Harte Arbeit. Mehr als 30 eiserne Netze ließ die Crew über den Meeresgrund schaben. Abbildung: United Archive/Mauritiusp

Meilensteine der TiefseeforschungExpedition zum Meeresgrund

Von von Jens Schröder0 Kommentare

Die "Challenger" legt 1872 zur größten Expedition der viktorianischen Zeit ab. Britische Forscher erkunden als Erste den Meeresgrund. Was sie finden, macht sie zu Legenden.

Erst im zweiten Anlauf wird die Weltumseglung erfolgreich

Forscher an Bord der "Challenger". Foto: mauritius images / United Archivesp

Wyville Thomson und seine fünf Kollegen gelten bei der übrigen Mannschaft bald als seltsame Figuren. „Die Philosophen“ werden sie genannt. Vermutlich auch, weil sie keine seefesten Mägen haben: Als die „Challenger“ noch im Ärmelkanal in schweres Wetter kommt und riesige Brecher ihre Gischt bis in den Maschinenraum drücken, verlassen die Forscher fluchtartig das Schiff. An Land lösen sie Bahnfahrkarten nach Portsmouth, wo sie unter dem kaum verhohlenen Gespött der Crew wieder an Bord kommen, um nun zum zweiten Mal mit ihrer Weltumseglung zu beginnen.

Aber südlich von Teneriffa verschaffen sich die sechs Männer Respekt – als sie mit der Arbeit beginnen: Jeden zweiten Tag werden die Segel eingeholt. Während der Kommandant das Schiff auf Position und mit dem Bug gegen die See hält, werfen Matrosen die mit zentnerschweren gusseisernen Gewichten beschwerten Lotleinen über die Reling. 400 Kilometer feinstes italienisches Hanfseil liegen für solche Messungen bereit. Mit den gewonnenen Daten soll endlich eine systematische Kartografie der Becken und Rücken am Meeresboden begründet werden – wichtige Informationen etwa für das Verlegen von Telegrafenkabeln zwischen den Kontinenten.

Es dauert oft mehr als eine Stunde, bis die schweren Trommeln zum Stillstand kommen. Dann hat das Kolbenlot den Grund erreicht, bei 1500, 2000, 3150 Faden (5760 Meter). Die an der Lotleine befestigten Spezialthermometer registrieren die Wassertemperatur in der Tiefe – doch nicht präzise genug, wie sich später herausstellen wird.

Der Kapitän spendiert Sherry für Sonderschichten

Unter der Masse der Gewichte bohrt sich jedes Mal ein Metallrohr etwa 30 Zentimeter tief in den Meeresboden und nimmt eine Probe der Sedimentablagerungen auf: 10 000 Jahre alten roten Ton zum Beispiel. Oder Schlamm mit fossilen Überresten von Kleinstlebewesen, die seit zwei Millionen Jahren ausgestorben sind. Oder Schlick, in dem die Biologen an Bord astronomische Mengen von Radiolarien finden: abgesunkene winzige Planktontierchen, deren filigrane kugel-, glocken- oder sternförmige Skelette aus Kieselsäure erst unter dem Mikroskop sichtbar werden. 3500 bislang unbekannte Arten dieser kleinsten Schöpfungswunder werden später im Expeditionsbericht beschrieben und in Tusche gezeichnet sein.

34 eiserne „Dredge-Apparate“, Scharrnetze, lässt die „Challenger“-Crew immer wieder über den Grund schaben. Aus bis zu 5700 Meter Tiefe befördern die schweren Geräte – von denen einer der Schiffsstewards schreibt, sie sähen aus wie „Schweinströge mit Netzen unten dran“ – unbekannte Lebewesen ans Tageslicht. Die Matrosen hieven die Netze oft erst bei Einbruch der Dunkelheit in stundenlanger Arbeit wieder aufs Mitteldeck. Jeweils 40 Seeleute sind mit dem „dredgen“ beschäftigt – sie nennen es schon bald „drudgen“: abrackern. Der Kapitän weiß, dass die Sonderschichten nicht beliebt sind; er spendiert deshalb nach jedem Netz ein drittel Pint (0,2 Liter) Sherry für alle, die an der Schwerstarbeit beteiligt waren.

Die Wissenschaftler bleiben meist unter Deck bei ihren Büchern. Erst das Signal „Dredge is up!“ ruft sie auf den Plan: Dann stürmen sie mit Pinzetten und Sieben auf die Mittelbrücke und machen sich über den Schlamm her.

Sie sezieren, mikroskopieren, zeichnen im trüben Licht

Die Mannschaft betrachtet die Forscher auf dem Mitteldeck mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis. Immerhin kommt in den Netzen oft Bemerkenswertes an Bord: Tiefseefische mit hörnerartigen Auswüchsen; sonderbare Glasschwämme mit Skeletten aus purem Quarz; Tiere mit Augen an verschiedenen Körperstellen.

Die Forscher untersuchen Geschöpfe, die noch nie zuvor von Menschen gesehen worden sind. Bei besonderen Funden, so beobachtet der Steward, „sind die Forscher hochgestimmt, tragen sie runter ins Labor, trinken dort einige Flaschen Champagner und taufen ihre neue Trophäe auf einen Namen mit etwa 40 Buchstaben“. Eine dieser Trophäen wird der ganze Stolz des jungen Willemoes-Suhm: ein zehnfüßiger, blinder Tiefseekrebs, der bis heute den Namen Willemoesia leptodactyla trägt.

Unter Deck geht die Arbeit der Ozeanografen erst richtig los: Sie sezieren, mikroskopieren, zeichnen im trüben Licht schwankender Funzeln, ziehen Schlüsse auf Fortpflanzungsweise und Ernährung der gefundenen Lebewesen, unterteilen sie in Familien, Ordnungen und Klassen, legen sie in Spiritus oder Salzlake ein, beschriften sie mit Datum, Längen- und Breitengrad des Fundorts und verpacken sie schließlich in Kisten.

Von Bermuda, Halifax, Sydney, Hongkong und Yokohama schickt das Team 5000 Flaschen und Krüge mit anderen Schiffen zurück nach Edinburgh, wo sie von dem eigens eingerichteten „Challenger-Büro“ an Europas renommierteste Experten zur Begutachtung versendet werden. Eine effiziente und sichere Methode der Arbeitsteilung, wie Thomson später zufrieden feststellt: „Nur vier der Gefäße sind zerbrochen, keines der eingelegten Objekte ist verloren gegangen.“