Bitcoins oder Bitcoin Cash? Gute Frage. Foto: imago/Science Photo Library
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Kolumne: Moritz Rinke erinnert sich Die irre Welt der Bitcoins

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Als halbwegs wacher Mensch würde man allen Bitcoin-Junkies raten: werdet schnell weise.

Auf einer Müllhalde in Wales sollen 95 Millionen Euro begraben sein. 2009 hatte der Informatiker James Howells aus Newport versehentlich Saft über seinen Rechner gekippt, auf dem 7500 Bitcoins gutgeschrieben waren, damals ein paar Cents wert. Er kaufte sich einen neuen Rechner und entsorgte den alten. Und nun steht er da irgendwo auf einer Halde in Newport und ist 95 Millionen Euro wert. Morgen wahrscheinlich schon über 100 Millionen.

Es wird noch wahnsinniger. Howell bat die Behörden, die Halde umgraben zu dürfen, diese winkten ab, zu hohe Kosten, man müsse sich durch rund 200 000 Tonnen Abfall wühlen, dabei könnten gefährliche Gase austreten. Howells gab daraufhin bekannt, für den Stadtrat zu kandidieren und im Falle eines Siegs die Festplatte ausgraben zu lassen. „Sein oder Nichtsein“, diesen berühmten Hamlet-Monolog könnte Howells dann vortragen, statt dem ausgegrabenen menschlichen Schädel eventuell endlich die Festplatte in seinen Händen haltend.

Ich habe selbst versucht, Bitcoins zu kaufen. Zuerst braucht man eine Bitcoin-Adresse und eine Bitcoin-Wallet-App. Ich entschied mich für Airbitz. Meine Bankverbindung dort lautet: 168hBKwJpom7rVQLGMRAKoCfcp3X48BBSQ, seitdem klage ich auch nie wieder über normale IBAN-Nummern.

Meine Überweisung hätte so viel Strom verbraucht wie mein Kühlschrank im ganzen Jahr

Bitcoins oder Bitcoin Cash? Gute Frage. Über „Bitcoin Cash“ las ich, Bitcoin Cash habe zudem „einen neuen Algorithmus implementiert, der es nunmehr erlaubt, deutlich schneller Datenblöcke zu minen“. Alles klar, nehm’ ich. Bitcoin Cash für erst mal 30 Euro müsste genügen, um morgen steinreich zu sein. Allerdings hätte ich danach vorerst nur noch 26 Euro, denn der „Miner“ nimmt vier Euro. Miner haben die spezielle Hardware, erfunden vom Phantom mit dem Namen Satoshi Nakamoto, um Bitcoins zu minen. (Miner sind eigentlich Bergmänner!) Offenbar hat jeder mit dieser Technik Zugriff auf eine eigene Geldpresse. Mein Miner war angeblich in China mit seriösem Bitcoin-Mining in thermoregulierten Daten-Zentren mit Tiefpreis-Elektrizität.

Ich habe das dann lieber sofort abgebrochen. „Seriöses Bitcoin-Mining in thermoregulierten Daten-Zentren mit Tiefpreis-Elektrizität.“ Bitte? Das klingt nicht gut, auf jeden Fall nicht nach Hand und Fuß. Angeblich hätte meine Überweisung mit Mining so viel verbraucht wie mein Kühlschrank im ganzen Jahr. Im Juli 2019, heißt es, werde das Bitcoin-Netzwerk mehr Strom verbrauchen als die gesamten USA, im Februar 2020 so viel wie die ganze Welt.

Irre alles.

Howells' Festplatte ist wahrscheinlich 150 Millionen Euro wert, aber wofür?

Ich muss mich offiziell bei meiner Tante entschuldigen. Die war damals sehr in der Roland-Bewegung in Bremen aktiv. Der Roland (Rol) ist eine alternative Währung für nachhaltiges Wirtschaften, vorwiegend bezahlen damit untereinander Biolandwirte und Bioläden, weshalb ich es vermutlich für esoterisch hielt statt für eine Antwort auf die entfesselte Globalisierung des Warenverkehrs.

Aber Bitcoins? Was ist daran noch alternativ zur globalen Entfesselung? Während ich dies schreibe, ist die stinkende Festplatte von Howells auf der Müllhalde wahrscheinlich 150 Millionen Euro wert, aber wert gegen was? Wofür? Welche Wertschöpfung ist denn geschehen, seit er sich 7500 Bitcoins gutschreiben ließ und dann den Saft verschüttete?

Als Dramatiker würde man Howells die Festplatte glücklich ausgraben und ihn dann tragisch untergehen lassen. Als halbwegs wacher Mensch würde man allen Bitcoin-Junkies raten, schnell weise zu werden.

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