"Der typische Vater ist lockerer. Er signalisiert dem Kind: Alles kein Problem, ist nur der Doktor", sagt der Kinderdoc. Foto: imago/photothekp

Kinderarzt im Interview "Wer alle Impfungen verweigert, den schmeiße ich raus"

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Mütter äffen ihn nach, Väter kommen aufgelöst wegen einer Schürfwunde. Aber bei einem Thema wird der bloggende Kinderarzt richtig sauer: Impfen.

In Deutschland ist kein Kinderarzt-Blog so erfolgreich wie Ihrer. Dennoch treffen wir uns inkognito in Ihrer Praxis in Süddeutschland. Warum wollen Sie anonym bleiben?

Weil ich so freier schreiben und sprechen kann. Außerdem könnten sich meine Patienten wiedererkennen und bloßgestellt fühlen – obwohl ich verfremde, Details ändere und ähnliche Vorfälle zusammenfasse. Hinzu kommt, dass meine Zunft sehr neiderfüllt ist. Das ist echt schlimm. Da schielt der eine Arzt danach, was der andere macht. Also bleibe ich lieber anonym. Ich will keinen Ruhm und mir nicht vorwerfen lassen, dass ich blogge, um Patienten zu ködern.

Wenn Sie keinen Ruhm wollen, was wollen Sie dann?

Ich will, dass die Eltern lockerer werden. Mehr ihrem Instinkt vertrauen und sich nicht von jeder Meinung aus dem Internet, den Erziehern und Schuhverkäufern verunsichern lassen.

Schuhverkäufern?

Viele Kinder neigen in den ersten Jahren zu einem etwas einwärts gedrehten Gang. Das ist normal und verläuft sich, spätestens bis zum Schulalter. Doch der Schuhverkäufer macht Panik und empfiehlt natürlich spezielle Lauflernschuhe oder medizinische Einlagen. Der Einzige, der hier was zu empfehlen hat, bin ich, der Kinderarzt.

Wie lange schreiben Sie schon?

Seit zehn Jahren. Zuerst wollte ich mich über meinen Praxisalltag auskotzen. Meine Gedanken loswerden für mein Seelenheil und für das meiner Frau. Sie war es, die alles abkriegte, wenn ich abends nach Hause kam. Am Anfang hat es kaum jemanden interessiert. Als vor sechs Jahren ein Artikel mehr als 1000 Leser hatte, habe ich eine Flasche Schampus aufgemacht. Heute lesen mich 5000 Menschen am Tag.

Passiert Ihnen das manchmal, dass Sie von Ihrem Arztstuhl aufspringen und die Eltern Ihrer kleinen Patienten so richtig durchschütteln wollen?

Ja, wenn ich eine Impfverweigerin vor mir habe. Oder eine Globuli-Gläubige, dann juckt es mich in den Fingern.

Der Kinderdoc

Unter kinderdoc.wordpress.com bloggt unser Interviewpartner seit 2006. Seine eigene Praxis führt er seit 14 Jahren, davor arbeitete er mehrere Jahre in der Neugeborenenstation einer großen Klinik.

Der„Kinderdoc“ lebt mit seiner Frau, zwei Kindern und einer Katze in Süddeutschland. Von ihm ist auch ein Buch erschienen: „Babyrotz & Elternschiss – Aus der Sprechstunde eines Kinderarztes“ (Eichborn).

Eltern sollten entspannter mit ihren Kindern und den Krankheiten umgehen. Foto: Niti/Fotoliap

Warum reden Sie in der weiblichen Form?

Es sind zu 75 Prozent Frauen, die in meine Praxis kommen. Mütter machen Elternzeit. Mütter kümmern sich um die Versorgung, um die Gesundheit. Männer geben diesen Part gerne ab. Obwohl sich das langsam ändert.

Unterscheidet sich das Verhalten von Müttern und Vätern in der Praxis?

Der typische Vater ist lockerer, setzt sein Kind in die eine Ecke und sich auf den Stuhl. Er signalisiert dem Kind: Alles kein Problem, ist nur der Doktor. Die typische Mutter nimmt das Kind auf den Schoß. Sie signalisiert: Ich beschütze dich.

Wen mögen Sie lieber?

Das kommt auf die Familie an. Manchmal denke ich: „Hoffentlich kommt diesmal die Mutter“, oder aber: „Lass es heute bitte, bitte den Vater sein.“

Über Impfen und Globuli sprechen wir noch. Was ärgert Sie außerdem?

Uneinsichtigkeit. Ein Kind hat Neurodermitis. Ich verschreibe eine Salbe und gebe die Anordnung, dass jeden Tag eingecremt werden muss. Vier Wochen später ist das Kind erneut da und hat wieder offene Arme, nass und blutig gekratzt.

Wie kann das sein?

Ich frage die Eltern: „Haben Sie die Salbe nicht gegeben?“ Sie antworten: „Doch, aber es war dann gut und wir haben aufgehört.“ Bis zu diesem Punkt ist das okay. Aus Fehlern kann man lernen. Doch sie tun es nicht, und beim nächsten Mal hat das Kind wieder offene Arme. So etwas ärgert mich dermaßen, da muss ich autoritär werden.

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