Ulrich Tukur mit seiner Ehefrau Katharina John bei der 28. Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises. Foto: imago/Future Image
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Interview mit Ulrich Tukur "Ich habe meine Frau nie ungeschminkt gesehen"

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Früher sammelte er Todesanzeigen, im Hotel verlangt er stets ein Zimmer zur Straße. Ulrich Tukur über Tinnitus, seine Konzerttournee und seinen Abschied aus Venedig.

Herr Tukur, als eine Kollegin neulich an einem Samstagmorgen um acht über den leeren Tauentzien fuhr, fielen ihr auf dem Wittenbergplatz zwei Menschen auf, die aussahen, als kämen sie direkt aus den 20er Jahren. Beim Näherkommen wurde klar: Das waren Sie und Ihre Frau. Was haben Sie in aller Herrgottsfrühe da gemacht?

Keine Ahnung. Vielleicht den Hund ausgeführt.

In perfektem Kostüm? Ihre Frau mit schwarzer Bubikopffrisur …

… sie hat ein sehr hohes Stilbewusstsein. Ich will Ihnen mal was sagen: Ich habe meine Frau noch nie ungeschminkt gesehen. Die liegt auch geschminkt neben mir im Bett. Und die Mode war ja nie schöner als zu der Zeit, in der Europa verbrannte, in den späten 30er Jahren.

Geschmackssache.

Heute herrscht eine erschütternde Uniformität. Als ich neulich durch einen Waggon der Eisenbahn lief, stellte ich fest, dass 90 Prozent der Leute Bluejeans trugen. Wenn man dagegen in Berlin mit einer Knickerbocker herumläuft, wird man angeguckt, als hätte man einen Dachschaden.

In der Mode kehrt alles wieder. Wenn man sich exakt wie vor 80, 90 Jahren kleidet, geht es doch um etwas anderes als nur ums Styling.

Ich habe Sehnsucht nach einer Zeit, in der noch nicht alles entdeckt, auseinandergenommen, verwurstet und entweiht war. Manchmal würde ich gern Anfang des 19. Jahrhunderts leben, manchmal in den 20er, 30er, 40er Jahren, wegen der Musik, die mich so fasziniert: dem Jazz. Dann lebe ich auch mal ganz gerne im Jetzt – wenn ich krank bin.

Ulrich Tukur

Ulrich Tukur, 60, sitzt beim Interview in der Komödie am Kurfürstendamm, zu seinen Füßen liegt sein Hund. „Ich würd’ jetzt wahnsinnig gern rauchen“, sagt der Schauspieler. Doch das ist hier verboten.
Im benachbarten Theater am Kurfürstendamm wird er im Februar mit seiner Band „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“ an drei aufeinanderfolgenden Abenden auftreten. Am 17. feiert das Quartett – Tukur am Akkordeon und Klavier – hier Premiere des neuen Programms mit dem Titel „Grüß’ mir den Mond“. Sie haben unter anderem Songs von Cole Porter und Duke Ellington sowie deutsche Schlager aus der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts neu arrangiert.
Bekannter ist Ulrich Tukur, geboren in Viernheim, Baden-Württemberg, Geburtsname Scheurlen, als Schauspieler. Gustav Schwab, der die „Sagen des klassischen Altertums“ nacherzählte, gehört zu seinen Vorfahren.
Seinen Durchbruch hatte Tukur 1984 in der Rolle des SS-Sturmbannführers Kittel in Peter Zadeks Inszenierung „Ghetto“ an der Freien Volksbühne Berlin. 1995 wurde er Intendant der Hamburger Kammerspiele, das Amt legte er 2003 nieder, nachdem die Kulturbehörde höhere Subventionen verweigert hatte. Neben zahlreichen biografischen Rollen in deutschen Produktionen spielte Tukur im Film „Das Leben der Anderen“, der mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, und in „Das weiße Band“, der den Golden Globe erhielt. Seit 2010 ist Tukur
außerdem „Tatort“-Kommissar des Hessischen Rundfunks.

Ulrich Tukur, einer der beliebtesten deutschen Schauspieler, galt an der Schauspielschule als mäßig talentiert. Foto: Mike Wolff
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Was haben Sie da neulich in Berlin gemacht?

Dreharbeiten. Ich habe in einem ZDF-Zweiteiler eine Figur gespielt, die dem Treuhandchef Detlev Rohwedder nachempfunden war.

Sie wurden also umgebracht.

Ja. Schuss ins Herz.

Wer Sie schon alles waren: Andreas Baader, Dietrich Bonhoeffer, Willi Graf, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Bernhard Grzimek, Erwin Rommel, jetzt Rohwedder …

Vielleicht ein bisschen viel. Ich bin eben ein Biografien-Schauspieler.

Es ist sicher ein großer Spaß, wenn man die alle mal sein kann.

Kann man ja nicht. Das Ganze ist immer Spiel. Wir Schauspieler sind mehr oder weniger begabte Hochstapler. Und es ist faszinierend zu sehen, dass das Publikum einem glaubt – wie Kinder in einem Kasperletheater. Wenn man abgründige Figuren spielt, denkt der Zuschauer, man hätte solche finsteren Anteile in sich. Nein! Ich spiele ja nur, stelle etwas hin, werfe es in die Luft und jongliere damit. Sonst würde ich schizophren. Ich hatte schon mit Kollegen zu tun, vor allem Kolleginnen, die ihren Beruf als Selbsttherapie verstanden. Das ist für mich unerträglich mitanzusehen.

Wie sieht das aus?

Die schmeißen ihr ganzes Elend in die Rolle hinein, und man hat Angst, dass sie im Moment der Aktion kaputtgehen, weil das eben kein Spiel mehr ist. Es geht um die Wurst. Als Zuschauer wird man zum Voyeur.

Wie kann es sein, dass ein einziger Mann so viele prägende Deutsche, so viele gegensätzliche Typen des vergangenen Jahrhunderts verkörpert?

Weil ich keinen Charakter habe. Wer keinen Charakter hat, kann alles spielen.

Isabelle Huppert sprach von Passivität, die einen guten Schauspieler ausmache: der Darsteller als willfähriges Werkzeug.

Für sie mag das richtig sein. Bei mir dauert es eine Weile, bis ich mich in eine Rolle hineinfinde. Bei historischen Figuren mache ich mich kundig: Wie ist die Zeit gewesen, in der sie lebten? Was waren die Besonderheiten dieses Menschen? Wie hat er sich bewegt? Aber nicht übertreiben. Wenn man zu viel Fracht in die Gestaltung mitnimmt, behindert man sich. Man muss abwarten. Irgendwann findet sich ein Zugang. Das ist die Erfahrung, die ich mit Peter Zadek gemacht habe: Stell nichts her, wenn es noch nicht da ist.

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