Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen - in Berlin ist das üblich. Foto: Lukas Schulze/dpa
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Kolumne: Maris Hubschmid traut sich was Einmal das reiche Arschloch sein

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Chancenlos bei der Wohnungssuche? Einfach mal dreist sein und so tun, als ob man Geld und Kontakte hat. Unsere Autorin hat's getestet.

Exklusives Vorabangebot. Dreizimmertraum mit Sonnenbalkon. Altbau, Fischgrätparkett, gespachtelte Wände, Top-Lage in Prenzlauer Berg. Circa 100 Quadratmeter, Nettokaltmiete: 1598 Euro. So exklusiv ist das Angebot dann aber doch nicht. Als ich im Winsviertel ankomme, reicht die Schlange zwei Stockwerke weit.

Wie lange haben mein Freund und ich in Berlin eine Wohnung gesucht. Uns wie die letzten, naivsten, chancenlosesten Deppen gefühlt.

„Herr Waldstein?“, rufe ich sehr laut den Namen des Maklers, der mir per E-Mail den Besichtigungstermin genannt hat. Die Menschen drehen sich um. „Herr Waldstein?“, rufe ich nochmals energisch, ungeduldig. „Ich nehme an, er ist bereits oben in der Wohnung“, sagt ein sympathisch aussehender Mann um die 40, „wir sind seiner auch noch nicht angesichtig geworden.“ Ich schiebe mich vorbei. „Herr Waldstein!“ Am Treppengeländer über mir erscheint der Kopf eines glattrasierten Mannes mit Brille und gegelten Haaren. „Das bin ich. Und Sie sind?“ Jetzt stehen wir voreinander. „Ich soll Sie von Siegesmund von Nehberg grüßen“, sage ich, anstatt meinen Namen zu nennen. „Nehberg?“ Er wirkt irritiert. „Na“, sage ich, „den sollten Sie aber kennen, wenn Sie Ihren Job behalten wollen.“ Wie er reagiert, kann ich nicht sehen, weil ich bemüht bin, ihn keines Blickes zu würdigen.

"Die Wand muss raus"

Schon schreite ich durch die Räume, die gerade vier Paare begutachten, dazu zwei Familien, die Mütter jeweils ein Kind vor die Brust geschnallt. „Schicken Sie die Leute nach Hause“, sage ich. Getuschel. „Also... äh“, setzt der Makler an, doch ich falle ihm ins Wort: „Die Wand muss raus.“ Als nächstes gehe ich in die Küche, tatsächlich folgt er. Schlichte, weiße Lackfronten. „Die Küche ist natürlich ein Witz. Vermutlich Ikea?“ – „Die Küche wurde neu eingebaut“, erklärt er, „Induktionsherd“. „Keine Panik“, sage ich. „Geld spielt keine Rolle.“

Wie oft bin ich diese Sätze durchgegangen. Jetzt drohe ich doch die Fassung zu verlieren, kann ein Lachen kaum unterdrücken. Eigentlich hatte ich befürchtet, dass ich nur herumdrucksen würde. Gleich rot anlaufen. Darum habe ich mir, wie schon bei anderen Mutproben, eingeredet, es sei ein Film, ich Schauspielerin, alle anderen eingeweiht. Trotzdem habe ich am Ende noch zwei Glas Sekt getrunken, bevor ich aufgebrochen bin. Es ist Montag, elf Uhr.

„Den Rest regelt mein Vater.“

Eine Frau mit Kind wendet sich an den Makler. Sagt leise: „Wir haben großes Interesse. Darf ich Ihnen unsere Bewerbungsmappe geben?“ Ein Mann stellt sich dazu: „Wir finden es ebenfalls ganz wunderbar, würden auch gar nichts verändern wollen.“ „Die Wohnung ist nicht mehr zu haben“, gehe ich dazwischen. Herr Waldstein wirkt völlig verunsichert. „Also, ich nehme jetzt alle Interessensbekundungen zu Protokoll...“ „Nee, oder?“, kreische ich im Flur. „Nur ein Klo?“ „Die Miete ist für uns kein Problem“, fährt der Mann unbeirrt fort. „Wir wären sogar bereit, ein- bis zweihundert Euro mehr zu zahlen.“ „Süüüß“, sage ich. Seine Begleiterin sieht mich an, als wollte sie mich vom Sonnenbalkon stoßen. Aber sie schweigt.

„Schlüsselübergabe Freitag, 14 Uhr“, rufe ich noch. „Den Rest regelt mein Vater.“ Zwei Dutzend Augenpaare verfolgen, wie ich die Treppe hinabsteige. Einmal das reiche Arschloch sein. So fühlt sich das also an. Das Erschütternde ist: Derart verzweifelt sind die anderen, oder derart desillusioniert, dass sie den Auftritt kommentarlos hinnehmen.

Herr Waldstein, der in echt anders heißt, wird nie wieder von mir hören.

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