Marina Abramovic Foto: (c) Paola + Murray
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Interview mit Marina Abramovic "Mit 70 muss man den Bullshit reduzieren"
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"Die Kids hatten noch nie echte Stille erlebt"

Marina Abramovic vor dem Gemälde "Le Reveil". Foto: Georgios Kefalas/picture alliance/dpa
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Sie sind streng zu sich – was verlangen Sie bei Ihren Ausstellungen vom Publikum?

Wer kommt, muss als Erstes sein Telefon abgeben, seinen Computer, seine Uhr, alles. Dann setzen die Leute sich Kopfhörer auf, die alle Geräusche ausblenden. Das ist der Moment des Übergangs: vom Zuschauer zum Teilnehmer.

Computer weg, Smartphone weg – für viele Leute ist das bestimmt wie kalter Entzug.

Ich habe junge Japaner erlebt, die haben ihre Kopfhörer aufgesetzt, gelauscht – und gesagt: Die funktionieren nicht, man hört gar nichts! Daraufhin habe ich ihnen erklärt, genau, das soll so sein, es geht um Stille. Die sind durchgedreht! Haben ihre Freunde angeschleppt, die ihre Freunde geholt haben... Diese Kids hatten noch nie echte Stille erlebt. Irgendwo war immer Musik oder irgendwas. Mein Publikum ist ja sehr jung, meist Mitte 20. Dann machen sie ganz einfache Sachen – stehen, sitzen, liegen. Anschließend geht es daran, Linsen und Reiskörner zu zählen. Total interessant: Weil, so wie du Reiskörner und Linsen zählst und sortierst, gehst du mit deinem Leben um. Jeder macht das anders. Das dauert Stunden.

Wie bitte – wie man Reiskörner zählt, so lebt man?

Man fängt amüsiert an. Dann ist man total frustriert, weil man nicht fertig wird. Danach wird man wütend. Man verliert die Konzentration, der Kopf spielt verrückt. Aber wenn man all diese Stadien durchlaufen hat, fängt man irgendwann an, regelmäßig zu atmen, der Geist stabilisiert sich, man bekommt Ergebnisse. Wenn du es schaffst, Linsen und Reiskörner zu zählen, wirst du auch das Leben meistern. Denn das ist es, worum es geht: Disziplin, Selbstkontrolle, Konzentration.

Die Kunstwelt wirft Ihnen vor, was Sie machen, sei keine Kunst mehr, sondern New Age.

New Age interessiert mich nicht, ich weiß nicht mal, was das ist. Was mich interessiert, ist das Bewusstsein, wie Menschen sich verändern.

Sie werden auch wegen Ihrer Nähe zur Modewelt angegriffen.

Seit sieben Jahren habe ich mir kein einziges Kleidungsstück mehr gekauft – ich bekomme alles geschenkt! Früher hatte ich nie das Geld für solche Sachen. Und jetzt soll ich das nicht tragen? Entschuldigung. Alles, was Sie hier sehen, was ich an mir habe, haben mir andere gegeben. Das heißt, stimmt nicht, die Gummistiefel hab ich selbst gekauft, die braucht man in New York.

Leben Sie gerne hier?

Die Energie ist unglaublich. Du musst in New York sein und du musst die Stadt verlassen, zurückkommen und wieder gehen, sonst frisst sie dich auf. Wissen Sie, dass die ganze Stadt auf Granit gebaut ist? Da versickert nichts. Du wachst morgens auf und arbeitest wie verrückt und am nächsten Tag fängt alles wieder von vorne an. Es hört nie auf. Alle befinden sich in diesem Rausch.

Der kann auch tödlich sein.

Sterben will ich nicht in New York! Wenn ich alles satthabe und müde bin, werde ich in ein Kloster nach Indien gehen. Du gibst ihnen Geld, und sie kümmern sich um dich. Da haben sie wunderschöne Katzenbären, ich bin verrückt nach denen. So wie nach Koalas. Sie machen einen glücklich am Morgen. Aber nicht hier sterben, wie die – wie nennt man die? – „alten Leute“. Wenn du hier alt bist, das ist so, als wärst du schmutzig.

Sie zwingen Ihrem Publikum Stille auf. Was bedeutet die für Sie selbst?

Für mich geht es nicht um die räumliche Stille um mich herum, sondern die Stille des Geistes. Wenn man es schafft, diesen Denkraum zu betreten, das ist echte Stille. Die wunderbaren Tibetaner haben ein Wort dafür, sie nennen es Sosein. Es bedeutet Leere, doch voller Bedeutung. Keine leere Leere. Wenn man diese geistige Stille erreicht hat, welche einem die Möglichkeit gibt, die Bedeutung des Lebens zu verstehen. Das ist für mich Stille. Aber es ist nicht einfach, da hinzukommen.

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