Harte Arbeit. Mehr als 30 eiserne Netze ließ die Crew über den Meeresgrund schaben. Abbildung: United Archive/Mauritius
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Meilensteine der Tiefseeforschung Expedition zum Meeresgrund

Jens Schröder
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Die "Challenger" legt 1872 zur größten Expedition der viktorianischen Zeit ab. Britische Forscher erkunden als Erste den Meeresgrund. Was sie finden, macht sie zu Legenden.

Dunkelheit kommt mit tropischer Schnelligkeit, als die „HMS Challenger“ am 23. Februar 1875 in der Humboldt-Bucht im Norden Neuguineas vor Anker geht. Am Ufer flackern Feuer auf. Wütende Rufe dringen von den pyramidenförmigen, auf Pfählen errichteten Strandhütten herüber. Sechs Männer springen in zwei Kanus und rudern auf die britische Korvette zu. Sie gleiten längsseits und begutachten die fremden Weißen im Schein glimmender Holzscheite. „Sigor! Sigor!“, rufen sie. Die Matrosen glauben zu verstehen und lassen Zigarren in einer Kokosnussschale an der Bordwand herab. Erst am nächsten Tag werden sie erfahren, dass „Sigor“ bei den Papua, den Einwohnern Neuguineas, das Wort für „Eisen“ ist.

Langsam nähern sich beide Boote einer der Kanonenluken im Zwischendeck. Dahinter ist kein schweres Geschütz untergebracht, sondern ein Laboratorium: der Arbeitsraum des 27-jährigen Zoologen Rudolf von Willemoes-Suhm, der die Szenerie gespannt beobachtet.

Als einer der Papua die Glut seiner Fackel zur Flamme anbläst, kann der Zoologe die Ruderer genau erkennen: „völlig nackte Wilde mit riesigen Schweinshauern in den Nasenlöchern, Perücken aus Kasuar-Federn und Kränzen roter Hibiskusblüten“, notiert er.

Die 237 Soldaten an Bord haben nur eine Aufgabe

Nirgendwo auf seiner Weltreise hat man den Dreimaster bislang so argwöhnisch, fast schon feindselig empfangen wie hier auf Neuguinea. Doch wie sollen die Papua auch ahnen, dass die Royal Navy, die mächtigste Kriegsmarine der Welt, ihr Schiff über alle Ozeane geschickt hat, um nichts anderes zu erobern als – Wissen?

Die 237 Soldaten an Bord haben nur eine Aufgabe: Sie sollen sechs Forscher dreieinhalb Jahre lang um die Erde navigieren und dabei unterstützen, alles über die Weltmeere herauszufinden. Die Wissenschaftler sollen die Beschaffenheit der unterseeischen Böden erkunden und die Tiefe in den großen Ozeanbecken ausloten, von denen noch die Rede geht, sie seien entstanden, als der Mond sich einst von der Erdkugel abgetrennt habe.

Sie sollen das Wasser der untersten Schichten erforschen, das die Gelehrten lange Zeit für so dicht hielten, dass versunkene Kanonenkugeln und ertrunkene Seeleute den Grund nie erreichen würden. Sie sollen die Strömungen erkunden, denen schon vage ein Einfluss auf das Klima zugeschrieben wird. Und sie sollen Tiere aus weit mehr als 500 Meter Tiefe ans Licht holen – Lebewesen, die einer noch einflussreichen Lehrmeinung zufolge gar nicht existieren dürften.

Eine schwimmende Akademie hat da in der Humboldt-Bucht festgemacht. Dies ist das erste Großvorhaben der Grundlagenforschung, eine Art „Apollo-Projekt“ der viktorianischen Zeit, finanziert mit 171 000 Pfund Sterling von der britischen Regierung – etwa 15 Millionen Euro nach heutigem Wert. Eine Expedition in einen unsichtbaren Teil der Erde, der nur mit Netzen, Thermometern und Senkblei begreifbar wird.

Kanonen mussten zugunsten Mikroskopen weichen

Als die „Challenger“ in der Humboldt-Bucht Anker wirft, ist es 810 Tage her, dass der 14 Jahre alte Dreimaster der Royal Navy aus dem Dock von Sheerness in Südengland auslief. Die Route, die sich die Wissenschaftler ausgesucht haben, misst knapp 70 000 Seemeilen: Von England soll es über den Atlantik nach Kanada und Brasilien gehen, dann in Richtung Südosten zum Kap der Guten Hoffnung. Von dort in die „Roaring Forties“, die 40er-Breitengrade der Südhalbkugel, wo nur hartgesottene Robbenjäger auf sturmumtosten Archipelen ihre Stützpunkte unterhalten. Dann hinunter zur südlichen Eisbarriere. Weiter über Australien, Japan und die pazifischen Inseln zur Magellanstraße, und mit einer weiteren Atlantiküberquerung nach Hause.

Alles muss friedlich ablaufen: 20 der ursprünglich 22 Kanonen an Bord sind aus dem Bauch der „Challenger“ entfernt worden, um Platz zu schaffen für die Unterkünfte der Forscher, ein kleines chemisches Labor und eine biologische Werkstatt mit einer Arbeitsplatte, einer Pflanzenpresse und von der Decke hängenden Tischen – auf denen die Präparate seltener Meerestiere auch beim stärksten Seegang sicher liegen. Die Mikroskope sind am Werktisch festgeschraubt.

Aus einem Tank hinter der Laborwand werden im Laufe der Reise mehrere tausend Gallonen hochprozentigen Alkohols in 10 000 Gläser, Flaschen und Schalen fließen, um die Beute der Forscher zu konservieren. Der Zapfhahn ist abschließbar, der Schlüssel befindet sich am Schlüsselbund des Expeditionsleiters, Wyville Thomson. Der bärtige Professor aus Edinburgh weiß genau, dass ein Tank voller Spiritus auf Seereisen für fast jeden Matrosen zu einer großen Versuchung werden kann.

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