Der Bart muss sein. So sieht ein stilechter Nikolaus aus. Foto: Felix Kästle/dpa/pa
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Kolumne: Maris Hubschmid traut sich was Warum ich mir einen Bart deluxe gekauft habe

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Billigste Watte – geht gar nicht! Ich sehe aus wie ein schwangerer Sankt Martin. In der Spielgruppe werden die Kinder meinen Bluff sofort enttarnen!

Wir hatten immer einen Nikolaus in der Spielgruppe. Wer soll denn sonst die Geschenke überreichen? Der Nikolaus war der Hausmeister. Der Hausmeister hat sich das Sprunggelenk gebrochen. Maries und Idas Väter können nicht, überhaupt ist bei den meisten unklar, ob beide Eltern dabei sein werden. Noch drei Tage bis zur Weihnachtsfeier. Die zweite Novemberhälfte ist kaum erreicht (im Dezember ballt sich ja alles), braucht es da wirklich einen Nikolaus? Mein Mann findet nein, erkältet ist er auch, mehr ein rotnasiges Rentier. Wir hatten immer einen Nikolaus. Das Kostüm kann beim Hausmeister abgeholt werden.

Die Magie von Weihnachten, bei mir hatte sie ungewöhnlich lange Bestand. Vielleicht, weil ich Nikolaus und Santa Claus nie recht gesehen habe. Letzteren haben wir stets knapp verpasst. Noch seinen Umriss am Fenster erspäht, wenn wir aus der Kirche kamen, er winkte sogar, doch waren wir hoch in die Wohnung gestürmt, hatte sich sein Schlitten bereits in die Lüfte erhoben. Nie lief ich Gefahr, einen Onkel oder Nachbarn unterm Bart zu erkennen.

Ich wirke kostümiert

Der Mantel hängt zu groß und schwer an mir herunter. Wäre es nicht besser, ein Mann macht das?, fragt eine Mutter. Die Kleinen sind doch so leicht zu beeindrucken, sagt eine andere. Was, wenn nicht? Meine Tochter ist anderthalb. Die ersten drei Jahre sind Amnesie-Jahre. Sicher? Ich habe Angst, meinem Kind den Zauber von Weihnachten zu nehmen, ehe ich ihn richtig entfachen konnte.

Ein bisschen Bauch machst du dir aber noch, ja? Ich befestige ein Kissen mit zwei Gürteln. Sehe aus wie ein schwangerer Sankt Martin. Der Bart geht gar nicht. Billigste Watte, der Bluff offenkundig. Im Internet bestelle ich eine Deluxe-Gesichtsbehaarung, 17,90 Euro plus 12,90 Euro für Expresslieferung. Verwandelt dich im Handumdrehen in einen waschechten Nikolaus.

Im Gruppenraum singen sie „Schneeflöckchen“. Nach „Lasst uns froh und munter sein“ bin ich dran. Im Flurspiegel erblicke ich mich. Meine Augen. Meine Nase. Ich wirke: kostümiert. Warum habe ich mich darauf eingelassen? Mein Herz rutscht in die Hose. Brust rein. Bauch raus. Oh, der Ni-kolaus. „Ho ho!“ Knapper, tiefer geht es nicht. Ich fürchte, die Stimme könnte mich verraten. Große Augen starren mich an. Ich versuche, mein Kind nicht häufiger anzugucken als andere. „Sicher will er wissen, ob ihr brav gewesen seid“, sagt jemand. Jeder bekommt ein Geschenk. Ein Junge zieht mit der ganzen Kraft eines Dreijährigen an meinem Bart. Panik. Das Deluxe-Gummiband hält.

Unser Kind guckt verstört

Zuletzt ist meine Tochter an der Reihe. Und wenn sie mich am Duft erkennt? Ich halte so großen Abstand wie möglich. Doch aus meiner behandschuhten Hand will sie nichts nehmen. Schließlich lasse ich sie selber in den Sack greifen. Strahlend dreht sie sich zum Vater um. Mein Herz klettert zurück an seinen Platz.

Dafür rutscht beim Aufrichten der Bauch auf die Knie. Eilig stopfe ich ihn zurück. Entsetzte Rufe bleiben aus. Ich bin nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil alles in einem Gewirr aus Auspacken und Spielen untergeht.

Ermutigt verabschiede ich mich vergleichsweise wortreich. Nicht hauen, mehr Gemüse essen, immer gnädig mit den Eltern sein. Winkewinke, um die Ecke, durch die Tür, aufatmen unterm Vordach. Mein Mann kommt hinterher, das hast du wunderbar gemacht, sagt er, und durch das Meer weißer Kunstlocken gibt er mir einen Kuss. Drinnen hinter der Glasscheibe steht unser Kind und guckt verstört.

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