Tagesspiegel-Kolumnistin Katja Demirci. Foto: Mike Wolff
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Katja Demirci macht sich locker Das große Kribbeln

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In diesem Winter kam es schon zwei Mal vor, dass ich zu erkältet war fürs Yoga. Ein Jammer, aber nicht zu ändern. Ein Glück, dass ich im vergangenen Sommer noch etwas anderes für mich entdeckt habe: Meditation.

Aus Neugierde angefangen, habe ich die wöchentliche, angeleitete Stunde in meinem Yogastudio mittlerweile wirklich lieb gewonnen.

Meditieren kann man natürlich überall, man braucht kein Studio dafür und schon gar keinen festen Termin. Ich finde beides trotzdem schön – und entlang der leisen Stimme meiner Lehrerin lässt es sich gut durch die Stille hangeln. Außerdem ist der Zeitpunkt prima: Sonntagabend. Ideal, um alles, was sich über die Woche zerstreut hat, wieder zu konzentrieren. Bevor dann die nächste Woche startet.

Der Trick und das Ziel der Sache ist, nur zu sein, nicht zu viel denken, nicht zu viel bewerten. Klingt abgehoben, ist aber alles andere als das. Es ist die Basis von allem. Nur leicht, das ist es nicht. Andererseits kann man es auch nicht erzwingen.

An schlechten Tagen denke ich beim Meditieren mehr, als erlaubt ist, jedenfalls nehme ich das an. Nur, deswegen sauer sein, womöglich währenddessen, bringt natürlich gar nichts. Außer schlechtes Karma.

Eine halbe Stunde - mehr geht nicht

Das einschneidendste Meditationserlebnis, das ich bislang hatte, war überhaupt nicht metaphysisch, sondern schmerzhaft real. Mein linkes Bein schlief mir bis zur Taubheit ein. Und das nicht nur einmal.

Ich setzte mich anders hin. Keine Besserung. Ich stopfte ein Kissen unter mein linkes Knie. Vergebens. Eine knappe halbe Stunde kann ich ruhig auf dem Boden sitzen, die Beine voreinander gekreuzt, dann beginnt das Kribbeln, das mich fortan mehr plagt als jeder überflüssige Gedanke. Es ist kein Wunder, dass ich in Sachen Spiritualität nicht weiterkomme, wenn mich etwas so Irdisches wie eingeschlafene Beine auf der Matte hält. Doch es hilft nichts, Geduld ist gefragt.

In absoluter Vollendung scheint ein buddhistischer Mönch aus Russland die Meditation zu praktizieren. Das heißt, wie man es nimmt, der Mann ist seit 1927 tot. Wobei genau dies ein Streitpunkt unter den Gelehrten ist. Als Daschi-Dorscho Itigelow, 1911 zum buddhistischen Oberhaupt Hambo-Lama ernannt, starb, bat er die anderen Mönche, ihn nach Jahrzehnten aus dem Grab zu holen, er werde nicht verwesen. Und so war es dann. 2002 buddelten sie ihn aus, wie er von ihnen gegangen war: im Lotussitz meditierend. Seitdem sitzt er vor sich hin, seine Haut sei weich, heißt es, sein Blut geleeartig, gelegentlich öffne er sogar den Mund.

Eine Lücke in der Zeit

Während die Mönche seines sibirischen Klosters nun glauben, der Lama habe eine höhere Stufe des Seins erreicht und sei durchaus noch am Leben – nur eben in tiefer Meditation versunken –, vermuten Wissenschaftler das Gegenteil. Der Mann sei mausetot und natürlich mumifiziert. Seit einigen Jahren allerdings darf sich kein Forscher dem Lama mehr nähern. Die Meinung der Wissenschaftler bleibt also ebenso Spekulation wie die der Mönche, von denen einer dem ZDF erzählte, Itigelow befinde sich in einer Lücke in der Zeit. So oder so habe er gezeigt, dass mit spiritueller Kraft Grenzen, schlussendlich sogar die zwischen Leben und Tod, verschiebbar seien.

Ich glaube, Meditation vermag so einiges zu bewirken, vermute, dass sie Schmerzen lindern und vielleicht sogar helfen kann, Krankheiten zu heilen. Mir würde es schon reichen, wenn ich verhindern könnte, dass mein Bein einschläft; wenn es mir gelänge, meinen Geist fortzuschicken, weg vom Kribbeln. Ich arbeite daran.

Sollten wir uns irgendwann treffen, der Lama und ich, in jener Zeitlücke, so wird es mir eine Freude sein. Nur: Ich sitze dann ganz sicher nicht im Lotussitz.

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