelle. Fröhlich und zupackend, ist sie die Mutter der Kompanie. Zuversicht auszustrahlen, auch in schwierigen Zeiten, ist Teil ihres Jobs. Kostet viel Kraft, wie sie gesteht.
Fumbally Exchange ist das Gegenmodell zum Turbokapitalismus des Celtic Tiger. Die Mitglieder wollten nicht nur sich selbst helfen, sondern auch ihrer Umgebung, einem heruntergekommenen Viertel im Dubliner Südwesten. Das ist ihnen so gut gelungen, dass sie selbst ausziehen mussten. Die offizielle Begründung: Das Zentrum war zu groß geworden. Die inoffizielle: Ein IT-Unternehmen konnte an dem nunmehr attraktiven Ort wesentlich mehr Miete zahlen. Doch die Fumballier wollten nicht als Opfer dastehen, und sei es Opfer des eigenen Erfolgs.
Es war nicht allein Glück, dass sie dann einen langfristigen, günstigen Mietvertrag bekamen für ein verbautes altes Gebäude, das offenbar niemand haben wollte. Drei Jahre hatte es leer gestanden, in einer versteckten Gasse im Zentrum der Stadt. Schick ist es nicht, die Möbel wirken zusammengestoppelt, alle haben beim Umbau mitangepackt – und viele Dubliner Betriebe haben Handwerkerstunden, Teppichboden, Baustoffe gestiftet. 2014 weihte der irische Präsident persönlich den neuen Standort ein. Denn in einer Zeit, die nur aus schlechten Nachrichten bestanden hatte, waren die Fumballier eine gute. Entsprechend groß war ihre Medienpräsenz und Bekanntheit.
Neues Leben in alten Gefängnissen
Fumbally ist zur Marke geworden, mit Ablegern im eigenen Land, demnächst soll auch ein Exchange im italienischen Ravenna entstehen. Wenn es nach George Boyle geht, sollen weitere Fumballys und damit Leben in leere, denkmalgeschützte Bauten, Gefängnisse, Krankenhäuser einziehen.
Die Architektin betreibt auch wieder ein eigenes kleines Büro, hat für Teeling, den ersten neuen Whiskey-Produzenten in Dublin seit mehr als 125 Jahren, die Destillerie mit Besucherzentrum entworfen. Aber ihr Hauptberuf ist inzwischen „social entrepreneur“, das Fach unterrichtet sie am traditionsreichen Trinity College. Zu ihrer Freude wollen viele BWL-Studenten nicht nur Geld machen.
Die Zahl der Studenten stieg in den letzten Jahrzehnten gewaltig an. Noch nie waren junge Iren so gut ausgebildet wie heute. Bloß fanden sie nach der Uni oft keinen adäquaten Job. Und keine Wohnung. Also: zurück ins Kinderzimmer. Oder auswandern. Bis nach China, Korea, Australien. Aus dem Land der Einwanderer ist wieder eins der Auswanderer geworden.
Auch Karl Whitney zog 2009 nach dem Abschluss seiner Promotion für ein Jahr zu den Eltern zurück, bevor der Historiker mit seiner Freundin nach England ging. Kein Problem, könnte man meinen, als freier Autor und Journalist ist der 37-Jährige ja flexibel. Und doch bezeichnet Whitney sich als Emigrant.
Besser als "Ulysses"
Es ist eine andere Emigration als jene im 19. Jahrhundert, als Millionen von Iren vor der Hungersnot in die USA flohen und nie wiederkehrten. 33 Millionen US-Amerikaner bezeichnen sich heute als irischstämmig. (Ganz Irland hat weniger als fünf Millionen Einwohner.) Es ist auch eine andere Erfahrung als in den 50er, 60er Jahren, als Iren in Großbritannien oft wie Abschaum behandelt wurden. „No blacks, no Irish, no dogs“, warnten Schilder in Pubs und Pensionen. Der Auswanderer von heute ist via E-Mail, Whatsapp und Skype immer mit den Daheimgebliebenen in Kontakt. An diesem Morgen ist Karl Whitney für 25 Pfund aus dem englischen Newcastle rübergehüpft, Flugzeit: 40 Minuten.
Dublin, sagt Whitney beim Treffen im Gastropub L. Mulligan Grocer, wie er mit ganzem Namen heißt, könne er sich nicht mehr leisten. Seine Freundin hätte wahrscheinlich bis ans Ende ihrer Tage auf die Unistelle gewartet, die sie in Newcastle gefunden hat. Er hat ein melancholisches Buch über seine Heimatstadt geschrieben, mit dem er die Stimmung nach dem Crash einfangen wollte, „bevor die Leute das vergessen“. Als „genial und liebevoll“ hat Colm Tóibín, einer der wichtigsten irischen Schriftsteller, „Hidden City“ gelobt und es Dublin-Besuchern als Stadtführer ans Herz gelegt. Dafür sei es besser als Joyces „Ulysses“ geeignet.
Heute bewegt Whitney sich selbst wie ein Tourist durch die Stadt, spaziert durch die Straßen, besucht Museen, trifft Freunde – die, die nicht selbst ausgewandert sind. „Aber ich lebe nicht mehr hier.“ Wenn er kommt, übernachtet er bei den Eltern, die er am meisten in Newcastle vermisst. Ein Haus möchte Whitney nie haben. Er lacht. „Ich bin Mieter.“ Nur gibt es in Dublin kaum Mietwohnungen und schon gar keinen Mieterschutz.