Zwischen Hotelkomplexen ragen die Betonpilze hervor. So richtig beachtet sie jedoch niemand. Foto: Joshua Kocherp
Kommunismus für Touristen Albaniens geheime Bunker
Joshua Kocher
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„Was wollt ihr denn mit den hässlichen Teilen?“

Nur ein paar Bunker werden für Kunstausstellungen benutzt. Foto: J. Kocherp

Hoxha regierte das Land zwischen 1944 und 1985 und errichtete einen Staat, den die Einwohner heute mit Nordkorea vergleichen. 1967 erklärte der Diktator Albanien dann auch noch zum „ersten atheistischen Staat der Welt“ – die Religionsausübung war fortan verboten. Trotz der relativ unbedeutenden internationalen Rolle des Landes befürchtete das Regime von Tag zu Tag einen atomaren Angriff. Die paranoide Isolationspolitik des Herrschers versetzte das ganze Land in ständige Angst.

Reist man heute durch Albanien, begegnen einem die Bunker überall. Sie stehen entlang der Grenzen zu Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Griechenland, in entlegenen Gebirgsregionen der steinigen albanischen Alpen, in den staubigen Hinterhöfen der Städte, oder, wie in Durres, am Strand. Allerdings stechen sie kaum ins Auge, ein Großteil ist überwuchert oder fällt zunehmend in sich zusammen.

Erkundigt man sich nach den Bauten, erntet man Unverständnis und Ablehnung. „Was wollt ihr denn mit den hässlichen Teilen?“, fragt eine gebückte ältere Bäuerin im Bergdorf Theth. Ja, was will man damit? Was tut man damit? Auf privatem Gelände macht sich manch einer daran, die massiven Betonbauten mit dem Vorschlaghammer zu zerlegen – eine Knochenarbeit. Andernorts schlafen Obdachlose in den Bunkern, Bauern benutzen sie als Heuspeicher. Die Regierung schlug vor, größere Anlagen zur Pilzzucht zu nutzen.

Eine Planlosigkeit, die auch bei vielen anderen Überresten des Kommunismus im Land vorherrscht. In der Hauptstadt Tirana zum Beispiel kaufte der Staat das ehemalige Wohnhaus Hoxhas, nachdem dessen Familie weggezogen war. Seitdem steht es leer. Es wird zwar geputzt und in Stand gehalten, doch ein Museum, das die Zeit des Schreckensregimes aufarbeitet, ist nie daraus geworden.

Fotografieren ist verboten

Meist sind es Nichtregierungsorganisationen, die sich um Aufarbeitung bemühen. Wie im Falle des Projekts Bunk’Art.

Der Weg zu „Bunk’Art 1“, einer bereits 2014 eröffneten Ausstellung im größten Regierungsbunker des Landes, ist mühsam. Aus der Stadtmitte geht es mit dem Linienbus bis ans Ende eines Tunnels, der auf ein verlassenes, staubiges Armeegelände führt. Fotografieren ist verboten, auf dem geteerten Weg liegen selbst im Sommer noch die orangefarbenen, verfallenen Blätter des vergangenen Herbstes. Im rechten Ohr surrt penetrant der Maschinenraum der Seilbahn, die nahe des Geländes hoch auf den Mount Dajti, den Hausberg der Hauptstadt fährt.

Die kleinen Betonkuppeln ragen überall aus dem Boden, sogar zwischen Hotels und Einkaufsläden. Foto: J. Kocherp

Ein rostiges Kinderkarussell quietscht im Wind. Beim Durchschreiten der drei dicken Türen, die erst aus Beton, dann aus Stahl bestehen, werden die Besucher mit den Tönen einer plätschernden Dekontaminationsdusche begrüßt. Aus den Tiefen des fünfstöckigen Bunkers heult eine Atomsirene. Vorbei an Hoxhas Zimmer mit holzgetäfelten Wänden, den Offiziersräumen und den Schlafsälen führt der Weg bis ganz hinunter in einen Kinosaal mit rotgepolsterten Sesseln – zur Bauzeit das einzige Kino auf albanischem Staatsgebiet.

Was mit den übrigen Schutzanlagen geschehen soll, bleibt unklar

Je tiefer man in das Gewirr der Gänge auf 2585 Quadratmetern eindringt, desto kälter und ungemütlicher wird es. Auf den kleinteiligen Hinweistafeln, die entlang des Wegs die Wände säumen, wird detailliert die Geschichte des Landes von der italienischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg bis zur Ära des Kommunismus erzählt. Dem Bau der unzähligen Bunker wird jedoch nur wenig Raum geboten.

Was mit den übrigen Schutzanlagen geschehen soll, bleibt unklar. Es gibt kreative Vorschläge, doch durchgesetzt hat sich keiner davon. Das Projekt mit dem bisher größten öffentlichen Interesse war „bed&bunker“, bei dem elf albanische und zehn deutsche Architekturstudenten einem Bunker im Küstenort Tate ein neues Leben schenken wollten. Treibende Kraft war Iva Shtrepi, die in ihrer Diplomarbeit die Idee hatte, einige Anlagen zu Hostels umzugestalten. Doch als die Betten gebaut, die Stromleitungen gelegt und eine Tür eingesetzt war, platzte das Projekt. Einen Tag vor der Eröffnung: Nach mehreren Zwangspausen am Bau, wiederkehrenden Stromausfällen und vielen tausend investierten Euro, seien die Nachbarn im Umkreis unbeeindruckt geblieben und hätten mitgeteilt, dass die Studenten hier nicht erwünscht seien.

Jetzt lagert wohl wieder Stroh in der Anlage.

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