Ihr Werkzeug. Über Handy halten sie Kontakt zu den Reportern vor Ort. Foto: Raphael Knippingp

Kampf gegen den Islamischen Staat Wie zwei Brüder die Welt über Syrien informieren

Bartholomäus Laffert
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Immer, wenn das Handy vibriert, zittern sie: Zwei syrische Brüder filtern in einer deutschen Kleinstadt Nachrichten aus dem IS-Gebiet. Und riskieren damit ihr Leben.

Zum Glück hat Mohammad al Kheder den schönsten Tag seines Lebens mit der Handykamera aufgenommen. Sonst würde er heute selbst nicht glauben, dass es ihn je gegeben hat. Den 11. Juni 2011.

Die desertierten Soldaten, die mit den Fingern ein Peace-Zeichen formen. Die feiernden Menschen, die Arm in Arm auf den Panzern stehen, die Assad in die syrische Kleinstadt Al Bokamal an der irakischen Grenze geschickt hatte, um die Demonstration niederzuschießen. Die tanzen, weinen, „Selmiyyeh, selmiyyeh“ rufen. Friedlich, friedlich! Mohammad, damals 25 Jahre alt, schreit mit heiserer Stimme wieder und wieder in sein Telefon: „Die Armee und das Volk sind eins!“

Es sind die Bilder aus Mohammads Handykamera, die zwei Tage später in Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt laufen werden. Für viele steht damals fest: Die Geschichte des Arabischen Frühlings wird in Syrien weitergeschrieben!

Mohammad ist heute 31, er wird traurig, als die verwackelten Bilder des Youtube-Videos über den Bildschirm seines Laptops laufen. „Wir waren uns so sicher: Bald würde Assad fallen, die Revolution siegen. Bald würde alles gut“, sagt er bitter und zündet sich eine Zigarette an.

Die Menschen, die demonstriert haben, sind tot oder auf der Flucht

Seit dem 11. Juni 2011 sind fünfeinhalb Jahre vergangen. Assad gibt es noch immer, die Revolution hat nicht gesiegt und wäre alles gut geworden, würde Mohammad heute noch immer in Syrien leben und müsste sich nicht in einer deutschen Kleinstadt verstecken, deren Namen er kaum aussprechen kann. Die Menschen, die damals demonstriert haben, wären heute nicht tot oder geflohen, würden nicht lange schwarze Rauschebärte oder Ganzkörperschleier tragen, die der IS ihnen aufzwingt. Mohammad würde dann vielleicht weiter als Werbedesigner arbeiten und nicht als Journalist.

An diesem Morgen im Frühling sitzt Mohammad rauchend und mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Aghiad an dem Metalltisch mit der Blümchentischdecke in seiner Zweizimmerwohnung. Mit von einem Reif zurückgehaltenen Haaren und dem Träumerblick sieht er ein bisschen aus wie der inhaftierte saudische Blogger Raif Badawi, Aghiad mit zerzaustem Hipster-Vollbart und knochigen Wangen eher wie aus einem Outdoor-Werbekatalog. Vor den beiden auf dem Tisch stehen zwei aufgeklappte Laptops mit abgeklebten Webcams, eine Ein-Liter-Thermoskanne Kaffee und drei Packungen Marlboro Gold, die großen. Daneben liegen zwei schwarze Samsung Galaxy.

Wenn eines der Handys vibriert, ist das so, als würde der Piepser bei der freiwilligen Feuerwehr losgehen. Die beiden zucken kurz zusammen, Mohammad ist das ein bisschen peinlich. „Sorry“, sagt er jedes Mal, „das ist grade wirklich wichtig, können wir später weiterreden?“, und normalerweise kommt dann etwas wie: „In Raqqa hat der IS gerade einen 18-Jährigen exekutiert“.

"Wir sind keine richtigen Journalisten, wir sind Bürgerjournalisten"

An diesem Morgen fragt Mohammad nur: „Aghiad? Der Typ von der BBC hat geschrieben. Die brauchen bis morgen früh einen Bericht aus West-Mossul. Kriegen wir das hin?“ Vier Tage zuvor hat die irakische Armee mit ihren internationalen Verbündeten eine Offensive gestartet, um den Westteil der Stadt vom IS zu befreien.

Man solle das jetzt bloß nicht missverstehen. „Wir sind keine richtigen Journalisten, wir sind Bürgerjournalisten“, erklärt Mohammad. Der Unterschied ist ihm wichtig, er ist auch ein wenig stolz drauf. „Wir sind Aktivisten, erst der Krieg hat uns zu Journalisten gemacht. Wir arbeiten nicht für Ruhm, Geld oder sonst was. Sondern nur wegen der Wahrheit, den Menschen in Syrien und damit die Revolution weitergeht.“

Vor allem erledigen Mohammad und Aghiad einen Job, den westliche Medienkorrespondenten nicht erfüllen können, weil ihnen dazu Know-how und vor allem die Kontakte fehlen: Sie berichten direkt aus den Gebieten in Syrien und dem Irak, die der sogenannte Islamische Staat zum Kalifat erklärt hat. Sie dokumentieren die Verbrechen, die der IS, die Anti-IS-Koalition, die Russen und das Assad-Regime an der Bevölkerung begehen. Vor zwei Jahren haben die beiden hierfür das englisch-arabisch-sprachige Newsportal sound-and-picture.com gegründet. Heute leiten sie das „Sound-and-Picture-Headoffice“, wie sie den Metalltisch und die zwei Laptops in Mohammads Wohnzimmer im Scherz nennen. Mit ihren Gesichtern stehen sie für die Organisation.

Kaum eine Stunde, in der sein Telefon, also Syrien, stillsteht

Auf dem Twitter-Account von „Sound and Picture“ ploppen im Minutentakt Nachrichten auf, wie beim Live-Ticker eines Fußballmatchs: „#Deir-ez-Zor: ISIS bestraft Fußballteam und Schiedsrichter mit Peitschenhieben“, „#Raqqa: ISIS tötet Mann und hängt Leichnam ans Kreuz. Wird beschuldigt, westlicher Spion zu sein“, oder „#Raqqa: Koalition zerstört Brücken über dem Euphrat. Strafe für ISIS oder für Zivilisten?“ Zusammenfassung eines weiteren Tages im IS-Land.

Aghiad, der jüngere der beiden, sieht müde aus. Unter seinen Augen Ringe, als hätte sie jemand mit Edding nachgezogen. Er hat zwei Stunden geschlafen, vorgestern war es nur eine. „Ich kann nicht mit gutem Gewissen ins Bett gehen, wenn ich mein Handy ausschalte“, sagt der 26-Jährige. Kaum eine Stunde, in der sein Telefon, also Syrien, stillsteht. „Die Russen bombardieren meist tagsüber, die Drohnen und Flieger der Anti-IS-Koalition bomben meist nachts, der IS köpft manchmal zehn Menschen am Tag, dann wieder eine Woche niemanden.“

Die wichtigsten Neuigkeiten posten die beiden sofort auf Twitter. Exklusives und Hintergrundberichte folgen auf der Website. „Wir schaffen es nicht, alles zu veröffentlichen“, sagt Mohammad, der Ältere, „dazu haben wir schlicht nicht die Kapazitäten.“ Allein das Videomaterial aus Syrien, das auf den Festplatten der beiden lagert, umfasse über 800 Stunden. Einen Teil davon publizieren sie selbst, den Rest geben sie weiter an Menschenrechtsorganisationen und die UN sowie an renommierte internationale Medien, denen die beiden als inoffizielle Korrespondenten aus dem Kalifat dienen.

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