Der Schlüssel gehört seit Jahrhunderten zum Allerheiligsten. Sein Verlust kommt einer kleinen Katastrophe gleich. Foto: imago/Imagebrokerp
Kulturgeschichte trifft Technik Das ist die Zukunft des Schlüssels
Andreas Austilat
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Einwohner Pompejis trugen ihren Hausschlüssel immer bei sich

Die Archäologen fanden bei den Opfern des Vulkanausbruchs in Pompeji neben Schmuck auch Hausschlüssel. Foto: imago/imagebrokerp

Im Mannheimer Reiss-Engelhorn Museum war vor ein paar Jahren eine Ausstellung zu sehen, in der unter anderem gezeigt wurde, was die Einwohner Pompejis auf ihrer Flucht mitnahmen. Jedenfalls diejenigen, die vor 2000 Jahren rechtzeitig erkannten, dass ihre Stadt nach dem Ausbruch des Vulkans Vesuv dem Untergang geweiht war. Sie griffen keineswegs zu den Götterstatuen, die in vielen römischen Haushalten auf kleinen Altären bereitstanden, um sich damit überirdischen Beistand zu sichern.

Sie entschieden sich für Dinge, die ihnen jetzt hilfreicher erschienen. Die Archäologen fanden bei den Opfern Geld und Schmuck. Überraschend viele aber trugen ihren Hausschlüssel bei sich, der ihnen nicht mehr viel nutzen würde, wenn das Heim von der Lava oder dem Ascheregen verschlungen war.

Der Schlüssel, so hat es den Anschein, gehörte schon vor 2000 Jahren zum Allerheiligsten. Allein sein Verlust kam einer kleinen Katastrophe gleich. Eine Symbolik, die sich seitdem verfestigt hat. Selbst im Computerzeitalter spricht man noch von Verschlüsselung.

Berlin hat in dieser Historie sogar eine besondere Position erlangt. Gemeint sind nicht die Schlüsselkinder, die das gute Stück an einer Schnur um den Hals tragen und damit jedermann zeigen, dass zu Hause niemand auf ihr Klingeln wartet. Die gibt es anderswo auch.

Der Berliner Schlüssel ist eine Kreuzberger Erfindung

Gemeint ist der Berliner Schlüssel. Der Soziologe Bruno Latour hat ein kleines Buch über diese Spezialität geschrieben, geschaffen zur Disziplinierung der Berliner. Erfunden wurde er 1912 vom Schlossermeister Johann Schweiger in der Kreuzberger Adalbertstraße. Im Ostteil wurde er nach dem Mauerbau rar, doch wer in den 1980er Jahren eine Altbauwohnung in Wedding oder Moabit, Schöneberg, Tiergarten, Kreuzberg oder Neukölln bezog, hatte alle Chancen, das System kennenzulernen.

Der Berliner Schlüssel hatte an seinen beiden Enden je einen Bart. War die Haustür nach 20 Uhr verschlossen, konnte man sie mit diesem Ding zwar öffnen, doch der Schlüssel saß fest. Man bekam ihn erst frei, wenn man ihn mit einer Drehung durch das Schloss hindurchschob und die Tür auf der anderen Seite wieder verriegelte.

Der Sinn des Ganzen? Nachts sollte das Haus verschlossen bleiben. Was auch ein bisschen ungesellig war. Weil Berliner Altbauten in aller Regel keine Gegensprechanlage hatten, es außerhalb des Hauses keine Klingelanlage gab, konnten späte spontane Besucher sich abends nur telefonisch bemerkbar machen. Das war vor Einführung des Handys komplizierter als heute. Besonders schwierig wurde es, wenn der Besuchte im Hinterhaus wohnte und kein Telefon erreichbar war. Im Vorderhaus bestand immerhin die Möglichkeit, sich schreiend zu verständigen und gegebenenfalls den Schlüssel aus dem Fenster zu werfen. Dabei gab es zuweilen Verletzte, oder der Schlüssel blieb an einer Stuckverzierung der Fassade hängen. Beides Fälle, die der Autor dieser Zeilen persönlich erlebt hat.

Nur eine einzige Firma in Biesdorf baut den Schlüssel heute

Heute findet man den Berliner Schlüssel vielleicht noch in ein paar tausend Altbauten. Sagt Daniel Kannengießer, der 36-jährige gelernte Metallbauer muss es wissen. Kannengießer ist Chef der Firma Zingler und hat vor ein paar Jahren jenen Betrieb erworben, in dem 1912 der Berliner Schlüssel erfunden wurde. Kannengießers Firma hat ihren Sitz in Biesdorf und baut Berliner Schloss und Schlüssel bis heute, als einziger in Berlin.

Das System wird noch verlangt, etwa für Gewerbehöfe, bei denen man sicherstellen will, dass sie stets verschlossen bleiben. Kannengießer reagiert entspannt auf die Frage, ob er das Ende des Schlüssels – wie wir ihn kennen – gekommen sieht. Natürlich würden elektronische Systeme heute häufig nachgefragt, aber sie machten bei Einfamilienhäusern nach seiner Schätzung keine 20 Prozent des Marktes aus, im klassischen Wohnungsbau deutlich weniger. Die Tendenz ist allerdings steigend.

Doch selbst wenn der Schlüssel verschwände, „die Mechanik dahinter bleibt ja“. Für seine Branche sei also noch genug zu tun, vielleicht sogar mehr. Schon für herkömmliche Schlüssel galt, dass schnell veraltet, was gestern für sicher gehalten wurde. Moderne Schlüssel würden mit magnetischen Komponenten oder beweglichen Teilen ausgerüstet, um die Schlösser noch raffinierter und schwerer knackbar zu machen.

Der durchschnittliche Einbrecher greift zur Gewalt

Gleiches gilt für elektronische Systeme. Bei denen muss zunächst einmal sicher sein, dass immer Strom fließt. Und was gestern für unüberwindlich gehalten wurde, wird heute gehackt. Der Fingerabdruck? Wurde auch schon gefälscht. Und hat seine Tücken. Was passiert, wenn man sich ausgerechnet an dem Finger verletzt, der einem die häusliche Tür öffnen soll? Dann muss ein anderes System als backup herhalten.

Transpondersignale können aufgefangen und entschlüsselt werden, Beispiele aus der Autoindustrie gibt es reichlich – selbst wenn die Verschlüsselung von Haustürschlössern sicherer sein soll. Und Zahlencodes? Es soll Experten geben, die ziehen aus den Gebrauchsspuren auf der Tastatur Rückschlüsse auf die Ziffernfolge. Im Übrigen kostet ein elektronisches Schloss heute noch schnell das Doppelte von einem herkömmlichen System.

Doch das ist alles müßig, denn der durchschnittliche Einbrecher wird sich nicht lange mit kniffligen Schlössern abgeben, der greift zur Gewalt. Ein mit einem Transponder ausgerüsteter Türknauf schließt in den seltensten Fällen bündig mit dem Schloss ab, wie man das von herkömmlichen Schließzylindern erwartet. Ist das Ding nicht außerordentlich stabil, kann das hervorstehende Stück abgetrennt werden. Dann liegt der Mechanismus dahinter frei.

Nein, Kannengießer glaubt an die Zukunft des Schlüssels. Auch wenn er bei sich zu Hause – und das hat er Max Waldmann voraus – die Tür längst elektronisch öffnet, mit seinem Smartphone. „Das ist halt praktischer.“

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