Einem Mädchen den Kopf rasieren, wer macht das schon? Foto: Angie Pohlersp

Läuse-Zentrum für KinderAdieu, alte Laus!

von Angie Pohlers0 Kommentare

Nissenentfernung, dazu ein Café au lait: In Marseille erlöst das "Centre Kids Poux" Kinder von Blutsaugern und Eltern von Scham.

Im Filter das pralle Leben

Kammerjägerin. Laurence Goya ekelt sich längst nicht mehr, wenn der Filter des Saugers wieder mal schwarz vor Nissen ist. Foto: Angie Pohlersp

Jetzt ist Nour an der Reihe. Mit ihren Haaren, die für die Behandlung in viele Zöpfe gedreht sind, sieht sie aus, als würde sie auf ein 90er-Jahre-Rave gehen. Eine Laus krabbelt gerade gut sichtbar auf einem abstehenden Haar herum. „Oh là là“, ruft Muriel, gelernte Friseurin, und greift nach einer der Schutzhauben, die sie sich hier nur in schwierigen Fällen aufsetzen. Sie löst den Gummi der ersten Haarpartie und setzt den Sauger an der Kopfhaut an, fünf bis sechs Mal, mit schnellen Bewegungen. Dann noch mehrfach durch die gesamte Länge der Strähne ziehen, fertig. Nächste Partie. Nours Kopf wackelt, der Kamm geht schwerer durch als gewöhnlich – so viele Läuseeier kleben schon in ihren Haaren.

Nach über einer halben Stunde dürften die meisten abgesaugt sein, im Filter: das pralle Leben. Muriel schnauft, jetzt beginnt der schwierigste Teil der Arbeit. In den Nissen schlummert der Nachwuchs, der in wenigen Tagen hungrig über Nours Kopf herfallen würde. Muriel trägt eine Spülung auf, damit der Nissenkamm leicht durch die Strähnen gleitet. Nach jedem Zug wischt sie den Kamm an einem Küchentuch ab. In dem Gemisch aus Spülung und Haaren sind die noch vollen Läuseeier als schwarze Punkte zu sehen.

Nebenan im Wartebereich, der aussieht wie in einer Kita, wischen Kinder auf den saloneigenen Tablets herum, ihre Eltern trinken Kaffee. Ein zweijähriges Mädchen hat Angst vor dem Staubsauger, sie klammert sich an ihre Mutter. Muriel reicht ein Bonbon.

Läuse sind noch immer ein Tabu

Von draußen kann niemand diese Szene sehen, die komplette Front des Eckgeschäfts ist mit Milchglasfolie überzogen. „Intimität ist ganz wichtig“, sagt Laurence Goya. Das „Centre Kids Poux“ befindet sich in einer ruhigen Straße in Marseilles Innenstadt. Die wenigsten, glaubt die Chefin, möchten dabei gesehen werden, wie sie ihren Salon betreten.

Läuse sind noch immer ein Tabu, fest verwurzelt in der Sprache. Unerzogene Jungs sind Lausebengel, langweilige Theateraufführungen, dumme Ausreden, manche Kantinenmenüs lausig. Genauso hartnäckig halten sich die Vorurteile über Betroffene. Und im deutschen Infektionsschutzgesetz wird Lausbefall als meldepflichtige Erkrankung neben Pest und Cholera aufgeführt. Die Tiere verletzen den Wirt nicht nur, sondern scheiden ihre Verdauungsprodukte an Ort und Stelle aus.

Es juckt! Bisse der Kopflaus verursachen nicht nur rote Flecken. Foto: imago/blickwinkelp

Aber sie sind gnadenlos gerecht, scheren sich nicht um soziale Unterschiede, frisch gewaschene oder fettige Haare, Geschlecht oder Alter. Alles, was sie wollen, ist Blut. Das finden sie auf jedem Kopf.

Auch Jugendliche sind gefährdet. Zumindest warnten russische Verbraucherschützer schon vor dem Ansteckungsrisiko durch gemeinsame Selfies. Geschlechtsreife weibliche Läuse könnten die Nähe nutzen, um sich von einer Locke auf die andere zu hangeln. Wenn sie dann, in diesem neuen Revier, kein Männchen finden, wenden sie einen geradezu biblischen Trick an: Mit der Parthenogenese, der Jungfernzeugung, pflanzen sie sich ganz von allein fort. Schon nach wenigen Tagen haben Mutterlaus und ihre Klone ihre neue Kolonie bei konstanten 28 Grad und relativ hoher Luftfeuchtigkeit eingerichtet. Im Nacken und hinter den Ohren gedeihen die Nissen am besten.

Man muss nichts kochend heiß waschen oder schockfrosten

Wer zu Kriegszeiten oder kurz danach Läuse hatte, rät gern zu einer Haarkur mit Butter, Essig oder Mayonnaise. Vielleicht half das früher mal, aber die modernen Läuse sind zäh. Die Mobilität ihrer Wirte, das viele Reisen, hat den Genpool der Stämme reicher und widerstandsfähiger gemacht. Insektizide kommen nicht mehr gegen jede Laus an. Und viele Eltern haben heute Skrupel, ihrem Nachwuchs Chemikalien ins Haar zu schmieren, auch wenn die in Apotheken erhältlichen Mittel streng geprüft sind.

Eigentlich merkwürdig, dass es in Deutschland niemanden wie Laurence Goya gibt, der den Läusen den Garaus macht. Das Geschäft ist einträglich. Die zwei notwendigen Termine kosten für kinnlange Haare 60 Euro, mit Rapunzelmähne wird es entsprechend teurer. Bei Goya kann man auch eine Lausentfernungs-Flatrate abschließen. Für monatlich 20 Euro wird dann so oft wie nötig abgesaugt und rausgepickt.

Was nicht hilft, da sind sich die Experten fernab der hysterischen Debatten in Eltern-Foren einig: Panik. Läuse beschränken sich auf den Kopf. Kissen, Sofa und Kuscheltier sind lebensfeindliche, weil blutleere Umgebungen. Dort hält sich keine Laus freiwillig auf. Nichts muss kochend heiß gewaschen oder schockgefrostet werden. Im Zweifel tut es eine luftdicht verschlossene Tüte, in der die Läuse innerhalb von 55 Stunden verhungern. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Fast jedes Kind mit Haaren über Streichholzlänge wird wohl mindestens einmal befallen.

Wenn es schlecht läuft, erwischt es auch die Eltern. So wie die Mutter der ängstlichen Zweijährigen in Laurence Goyas Marseiller Salon. „Wir schauen bei Ihnen sicherheitshalber auch noch mal nach“, sagt die Chefin und richtet die große Lupe über dem Kopf der Frau aus. Unter der Linse sind zunächst nur ein paar Schuppen zu sehen. Und dann: „Voilà, Nissen!“