Girls’ Generation ist die populärste Girlgroup aus Südkorea. Leider passen nicht alle acht Mitglieder auf dieses Bild. Foto: AFPp

Musikphänomen K-PopDie verrückte Welt des Seoul-Pop

von Ulf Lippitz3 Kommentare

Millionen Fans in Asien denken bei Südkorea vor allem an eines: perfekt produzierte Musik. Aus dem Land kommt K-Pop, von dem Europa kaum Notiz nimmt. Eine Stippvisite vor Ort.

Protzige Denkmäler und püppchenweiße Haut

Ein Denkmal für einen Hit: "Gangnam Style". Foto: Lippitzp

Um das Phänomen K-Pop noch besser zu ergründen, fährt man am besten mit der Bahn über den Han-Fluss hinüber und steigt an der Coex-Mall im Stadtteil Gangnam aus. Dem größten Poperfolg Koreas ist dort seit Kurzem eine besondere Scheußlichkeit gewidmet: ein überlebensgroßer Händegriff in Gold.

Im April dieses Jahres wurde die 5,30 Meter mal 8,30 Meter große Bronzeskulptur eingeweiht. Sie soll 420 Millionen Won (320 000 Euro) gekostet haben. Sie zeigt zwei übereinander geschlagene Hände. Könnte der Griff sein, mit dem Reiter ihre Pferde zügeln.

Vor vier Jahren war dieser Handgriff überall. Der koreanische Sänger Psy ließ ihn für seinen Hit „Gangnam Style“ als Teil seiner Choreografie entwickeln. Ein Reiter-ohne-Gaul-Tanz. Das Lied wurde ein Überraschungserfolg auf der ganzen Welt, Nummer eins in den Charts von 30 Ländern und ist nach wie vor mit 2,5 Milliarden Klicks das am meisten gesehene Video auf YouTube.

Zum ersten Mal wurde es Europa und den USA klar, dass es im Rest der Welt ein Phänomen namens K-Pop gibt. Deshalb steht dieses Denkmal hier: als protzige Erinnerung an einen kulturellen Feldzug.

Das Beverly Hills von Seoul

Gangnam ist durch den Hit über Nacht bekannt geworden. „Beverly Hills von Seoul“ nennen die Einwohner das Viertel mit den breitspurigen Einkaufsstraßen, mit von Cafés und Schönheitskliniken besetzten Seitengassen, in denen europäische Automarken parken.

Die 500 000 Einwohner zählen zu den wohlhabendsten der koreanischen Halbinsel. Das ist nicht zu übersehen auf dem Apgujeong-Boulevard. Die Frauen tragen Gucci, Balmain und dazu Schirme – damit ihre püppchenweiße Haut keine Sonne bräunt. In Seoul gilt Englands altes Motto: Blässe ist nobel.

Eine Erlebniswelt für Popper

In Gangnam sitzen zwei der großen Player des K-Pop, JYP und SM Entertainment. Letztere Firma hat gleich hinter der goldenen Psy-Statue eine Erlebniswelt errichtet. Vor einem Jahr wurde SM-Town eröffnet, ein hauseigenes Museum. Nicht nur aus Japan oder China kommen die Besucher, auch aus Lateinamerika und dem Nahen Osten.

Für 28 Euro können sie an einem Rundgang durch die Musikstudios teilnehmen, das Fotoatelier und die Kostümanprobe besichtigen. Im Schönheitssalon sitzt gerade eine Mexikanerin und lässt sich in ein koreanisches Schulmädchen mit Zöpfen verwandeln. Eineinhalb Stunden Styling kosten 150 Euro. Wenn sie noch einmal denselben Betrag obendrauf legt, kann die Latina zwei Stunden mit einem Gesangstrainer üben.

Nagelöl oder Kopfmassagegerät?

Von solchen Möglichkeiten träumen die Teenager im ersten Stock nur. Dort öffnet der Fanshop seine Glastüren all jenen, die kein Geld für die Welt in den oberen Etagen haben – oder weniger Zeit. Wie Ga und Tung, die gerade von einem Schulausflug ausgebüxt sind. Die beiden 18-Jährigen kommen aus Namyanggjun, eine Stunde mit dem Zug entfernt, und haben sich mit der Klasse das Olympiastadion in der Nähe angesehen. Danach sind die Freundinnen schnell mit der U-Bahn zu SM-Town gefahren.

Jetzt irren sie durch die Gänge des Ladens, übermannt von Produktpalette und Hormonausschüttung. Es gibt Raumdüfte, Süßigkeiten, Papierspielzeugfiguren, Nagelöle, Kissenbezüge, Fanbücher und sogar Kopfmassagegeräte der Stars. Ga und Tung sind unfähig, eine Kaufentscheidung zu treffen.

Das Plakat vom hübschen Sänger der Band Shinee? „Oh oh“, jauchzt Tung, lange schwarze Haare, etwas fülliger als die Modelmädchen dort draußen in der Coex-Mall. Oder doch das Fotobuch von Exo? „Ja ja“, gackert Ga, schwarze Haare, Zahnspange und so schüchtern, dass sie jeden Satz mit einem hysterischen Lachen beendet.