Auf den Spuren der Huren. 700 Prostituierte sollen während des Konzils tätig gewesen sein. Die Imperia setzt ihnen ein Denkmal. Foto: Promo
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Konzil 1417 Habemus Konstanz

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Vor 600 Jahren wurde am Bodensee ein neuer Papst gewählt. Henry Gerlach weiß alles über das Konzil – und führt als Chronist Gäste durch die Stadt.

Schnell noch die paar Jahrhunderte abreißen, die das Konzilgebäude standhaft über den Bodensee wacht. Henry Gerlach hebt an, stockt, erzählt weiter, kommt vom Thema ab … Eigentlich will er ja von der Papstwahl erzählen, die hier vor genau 600 Jahren, anno 1417, Weltgeschichte geschrieben hat. Dann fällt ihm ein, dass man den Saal auch für Hochzeiten nutzt.

„Der einzige Papstwahlort, den sie mieten können“, sagt Gerlach. „Ich sag’ Ihnen auch, wo der Papst saß, dann können Sie alles vorbereiten“. Der Stuhl Petri wäre natürlich für den Bräutigam reserviert. Konstanz, eine deutsche Universitätsstadt, wie sie sein soll: vertäfelte Weinkeller, großzügige Akademiker-Villen, breite Radwege, See-Panorama, Rheinbrücke, solide gemauerte Stadttore, vom Bombenkrieg verschonte Altstadt, kauffreudige Touristen aus der Schweiz. Aber irgendwie reicht das nicht, um als südliche Grenzstadt republikweit auf sich aufmerksam zu machen. Deshalb setzen sie ganz auf Geschichte.

Erregungswelle im Ländle

Henry Gerlach, Historiker und Hamburger Jung, hat auf der Geschichte Konstanz’ sein ganzes Leben gebaut. Sein Spezialgebiet: Konstanzer Konzil, das G20-Treffen des ausgehenden Mittelalters. Gerlach betreibt zusammen mit seiner Ehefrau das KKK, Kompetenzzentrum Konstanzer Konzil. Als Gerlach vor rund 30 Jahren hier ankam, um zu studieren, ahnte er nicht, dass er hier hängenbleiben würde. Die Sprache hat er aber nicht angenommen. Nachdem er im Fernsehen mal Konstanz statt „Konschtanz“ sagte, auf Hamburgisch, rollte eine Erregungswelle durchs Ländle, erreichte die Landeshauptstadt Stuttgart. Ein Hamburger, der Konstanzer Stadtgeschichte erklärt und dabei ein steifes „s“ benutzt: Landesverrat! Gerlach kann sich darüber prächtig amüsieren.

Der Historiker Henry Gerlach führt im Gewand durch die Stadt. Foto: Promo.
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Alle Welt feiert 500 Jahre Reformation. Konstanz 600 Jahre Konstanzer Konzil, als die Stadt das Zentrum der Welt war. Geistliche aus Nowgorod trafen auf Kollegen aus Lissabon, Äthiopien oder Uppsala. Zeitweise hielten sich 30 000 Teilnehmer am Konzil auf, inklusive Dienerschaft und Schutztruppen. Reformatorisch betrachtet war das Konzil ein Rückschlag. Zwei geistige Wegbereiter Luthers, Jan Hus und Hieronymus von Prag, wurden als Ketzer verurteilt und verbrannt. Die innere Reform der Kirche an Haupt und Gliedern, wie sich die Gastgeber König Sigismund und Papst Johannes XXIII. vorgenommen hatten, kam über wohlfeile Diskussionen nicht hinaus. Bis heute sind die Konstanzer um Wiedergutmachung bemüht. Den tschechischen Reformatoren errichteten sie 1862 einen Gedenkstein. Inzwischen gibt es Hus-Museum und Hus-Denkmal.

Das Konzil dauerte fast vier Jahre. Die katholische Kirche beendete damals das abendländische Schisma, die Zeit der Gegenpäpste von Avignon. König Sigismund und Fürsten aus ganz Europa vermittelten in zahlreichen kriegerischen Konflikten. Im November 1417 fand auf dem Konzil die einzige anerkannte Papstwahl nördlich der Alpen statt. Ein echtes Konklave in einem Haus, das eigentlich als Lager- und Handelsplatz gebaut wurde. Das Konzilgebäude mit seinem mächtigen Dachstuhl und außen umlaufenden Lattenkranz wirkt wie eine überdimensionierte Schwarzwaldscheune. Heute kann man dort „Fischmaultäschle“ und „Taschenkrebssüpple“ verspeisen.

Die Basilika wurde nach der Reformation geplündert Foto: Promo.
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Vom Konzilgebäude am Hafen führt Gerlach seine Besucher durch die Altstadtgassen, ohne auf die Malereien an einigen Giebeln aufmerksam zu machen. Viel zu jung. Im 19. Jahrhundert bedauerten die Stadtväter, dass von der glanzvollen Geschichte Konstanz kaum etwas zu sehen ist. Künstler wurden beauftragt, wichtige Ereignisse möglichst wirkungsvoll in Szene zu setzen. Wie aufgeschlagene Märchenbücher erscheinen diese Tableaus heute, vielköpfige Gesandtschaften, in weite Gewänder gehüllt, mit Fahnen und Standarten, zu sehen auf dem „Haus zum Hohen Hafen“ oder dem Renaissance-Rathaus aus dem 16. Jahrhundert.

Die Konstanzer: Fähnchen im Wind

Gerlach strebt ins Münster, eine schlank wirkende Sandsteinbasilika mit breiter Westfront, die für die 80 000 Konstanzer deutlich zu groß bemessen ist. Auch für die 7000 Konstanzer zur Zeit des Konzils. Das liegt daran, dass Konstanz früher Bischofsstadt war, mit einem Sprengel, der weit in die Schweiz hineinreichte. Im Münster wurden die Vollversammlungen des Konzils abgehalten. Das heutige Inventar hat mit dem mittelalterlichen Münster nichts mehr gemein. Nach Luthers Thesenanschlag 1517 schloss sich auch Konstanz der Reformation an. Der Stadtrat beschlagnahmte das gesamte Mobiliar der Heiligenverehrung, ließ es einschmelzen oder verkaufen. Bis dato unantastbare Reliquien wurden in den Rhein geworfen. Zwei Jahrzehnte später zogen spanische Soldaten des Kaisers vor den Mauern der Stadt auf und bewirkten eine schnelle Rückkehr zum alten Glauben.

Solche menschlichen Handlungszwänge leuchten Gerlach sofort ein. Natürlich verurteilt er seine Konstanzer nicht, wenn sie ihr Fähnchen nach dem Wind hielten. Das Heilsversprechen der Kirchen lässt den Hamburger weitgehend ungerührt, umso lustvoller seziert er die moralische Verkommenheit der Geistlichen im späten Mittelalter. Damit befindet er sich auf einer Linie mit seinem Alter Ego, das er als Stadtführer gerne verkörpert: Ulrich Richental, der Konzils-Chronist. In seinem Namen twittert Gerlach alle paar Tage ein Ereignis aus der Konzilszeit in die Welt. „#OptimistischeStimmung. Gelage in der Stadt. Delegationen freigiebig. Frau zuhause gelassen. Vergessen wo ich war. Zum Imbiss wieder daheim.“

Das Konzilsjubiläum wird von der Stadt bestmöglich vermarktet. Es gibt Flyer, ein eigenes Jubiläums-Oratorium und einen Science-Slam. Diesjähriger Höhepunkt ist der größte St.-Martins-Umzug Deutschlands am 11. November, dem Tag der Papstwahl von Martin V. vor 600 Jahren. Wer sich historisch einstimmen möchte, kann Gerlachs 800-Seiten-Krimi „In Nomine Diaboli“ lesen, der von einem Mordkomplott gegen König Sigismund handelt. Das Komplott hatten die Venezianer geplant, aber aus unbekanntem Grund kam es nicht zur Ausführung.

Weil er sich verkleidet und beim Erzählen auf Pointen setzt, hat Gerlach Schwierigkeiten mit seiner Reputation als Wissenschaftler. Eine Nacht hindurch stritt er sich mit einem renommierten Forscher, ob Jan Hus zwei Tage lang im selben Gefängnis saß wie Papst Johannes XXIII., der ihn als Ketzer verurteilt hatte. Solche Skurrilitäten liebt der Hamburger. Johannes XXIII. wollte in seinem Amt eigentlich vom Konzil bestätigt werden und seine Gegenpäpste loswerden. Doch das Konzil spielte da nicht mit. Fürsten und Bischöfe wollten einen Neustart mit einem unverbrauchten Papst. Johannes flüchtete, wurde gefangen genommen und abgesetzt.

Denkmal für die Prostituierten

Die Quellenlage zum Konzil ist für das 15. Jahrhundert sehr gut, das Papier war gerade erfunden, und das Schreiben von Tagebüchern beliebt. Chronist Richental und sein Mitstreiter, der Dichter Oswald von Wolkenstein, verschweigen nicht, was die „Pfaffen“ auf dem Konzil sonst noch so trieben. Die häufigen Nebeltage am Bodensee schlugen den Kardinälen aus Spanien und Italien aufs Gemüt. Fässerweise Wein wurde getrunken, um die Kälte zu bekämpfen. Gegen Nebel und Regen helfen auch heute noch viele Weinkeller, einer der ältesten ist „Zur Mugge“ in der Niederburggasse 7.

Ebenfalls beim Konzil anwesend waren angelich 700 Prostituierte, denen der Bildhauer Peter Lenk ein umstrittenes Denkmal gesetzt hat, das inzwischen zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist: die Imperia. Die neun Meter hohe Betonskulptur einer Dirne empfängt die Bodensee-Schiffer seit 1993 am Hafen von Konstanz. Die riesenhafte Dame mit entblößter Scham und blankem Busen war eine Idee des Tourismusvereins. Auf ihren ausgestreckten Händen hält sie ihre vermeintlichen Freier, ein nacktes Päpstlein und einen kleinen König. Der Konstanzer Stadtrat sprach sich mehrfach gegen die Imperia aus, doch weil sie auf einem Grundstück der Deutschen Bahn errichtet wurde, konnten die empörten Räte nichts gegen sie ausrichten.

Das Vorbild der Imperia stammt aus einem Roman von Balzac, der eine Prostituierte als heimliche Herrscherin des Konzils beschrieb – eine reine Erfindung, aber keine abwegige. Ihr Schöpfer Peter Lenk nennt sie spöttisch „Sinnbild weiblicher Fürsorge“ oder einfach nur „Ansteuerungshilfe für die Kapitäne“. Im Übrigen sei sie keine Hure, sondern aus dem Stand der Kurtisanen, die es in der Gesellschaft der Renaissance teils zu hohem Ansehen brachten. Inzwischen ist die Imperia als Touristenmagnet allgemein akzeptiert. Spricht man Henry Gerlach auf sie an, lacht er nur und erzählt die nächste Anekdote. Geschichte vergeht in Konstanz eben nicht einfach so.

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