Strahlende Landschaften. Die Spur des Replikantenkinds führt den Blade Runner K (Ryan Gosling) ins verseuchte Las Vegas. Foto: Sony
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Kolumne: Sebastian Leber schaltet nie ab Stimmen aus der Zukunft

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Wer sich für technische Innovationen interessiert, kann beim Anschauen von Science-Fiction-Filmen wahnsinnig werden, weil er ständig sinnvolle Gadgets vorgeführt bekommt, auf die er im eigenen Leben verzichten muss.

Filmkritiker sind schon verschrobene, weltfremde Menschen. Jüngstes Beispiel: Sie schreiben alle, bei „Blade Runner 2049“ handele es sich um eine Dystopie, also einen düsteren, lebensfeindlichen Zukunftsentwurf. Wer noch nicht im Kino war, hier ein Spoiler. In der Welt der Blade Runner kann man sich virtuelle Lebensgefährten kaufen, die einen als dreidimensionales Hologramm begleiten, die zuhören können, feinfühlig sind, einem ständig Komplimente machen und dabei so realistisch gestaltet sind, dass beim romantischen Abendspaziergang echte Regentropfen an ihnen abperlen. Was bitte soll daran dystopisch sein, außer vielleicht, dass wir noch 32 Jahre drauf warten müssen?

Wer sich für technische Innovationen interessiert, kann beim Anschauen von Science-Fiction-Filmen wahnsinnig werden, weil er ständig sinnvolle Gadgets vorgeführt bekommt, auf die er im eigenen Leben verzichten muss. Ein Quecksilber-Roboter, der durch Gitterstäbe gehen kann. Laserschwerter. Fliegende Autos.

Als erstaunlich treffsicher haben sich die Vorhersagen der Serie „Star Trek“ erwiesen. Schon in den 1960er Jahren verfügte Captain Kirk über ein Klapphandy, damals „Kommunikator“ genannt. Sein Nachfolger Jean-Luc Picard arbeitete mit Tablets. GPS-Ortung gab es bei „Star Trek“ bereits 30 Jahre, bevor sie tatsächlich entwickelt wurde.

Der Autor. Foto: Mike Wolff
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Die nächste technische Spielerei vom „Raumschiff Enterprise“, die in der Realität zum Massenprodukt wird, ist der Bordcomputer. Eine ständig im Hintergrund mitlauschende künstliche Intelligenz, die bloß darauf wartet, von ihrem Besitzer per Sprachbefehl Aufgaben übertragen zu bekommen. In der Serie hieß es: „Computer, analysiere die Gaswolke vor uns!“ In modernen Haushalten heißt es nun: „Alexa, setze Milch auf die Einkaufsliste!“ Seit einem Jahr ist „Amazon Echo“ in Deutschland auf dem Markt, die Entwickler geben zu, dass „Star Trek“ ihr Vorbild war. Im Prinzip handelt es sich um einen Lautsprecher mit sieben integrierten Mikrofonen plus Internetverbindung. Das Gerät kann Wetterberichte und Verkehrslagen aufsagen, online Kochrezepte suchen, Witze erzählen.

Noch interessanter wird es, wenn sich im Haushalt weitere internetfähige Endgeräte befinden. Dann kann Echo zum Beispiel Lampen anschalten oder den Staubsaugroboter losschicken. Das System wirkt ausgereifter als die Konkurrenzmodelle von Google und Apple. Dennoch richtet es manchmal noch Chaos an. Im Frühjahr sagte ein kalifornischer Fernsehmoderator den Satz „Alexa hat mir ein Puppenhaus gekauft“. Hunderte Echos verstanden „Alexa, kauf mir ein Puppenhaus“ und gaben Bestellungen auf. Sie haben es gut gemeint. Der Zwischenfall inspirierte die Macher der TV-Serie „South Park“ zu einer Trollaktion gegen die eigenen Fans: In einer Folge im September gab ihre Figur Cartman reihenweise Befehle wie „Alexa, schlaf gut“, was zum Abschalten tausender Fernseher führte. Der Hersteller hat das Problem erkannt. In der nächsten Generation der Produktreihe soll Alexa Stimmen unterscheiden können und nur ihrem jeweiligen Besitzer gehorchen.

Eine noch unaufgeklärte Fehlfunktion ereignete sich am Freitag vergangener Woche in Schleswig-Holstein. Nachts um zwei wurde die Polizei zu einem Haus in Pinneberg gerufen, Nachbarn hatten sich wegen lauter Musik beschwert. Nach erfolglosem Klingeln öffneten die Beamten mit Gewalt die Tür. Wohnung leer, der Mieter nicht in der Stadt. Nach jetzigem Sachstand hat Alexa allein eine Party gefeiert.

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