Von Rolf Oesterreichs Weltrekord ist dieses verschwommene Foto erhalten geblieben. Foto: privat
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Kugelstoßer Rolf Oesterreich Wie die DDR einen Weltrekord vertuschte

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Er war Autodidakt, entwickelte sein eigenes Geschoss und brach 1976 mit 22,11 Metern den Weltrekord im Kugelstoßen. Anerkannt wurde er bis heute nicht.

Den Weltrekord will er im Biergarten feiern. Rolf Oesterreich hat Durst, es war ein schöner, aber auch sehr anstrengender Tag. Also setzt er sich zu ein paar Leuten an einen Tisch und erzählt beim zweiten Glas, dass er seit ein paar Stunden der beste Kugelstoßer der Welt ist. Er freut sich auf Komplimente, aber die anderen lachen ihn aus. Weltrekord? Na, das würden sie ja wohl wissen, ist doch nichts in den Nachrichten gelaufen. Oesterreich steht als Hochstapler da.

Er hat das bis heute nicht vergessen. Diese Demütigung am 12. September 1976, dem Tag einer der größten Sensationen der Sportgeschichte. Rolf Oesterreich, ein sächsischer Autodidakt ohne staatliche Förderung, ja ohne eigenen Trainer, stößt die Kugel 22,11 Meter weit in die Sandgrube der Bezirkssportanlage des sächsischen Städtchens Zschopau. So weit wie niemand zuvor, aber keiner nimmt Notiz davon. Der Weltrekord wird vertuscht und totgeschwiegen. Oesterreich bekommt nicht mal die 15 Minuten Berühmtheit, die Andy Warhol jedem Menschen zugestand. Er ist „vom Staatsbetrieb VEB Medaillen und Rekorde nicht eingeplant“, notiert der „Spiegel“ .

„Die Geschichte dieses Weltrekords ist so verrückt, dass sie nur wahr sein kann“, sagt der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig. Er hat das Drama von Zschopau an den Anfang seines kürzlich erschienenen Romans „Beste Absichten“ gestellt und damit zurück in das Bewusstsein der Öffentlichkeit geholt. Das Buch ist sehr wohlwollend aufgenommen worden, alle Rezensenten widmen sich auch der Geschichte von Rolf Oesterreich. Er selbst kämpft bis heute um angemessene Würdigung. Im Westen haben sie ihm nach der Wende gesagt: „Bevor Ihre Leistung anerkannt wird, müssen erst mal ein paar DDR-Funktionäre wegsterben.“

Die DDR-Trainer nehmen ihn nicht mal zur Kenntnis

Zum Gespräch bittet Rolf Oesterreich in einen Biergarten von Jahnsdorf, gar nicht so weit weg von Zschopau. Am Nebentisch wirbt ein Plakat für „Biere von hier“, wovon eine Gruppe von Freizeitsportlern reichlich Gebrauch macht. Lautes Gelächter. Oesterreich holt seinen Laptop aus der Tasche und zeigt Fotos. Fotos von einem jungen Rolf Oesterreich, er wirkt kräftig und untersetzt, obwohl er doch immerhin 1,81 Meter groß ist, aber was ist das schon für einen Kugelstoßer.

Rolf Oesterreich hat bis zu seiner Pensionierung als Sportlehrer gearbeitet und gerade seinen 68. Geburtstag gefeiert. Das Haar ist so grau geworden wie der Schnauzbart und der Gang schleppend, aber seine Schultern sind immer noch so breit, wie es sich für einen Kugelstoßer gehört. Im Biergarten bestellt er Radler und Schnitzel und beginnt zu erzählen. Wie er sich in den frühen 70er Jahren dem Kugelstoßen zuwendet, mit zunächst bescheidenem Erfolg. Er ist zu klein für die klassische Angleittechnik, mittels derer muskelbepackte Hünen die Kugel von sich stoßen. Oesterreich trainiert verbissen, aber mehr als gut 16 Meter sind nicht drin. Die Trainer, die im staatlichen Auftrag die gesamte DDR nach Talenten durchkämmen, nehmen ihn nicht mal zur Kenntnis.

Eher zufällig wird er 1974 auf einen sowjetischen Kugelstoßer aufmerksam. Dieser Alexandr Baryschnikow geht nicht, wie beim Angleiten üblich, in die Hocke, um dann nach explosiver Streckbewegung die Kugel auf dem höchsten Punkt mit größtmöglicher Kraft zu stoßen. Er vollführt vor dem Stoß eineinhalb Drehungen mit der Kugel und wandelt die dabei entstehende Energie in Weite um. Baryschnikows Ansatz kombiniert die Wucht des Kugelstoßens mit der Dynamik des Diskuswerfens. Es ist die Technik für nicht ganz so große, kräftige Männer.

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