Stella McCartney engagiert sich für junge Nachwuchsdesigner. Foto: Francois Mori/AP/dpap

Modedesignerin Stella McCartney "Der Hintern wird gerade entdeckt"

Ulf Lippitz
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Sie liebt Anzüge, Bio-Garn und Handtaschen aus Kunstleder: Stella McCartney plädiert für bewussten Konsum. Warum ihre Mode trotzdem nicht perfekt ist.

Sie sind eine der erfolgreichsten Modedesignerinnen der Welt. Was tragen Sie gerade?

Einen Stella-Mc-Cartney-Anzug, darunter etwas schwarze Spitzenwäsche und schwarze hochhackige Schuhe.

Farbe nicht vergessen. Der Hosenanzug ist braun.

Wir finden bestimmt ein besseres Wort dafür. Wie wäre es mit rostfarben? Noch schöner: Er sieht aus wie verbrannter Bernstein.

Einverstanden. Auf jeden Fall herbstlich.

Hm, stammt aber aus meiner Frühjahrskollektion.

Warum haben Sie sich heute Morgen für dieses Outfit entschieden?

Erst einmal gefällt mir die Silhouette eines Anzugs. Ich mag eine Kleiderordnung, die sowohl maskuline wie feminine Elemente enthält. Für die Modenschau heute Vormittag ...

... Sie haben auf der Fashion Week den Preis „Designer for Tomorrow“ verliehen ...

... da wollte ich ein kleines Zeichen setzen, ohne aufgesetzt zu wirken. Und gleichzeitig etwas anziehen, was ich tagsüber bis in den Abend hinein tragen kann. Mittagessen, Interviewrunde, abends mit dem Flugzeug zurück nach London. Mir ist es wichtig, Kleider zu entwerfen, die einem im Leben zur Seite stehen und einen länger begleiten.

Wenn Sie über Ihren Beruf reden, bevorzugen Sie den Begriff Design und nicht Mode. Was ist der Unterschied?

Mode ist ein Begriff, der mich einengt. Er beinhaltet nicht die Extreme, die mich ausmachen. Was ich mache, ist nicht nur Mode. Ich bin eine Designerin, die Stoffe entwirft, der Nachhaltigkeit wichtig ist. Das ist ein ganzheitlicher Anspruch, dafür passt das Wort Mode einfach nicht.

Weil sie einen schlechten Ruf hat?

Na ja, sie grenzt aus und schüchtert Menschen ein. Mit meinen Entwürfen will ich jedoch niemanden ausschließen.

Stella McCartney

Stella McCartney, 45, ist Gast auf der Berliner Fashion Week, um den Nachwuchspreis „Designer for Tomorrow“ von Peek & Cloppenburg zu verleihen. Um 11 Uhr soll die Show mit den fünf Finalisten beginnen, schon davor warten alle gespannt im Kaufhaus Jandorf auf „Stella“. Eine Frau fotografiert den porösen Betonboden für ihr Instagram-Konto, ein junger Mann fragt auf Englisch an der Kaffeetheke: „Sind die Muffins umsonst?“ Mit einer halben Stunde Verspätung trifft sie ein, die Tochter von Beatle
Paul McCartney und seiner Frau Linda, einer Fotografin und Musikerin. Stella McCartney strahlt, geht souverän am Blitzlichtgewitter vorbei und steckt nach der Show leger die Hände in die Taschen.
Mit 25 Jahren übernahm sie 1996 den Posten der Chefdesignerin bei der französischen Marke Chloé – als Nachfolgerin von Karl Lagerfeld. 2001 gründete sie ihr eigenes Label und achtet seitdem darauf, dass ihre Kreationen so nachhaltig wie möglich hergestellt werden. Sie ist Vegetarierin wie ihre Eltern – über die sie natürlich nicht redet, ebenso wenig wie über ihre vier Kinder. „Keine Fragen zum Brexit“, heißt es noch. Sie empfängt in einer Suite im Soho House, neben ihr sitzt ihr Assistent. Es ist der Mann mit den Muffins.

Stella McCartney mit ihrem Vater, dem Beatles-Sänger Paul McCartney 2014 bei einem Basketballspiel in London. Foto: dpa/ EPA/ANDY RAINp

Mode kann elitär wirken. Durch den Preis, durch die besonders aufwendige und extravagante Gestaltung eines Kleids.

Ich designe, was die Menschen tragen sollen. Deshalb ist mir vermutlich der Begriff Designer so wichtig. Ich fühle mich im Schaffensprozess, als würde ich ein Sofa oder ein Gebäude entwerfen. Ich gucke strukturell auf Kleidung, auf die Facetten, die kleinen Bedürfnisse, die sie erfüllen muss.

Das Flüchtige der Mode ist Ihnen fremd.

In meiner Arbeit stehen technische Aspekte im Vordergrund. Passion for fashion, das ist solch ein furchtbarer Satz. Er klingt übergriffig. (Sie dreht sich zu ihrem Assistenten um: Was denkst du? Er entgegnet: Ich denke nicht.)

Bei Fashion schwingt der Begriff Fast Fashion mit: Mode, die man schnell konsumiert und wegwirft.

Dagegen verteidige ich die Mode, sie steht darüber. Fast Fashion tröpfelt von den Laufstegen herunter nach unten und wird zum Wegwerfartikel.

Die Autorin Leanne Shapton, die das Buch „Frauen und Kleider“ mitverfasste, sagt, Frauen wechseln heutzutage ihre Outfits viel zu oft.

Da bin ich mit meinem Tag-und-Abend-Anzug doch ein gutes Gegenbeispiel.

Shapton ließ Frauen Fragebögen ausfüllen. Träumen Sie manchmal von Kleidern? Eine Frau antwortete, sie habe als Kind im Schlaf geschrien: Ich will Lila tragen! Kommt Ihnen das bekannt vor?

Ich habe keine konkreten Träume, aber seit meiner Kindheit träume ich davon, Mode zu entwerfen. Diese Frauen arbeiteten nicht in der Branche, richtig? Sonst würden sie die ganze Zeit unterbewusst daran denken.

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